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Die Wahrheit · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Nr. 15 Die Wahrheit Im Gespräche mit Weil*) äußerte er sich: „Sie werden einen falschen Eid leisten, denn niemals wird ein Jude an die Göttlichkeit eines Juden glauben, nicht einmal Neander und Stahl, wie sehr sie sich auch dagegen sträubten. Nur durch diese Lüge werden sie und ihre Kinder ihre natürlichen Rechte genießen, die die Christen den Juden vorenthalten . . . . " So, könnte man doch meinen, kann nur ein warmer Jude sprechen, und doch hat es ihn nicht von der Taufe abgehalten. Auch Börne hat dasselbe gedacht und wurde — Taufjude. Wir sehen also, daß derlei Redensarten: „Der Taufjude ist ein Schuft und Meineidiger. Man soll kämpfen für das Recht, wenn man auch unterliegt u. s. w." nicht einmal denjenigen, der dies ausspricht, vor der Taufe schützt, wenn er nicht weiß, was eigentlich der Kern des Judentums ist und wofür er zu leiden hat. Solche Juden sagen: „Ich bin kein Jude, ich war ja kaum ein solcher gewesen; das Judentum bietet mir nichts, als höchstens — das Märtyrertum, das alle Juden tragen; zum Märtyrer aber fühle ich keinen Beruf in mir." Solche Einbildungen können nur durch Aufklärung bekämpft werden. Es ist nicht so ganz ausgemachte Wahrheit, sie sind alle doch Juden, indem sie an den einzigen, heiligen, lebenden Gott glauben. Dieser Glaube war immer der Grundgedanke des Judentums, für den seine Bekenner gekämpft und gelitten, an dem sie sich erquickt und getröstet haben. Selbst zu einer Zeit, da bei der Masse das Zeremonialgesetz in weit höherer Achtung stand und dasselbe als weit verbindlicher betrachtet wurde, sagten die alten Lehrer, der heiße in Wahrheit ein Jude, der den Götzendienst abweise und dem einzigen Gotte keine andere Macht zugeselle. Das Judentum hat sich seit tausenden von Jahren durchgebildet, das Judentum von heute ist nicht das Judentum von ehemals, aber dieser Grundsatz ist immer geblieben. Unsere Massen sind also Juden, wenn sie auch die Zeremonialgesetze nicht einhalten, und können daher nie und nimmer Christen werden. Wenn das Judentum ihnen nichts bietet, ist es nicht die Schuld des Judentums, sondern der Führer, da sie nichts tun, um der Masse das Judentum zugänglich zu machen. Das Judentum mit seiner festlichen Weihe, das Judentum mit seiner reichen großartigen Geschichte, das Judentum mit seiner Innigkeit des Familienlebens, das Judentum mit seinem mitleidigen Herzen, das Judentum mit seinem reinen Gottesglauben, das Judentum mit seiner mächtigen Dulderenergie soll nichts bieten? Der Gegenstand ist viel zu wichtig und umfassend, als daß er mit wenigen Worten abgetan sein könnte. Er bedarf vielmehr nicht blos innerhalb der Wissenschaft, sondern auch vor dem großen gebildeten Publikum einer weiteren Ausführung. Ist doch die Frage eine Frage des Lebens und müssen ja diesem die Resultate der Wissenschaft zu faßlichem Eigentnme als erwärmende und belebende Ueberzeugung zugeführt werden! Ich beabsichtige daher, das Wesen des Judentums einst und jetzt in kurzer Zeit ernst zu behandeln. Ich stelle aber schon jetzt die unerschütterliche Behauptung auf, daß man sich dann leicht überzeugen wird, daß der Jude, dem Wahrheit und Recht, Ehre und Gewissen kein leerer Schall sind, nicht ausscheiden darf. Er müßte denn von der Gottheit Jesu, der Dreieinigkeit in seinem tiefsten Innern nach derKirchenlehre überzeugt sein. Oder es sollte der Mann der Wissenschaft damit in seine Laufbahn treten, daß er seine Erstgeburt um ein Linsengericht verkauft, die Wahrheit um eine Stelle vertrödelt? Es sollte der zu bürgerlichem Ansehen gelangte Mann damit seine Ehre steigern, daß er seine Ehrenhaftigkeit darum gibt? Es sollten Väter und Mütter während sie selbst im Judentume verharren und damit bekennen, daß sie keine christliche Ueberzeugung haben, dennoch berechtigt sein, ihre Kinder überzuführen, um ihnen Bequemlichkeiten zu verschaffen, ohne daß das Gewissen ihnen schlüge ob des Leichtsinns, dessen sie sich selbst zeihen? Oder es