Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 15 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Leite 5. Japan mit Geld und Waffen unter st ützen. Die! ebenso unsinnige als ungeheuerliche Beschuldigung findet Glauben, da sie doch nur gegen die Juden gerichtet ist. Die „Neuesten Nachrichten" des jüdischen Arbeiterbundes melden aus Dwinsk, daß sogar die jüdischen Soldaten der dortigen Garnison von den Offizieren, auf Grund dieser entsetzlichen Anklage, geradezu an das Messer geliefert werden. „Das sind unsere Feinde', erklärte ein Offizier den Soldaten, „das sind keine Menschen, nein, es ist Vieh; man sollte sie alle hängen, ertränken, erschlagen." Und dazu schweig: die Regierung des Herrn von 'Plehwe! * ■ # * Dem Kruschewan von Wien — den Namen eines solchen hat sich der Herausgeber des ..Deutschen Volksblattes" in Wien mit Stolz beigelegt — ist das Hetzhandwerk noch nicht gelegt worden. Aber mit einiger Genugthung darf darauf hingewiesen werden, daß sich bei uns die Reihen der antisemitischen Häuptlinge zu lichten beginnen dürsten, da sich doch jeden Augenblick einer aus ihrer Mitte — stiehlt. Der Ritter von O r l 0 w s k i, der in Krakau ein großes Antisemitenblatt gegründet hatte und nachdem dies scheiterte, in Wien eine politische Karriere emschlagen wollte, ist wegen vielfacher Unterschlagungen steckbrieflich verfolgt worden, und er süße bereits hinter Schloß und Riegel, wenn seine — Auslieferung nicht auf Schwierigkeiten stieße. Herr v. Orlowsky ist ein abgetaner Mann, er wird, wenn er einmal das Gefängnis verlassen hat, als ein Führer der Antisemiten kaum mehr eine Rolle spielen. Auch wenn ihm dann noch die Gunst eines anderen Antisemitenführers, des Abgeordneten und Hetzpriesters S t o j a l o w s k i, gesichert sein sollte, der ihn bisher mit seiner intimen Freundschaft beehrt hatte. Allzustolz braucht Stojalowski freilich unter keinen Umständen gegen seinen Gesinnungsgenossen Orlowski zu sein. Zur selben Zeit, als man Orlowskis Gaunereien las, war auch in den Blättern die kurze telegraphische Nachricht enthalten, daß Stojalowski einen Ehrenbeleidigungsprozeß gegen einen polnischen Redakteur erhoben hatte, weil dieser ihm vorgeworfen, daß er Gelder, die er für politische Zwecke erhalten, für sich verwendet habe. Der Geklagte wurde freigesp ro chen, nachdem ihm gelungen war, den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung z u e r b r i n g e n. Das wird aber Stojalowski, den Freund und Gesinnungsgenossen Orlowski's, nicht hindern, nächstens wieder alle Juden zu beschimpfen, daß sie unehrlich sind und in Geldsachen keine Moral kennen. * * In der Wiener liberalen Presse wurde die Haltung des Direktors Karczag (vom Theater an der Wien), der einen Gastspielvertrag mit dem Direktor des antisemitischen Jubiläums- Theaters abschloß, scharf verurteilt, weil er angeblich in die Bedingung eingewilligt hatte, jüdische Mitglieder seiner Bühne auszuschalten. Merkwürdigerweise wurde da eines übersehen, nämlich der Umstand, daß die Idee dieses Gastspieles auch ohne diese Bedingung nicht viel achtenswerter und sympatischer erscheinen konnte. Die Tatsache, daß der von Inden abstammende Direktor eines Wiener Theaters sich überhaupt zu einem Gastspiele im Jubiläumstheater entschließen konnte, welches auf antisemitischer Grundlage beruht und jüdische Künstler boykottiert, muß als eine unwürdige, beschämende betrachtet werden. Auch ohne seine jüdische Abstammung hätte Herr Karczag vom rein künstlerischen Standpunkte diese — wenn auch nur dreitägige — Allianz mit einer Bühne ablehnen müssen, die ein Programm vertritt, welches den primitivsten Forderungen von Bildung und Kunst Hohn spricht. Das Benehmen des Herrn Karczag wird inkein schöneres Licht gerückt, wenn darauf hingewiesen wird, daß Herr Rainer-Simons, der > Direktor des Jubiläumstheaters, eigentlich auch mit ihm nicht! hätte in Verhandlungen treten dürfen. Das bewiese nur, daß j diese zwei Herren sich gegenseitig nichts vorzuwerfen haben. Diese j Gastspiel-Episode zeigt aber jedenfalls auch, wie corrumpierend der j Antisemitismus auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens