Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 15 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Aduiiiiistration: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Dir. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneinenlsu. Jnsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Mbhängtge Hertschrift für jüdische Interessen. Erscheint jeden Kreilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” Ve;ugspixeis: I Ganzjährig . . ff. 12.- i Halbjährig ... ff. 6.- j Für Culrusbeamte: i Ganzjährig ... ff. 10 — 1 i Für Ausland: : Ganzjährig ... 3 Mark. 6 Rubel oder 16 Fcs. |tv. 15. Wien, 15. April 1904. Inhalt: Wir und sie. — Aus der Woche. — „Antisemiten". — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung : Sulzer-Feier. — Zur Pensionsversicherung der Kultus beamten in Mähren. — lieber die Musik der Juden. — lieber die Richtung beim Gebet. — Inserate. Die geehrten Kerren Zöonnenten werden uw umgehende Erneuerung des Aöonnements für das am 1. April' öegonnene 2. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Wir und ste. In unserem Zeitalter der Technik und der Naturwissenschaft ist es kein Wunder, daß sich bei uns, wie bei den anderen Konfessionen, die meisten Menschen nur als geldmachende Maschinen betrachten, während diejenigen, die über Religion und über den ethischen Zweck des Lebens nachgrübeln, selbst mit der Diogeneslaterne nicht so leicht zu finden sind. Die Religion ist zur leeren Sache geworden, die Massen kümmern sich blutwenig um ihr Bekenntnis, und nur wenn es sich um die Kultussteuer handelt, dann erinnern sie sich ihrer Erbkrankheit und trachten möglichst billig dabei herauszukommen. Sie setzen sich an den Schreibtisch, richten eine Austrittsanzeige an ihre Religionsgesellschaft, und so werden sie der drückenden Kultussteuer los. In einer solchen Zeit kann man von den wenigsten verlangen, daß sie gar die Märtyrer-Rolle für ihre Religion übernehmen. Alle Minoritäts-Religionen werden so nach und nach durch den Austritt ihrer Mitglieder unangenehm berührt. Diese j Tatsache ist zwar bedauerlich, aber leider wahr. Um so größer ist es daher Pflicht der Wenigen, die wirklich religiös sind und die Erstgeburt nicht für einen Tops Linsen verkaufen wollen, ihre Aufmerksamkeit diesem zu Tage tretenden Uebel zuzuwenden, um dasselbe wenn auch nicht ganz gutzumachen, so doch wenigstens zu bessern. Und richtig sehen wir bei Protestanten, wie bei Katholiken eine ungeheure religiöse Reformbewegung. Aus diesem Streben heraus ist Harnack's Werk „Das Wesen des Christentums ', Boromelli's ,,Die Kirche und das neue Jahrhundert", Ehrhard's „Der Katholizismus rc." und „Liberaler Katholizismus", sowie Loistsis „Evangelium und Kirche" und anderes Aehnliches entstanden. Ja, es sind sogar von katholischen Gelehrten zwei Zeitungen „Renaissance" und „Das zwanzigste Jahrhundert" gegründet worden, um die Religion zu reformieren und zeitgemäß zu machen, den Abfall von der Kirche zu vermindern und die verlorene Masse zurückzusühren. Daß in einer solchen Zeit das Judentum am meisten leiden muß, ist jedem, der nur Augen zum Sehen hat, klar genug. Fragt man aber, ob auch die edleren Juden ihre Zeit begriffen und sich selbst, sowie ihren Glaubensgenossen Rechenschaft von ihrer Religion, wie sie ist und wie sie sein soll, gegeben haben, ob sie Klarheit über das Wesen des Judentums und seine Zukunstsgestaltung geschaffen haben, so ist leider diese Frage mit einem „Nein" zu beantworten. Hie und da regt sich etwas, aber das alles zeigt nur, daß im Staate Dänemark nicht alles richtig ist. Von ernsten und aufrichtigen Stimmen keine Spur. Den anderen großen religiösen Bewegungen können wir nur einige nichtssagende Broschüren entgegenstellen. Diese Gedanken haben sich mir anläßlich einer soeben erschienenen Broschüre („Fritz Wittels, der Tausjnde", Verlag Breitenstein, Leipzig und Wien, 1904) ausgedrängt. Daß das Schimpfen nur dann, wenn man nichts Sachliches zu erwidern hat, platzgreist, ist zur Genüge bekannt. Glaubt denn Herr Wittels, daß diese Frage mit dem Satze, „daß der Tausjude ein Schuft ist", abzutun ist? Das, was Wittels eigentlich vorbringt, hat schon Heine vor ihm gesagt. In seinem Briese an Moser vom 14. Dezember 1825 schrieb er: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Cohen versichert mich, Gans predige das Christenthum und suche die Kinder Israel zu bekehren. Tut er dies aus Ueberzeugung, so ist er ein Narr, thut er es aus Gleißnerei, so ist er ein Lump. Ich werde zwar nicht aushören, Gans zu lieben, dennoch gestehe ich, weit lieber wür^s mir gewesen, wenn ich statt obiger Nachricht erfahren hätte, Gans Härte silberne Löffel gestohlen. Daß Du, lieber Moser, wie Gans denken sollst, kann ich nicht glauben, obzwar es Cohen versichert.... — Es wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getaustsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt Härten, so würde ich mich nicht getauft haben." 1826 schrieb er an Moser wieder: „Du hattest damals auch sehr gute Gedanken über Judentum .... Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten sortzuräumen, sondern durch die Taufe etwas erlangen, etwas erschachern wollen und dgl. mehr . . . . Du bist ja selbstständig genug, als daß Du es wegen Gans nicht wagen dürstest, und was mich betrifft, so brauchst Tu Dich wegen meiner nicht zu genieren .... Ich bin froh, daß Friedländer und Ben David alt sind und bald sterben werden. Diese haben wir dann sicher, und man kann unserer Zeit nicht den Vorwurf machen, daß sie keinen einzigen Untadelhasten auszeigen könne."