sollte der Reiche seine Kinder für zu gut halten, den *) Souvenirs intimes de H. Heine par Alexander Weil, Paris 1883. langen Kampf, der sich vielleicht dem Ende nähert, den Kampf für Wahrheit und Recht, fortzuführen; sollte sie für zu gut halten, gute, wackere, wenn auch unbetitelte Juden zu sein? Er sollte glauben dürfen, es ehre den Sohn und die Tochter mehr, wenn sie sich losreißen von ihren Stammesgenossen um äußeren Glanzes willen? Er sollte glauben, damit das Heil, das sittliche Wohl dieser Kinder zu verbürgen? Dahin wird es im Judentume nicht kommen, wenn man das Wesen des Judentums kennen lernen wird. Wozu der Druck nicht geführt hat, dazu werden auch die gleißnerischen Reden nicht führen. Und was der Fanatismus nicht vermocht hat, das wird auch die schlaffe Mattherzigkeit nicht bewirken. — t — Ans der Woche. Das offizielle Rußland ist, seitdem es den Krieg mit Japan führt, auch in einen Zwiespalt mit sich selbst geraten. Es möchte als angeblicher Vertreter der europäischen Zivilisation erscheinen und als solcher sich die Sympathien der Kulturwelt — ein Moment von gewiß nicht zu verachtender moralischer Bedeutung — sichern. Die grauenhaften Ereignisse von Kischenew, welche einen Aufschrei der allgemeinen Empörung und des Entsetzens zur Folge hatten, waren nicht sehr, geeignet, den Ruhm Rußlands als eines christlichen oder europäischen Staates zu befestigen und die Presse der zivilisierten Welt nahm diese Ereignisse zum Anlaß, um die Barbarei, unter welcher die Juden in Rußland überhaupt schmachten, in die richtige Beleuchtung zu rücken. Man empfand in Rußland demgegenüber das Bedürfnis, etwas zu tun, was den Anschein zu erregen vermöchte, als ob die Juden doch nicht ganz entrechtet, ein Spielball der Willkür und der Grausamkeit wären. Der Erlaß des Herrn v. Plehwe, in welchem unter Betonung der Mangelhaftigkeit der russischen Judengesetze zunächst während des Krieges eine humanere Behandlung der Juden angeordnet wird, verfolgt offenbar die Absicht, daß die Mitteilungen über diese mildere Praxis einen günstigen Eindruck im Auslande Hervorrufen mögen. Aber dieser vertrauliche Erlaß, welcher durch irgend eine Indiskretion in den Besitz eines deutschen Blattes gelangte, bildet bei seiner gewundenen verklausulierten Sprache zugleich auch eine Selbstverurteilung, denn sie bekennt die Böswilligkeit einer Gesetzgebung, die in ihrer Lückenhaftigkeit der erbarmungslosen Härte und Verfolgungssucht Tür und Tor öffnete. Der Erlaß enthält auch die Bestätigung der Tatsache, daß die Familien jüdischer Aerzte, die auf den Kriegsschauplatz berufen worden waren, aus ihren Wohnsitzen ausgewiesen wurden, weil die Behörden das Gesetz, welches Aerzten und ihren Familien den Aufenthalt' gestatten, in zarter Weise dahin deuteten, daß die Familien dieser Begünstigung nur dann teilhaftig sind, wenn ihr Oberhaupt auch anwesend ist. Diese grauenhafte Deutung war ebenso wahnsinnig, als böswillig, und man war daher naiv genug, an das Dementi zu glauben, welches die Richtigkeit der Nachricht bestritt. Nachträglich erfährt man, daß die Nachricht auf Wahrheit beruht und die Maßregel nur eine echt — antisemitische war. * * . Zur selben Zeit, wo Herr v. Plehwe dem Auslande Sand in die Augen streuen möchte, verrät sich die Unaufrichtigkeit und Heuchelei gegenüber den Juden durch die Patronanz, welche die russischen Behörden der schamlosen, blutgierigen Judenhetze gewähren. Mit Schaudern liest man von den Proklamationen, die in Odessa und auch in anderen Städten zur Verfolgung und Mißhandlung der Juden auffordern. Mit Entsetzen erfährt man, daß K r u s ch e w a n, diese Bestie in Menschengestalt, ungeniert und ungestört feine verbrecherische, menschheitschändende Hetztätigkeit, die in Kischenew so blutige Erfolge erntete, in erweitertem Maße fortsetzen kann. Das Schlagwort, welches zum Erschlagen der russischen Juden führen soll, lautet heute nicht, daß sie den Ritualmord betreiben, l sondern — was jekt aktueller und wirksamer ist — daß sie

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