wirkt, j „Antisemiten. Von Rabbiner Dr. Tänzer, Hohenems. Was sind Antisemiten? Menschen, die in Judenhaß machen, sich eine erhöhte Position im Leben verschaffen, indem sie rücksichtslos auf den Rücken der Juden steigen, Menschen, die ihre Daseinsberechtigung auf unserer Erde den Juden zu danken haben, so ungefähr, wie selbst der zahnlose Hund noch Anspruch auf Duldung im Hause macht, weil er vorgibt, Diebe zu verscheuchen. Antisemiten sind zweibeinige Wesen, die ohne Juden überhaupt nichts wären. Doch diese große Masse unserer ehrenwerten Feinde ist allzusehr von gleichem Gepräge, zu monoton nach einem Leisten geschnitten und wirkt auf die Dauer gar zu langweilig. Immer dieselben Nullen mit demselben Geschwätze von der Gemeingefährlichkeit, dem Reicytume, Wucher rc. der Juden, das ewige Einerlei dieser Biehlolawekei wirkt endlich, nun dauerts ja schon Jahrzehnte lang, ungemein ermüdend. Wir brauchen neue Antisemiten, mit wieder frisch grünendem Kohl, brauchen Abwechselung in unserm sonst so sterbensmüden, öffentlichen jüdischen Leben. Und unsere sprichwörtlich gewordene Findigkeit läßt uns auch hier nicht im Stiche. Wir machen uns einfach neue Antisemiten. Ja, mir machen diesen neuen Modeartikel, bringen ihn mit der nötigen Reklame auf den öffentlichen Markt der Presse und der Bücherei und nehmen in echt jüdischer Selbstlosigkeit nicht einmal ein Patent auf diese unsere Erfindung. Und diese neugeschasfene Sorte von Antisemiten unterscheidet sich wesentlich von der bisher landläufigen. Man merkts gleich, dieses Werk lobt seinen Meister, denn es ist aus weit besserem Holze geschnitzt, als die bisherigen Vertreter der ehrbaren Gilde, die in den diversen Ratsstuben sitzen. Was will es heißen, aus weichem, schlammigem Lehm einen Götzen zu zu bilden? Der klebrige, eklige Stoff ist nichts Besseres wert und an sich schon widerlich. Mache einen Götzen aus Marmor oder Gold, aus an sich schon kostbarem Stoffe, und schreie dann mit allen Brusttönen der Ueberzeugung: Bist doch ein Götze, ich verachte dich! Ja, das ist ganz was Anderes. Ein Gregorig, Schneider, Biehlolawek rc. als Antisemiten, tönerne Götzen. Nimm aber die führenden Geister unserer Zeit, die Vertreter der derzeit höchsten menschlichen Geistesentwicklung, die berühmten Forscher und Gelehrten, die ihr ganzes Leben den tiesernstesten Forschungen widmen mit einer nur wenigen Sterblichen möglichen Selbstaufopferung, nimm sie, die Haeckels, LadenburgS, Delitzsch' u. s. w. und schreie und schreibe mir ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen: Antisemiten! Antisemiten! dann, ja dann ist etwas anderes. Dann haben wir wenigstens Gegner, deren man sich immerhin rühmen kann, Menschen, die ihre Berühmtheit nicht uns verdanken, sondern bei denen es uns zum Ruhme gereicht, so sie uns beachten. Doch denken jene nicht daran, weder in freundlichem noch feindlichem Sinne. Die Wissenschaft geht ihren sicheren Weg, unbekümmert darum, ob sie da und dort alteingewurzelte Vorstellungen über den Haufen wirft. Ja sie arbeitet deshalb ununterbrochen, weil die bisherige Vorstellungswelt ihr zu dürftig erscheint und sie an Stelle der Vorstellung die Erkenntnis setzen will. Und jeder ruhig denkende, das ganz Selbstverständliche der fortwährenden Entwicklung und Um- und Ausgestaltung der Ideen und Begriffe ins Auge fassende Mensch wird deshalb auch die Objektivität des wissenschaftlichen Forschers schätzen, eingehend und wieder objektiv die Forschungsergebnisse au sich herantreten lassen, sie prüfen und anerkennen oder verwerfen. Aber den ernsten, nur seiner Wissenschaft lebenden Forscher zum Antisemiten, zum persönlichen Judenfeinde stempeln, weil diese oder jene seiner Folgerungen — mögen sie berechtigt sein oder nicht — die eine oder andere unserer bisherigen Borstellungett zu stürzen drohen, das ist nicht nur ungerecht, nicht nur gefährlich, das ist lächerlich. Wir Juden, zu gut - noch in beträchtlich kulturellem Rückstände, erklären jede wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnis sich nicht ganz und gar mit unseren alten, in einer auf vielen, vornehmlich auf naturwissenschaftlichem Gebiete