Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Die Wahrhei Zeile 7 landwirtschaftlichen Gewerbefleißes seiner Aufmerksamkeit würdigt, wird; zugeben, daß die jüdischen Gewerbeschulen in Palästina sich die Ausbildung! der Jugend sehr angelegen sein lassen. Die Zöglinge aber zeigen, daß sie 1 Fähigkeit mit Verständnis für gewerbliche, ja künstlerische Arbeit verbinden. Selbstverständlich stellen wir die landwirtschaftliche Produktion in erste Reihe. Die jüdischen Bauern in Palästina erweisen sich als sehr tüchtige Weinproduzenten, und es scheint, daß sie es dahin bringen werden, daß die biblische Traube wieder zum Vorschein kommen werde. Auch der Körner- und Gemüsebau scheint nach den ausgestellten Proben auf gutem Wege zu sein, nicht minder der Obstbau, wie man an den; schönen und riesengroßen Jaffa-Orangen erkennen kann. Das „Land, wo Milch und Honig fließt", wird allerdings Palästina noch nicht sein, dazu j gehört eine längere als dreizehnjährige Frist und größere Mittel für j Irrigation und Amelioration, als sie den jüdischen Kolonisten zur Ver-! fügung stehen Allein es ist doch schon sehr viel gewonnen, wenn der - Bestand der Bauernkolonien gesichert ist. Sie haben im letzten Jahre an j 60.000 Hektoliter Wein versendet und erwarten für dieses Jahr eine! Versendung von 100.000 Kisten Jaffa-Orangen. Sie produzieren Mandeln,! Zitronen, Tabak (den sie allerdings nicht zur Ausstellung bringen konnten, weil sie vorher hätten den langen Gefällsweg znrücklegen müssen, und , der ihnen konfisziert worden war, weil sie die Vorschriften nicht gekannt! hatten), ferner Mais, alle Arten von Hülsenfrüchten. Gemüse und anderes, ' so daß man annehmen kann, der Kleinbauer werde sich ganz gut erhalten können, indem er nicht nur den eigenen Bedarf decken, sondern auch für i Den Verkauf einiges erübrigen wird. Wein, Südfrüchte und Tabak werden! sich immer iiiehr als lohnende Exportartikel bewähren, und hiedurch wird für eine weitere Ausgestaltung der Kolonien eine sicherere Grundlage geschaffen sein, als durch eine Subvention. Die ausgestellten Kokons I beweisen, daß auch die Seidenkultur in Palästina wieder heimisch gemacht; werden kann, und da der Oelbaum dort nicht ansgestorben und! noch nicht ausgerodet ist, wird auch die Oelgewinnung wieder zur Blüte i gelangen. Die gewerblichen Produkte in der Ausstellung bestehen aus Seidenwaren orientalischen Geschmacks, Holzschnitzereien, Steinarbeiten, und Stickereien, die sämtlich in den Schulen erzeugt werden. Sie tragen . den Charakter ihrer Provenienz, zeigen aber, 'daß ihre Verfertiger große j Kunstfertigkeit besitzen und wohl auch zu Arbeiten europäischen Geschmacks; verwendet werden können. Man gewinnt in der Ausstellung den besten i Eindruck nicht nur von der schon jetzt anzuerkennenden Leistungsfähigkeit i der jüdischen Kolonien in Palästina, sondern auch von ihrer Entwicklnngs-! Fähigkeit und einer vielversprechenden Zukunft. j Die Ausstellung hat das große Publikum in einer Weise interessiert, i die die kühnsten Erwartungen der die Ausstellung veranstaltenden Karmel- Gesellschaft weit übetroffen hat. Die Ausstellung ist von 9 Uhr früh bis 9 Uhr abends ununterbrochen besucht und übt auf weite Kreise eine große Anziehungskraft aus. Die Besucher rekrutieren sich aus allen Schichten der Bevölkerung und erscheinen täglich größere Gruppen von Schulen, Instituten, Studentenverbindungen, Seminarien rc., um die interessante Exposition zu besichtigen und sich über verschiedene Einzelheiten ausführliche Erklärungen geben zu lassen. Abgesehen von der farbenprächtigen Wirkung, welche die Ausstellung im ganzen ausübt, ist das Arrangement im einzelnen als vorzüglich gelungen zu bezeichnen. Die Gliederung der ausgestellten Objekte nach den Kolonien, aus welchem dieselben kommen, ermöglicht eine rasche Orientierung über die Kolonien. Bon Rischon le Zion finden wir außer den verschiedenen Getreidearten auch konservierte Früchte, deren Größe den Beweis für die unbedingte Fruchtbarkeit des Bodens liefern. Allgemein überraschen die aus Ekron eingetroffenen Hafergarben, nicht minder aber die über mannsgroßen Durahbesen und Weizenhalme aus Zichron Jakob, die die Bewunderung und das Staunen eines jeden Kenners der Landwirtschaft erregen. Auch auf Rechoboth, Tantura, Katra und Chedera werden die besten, zum Teil hier unbekannten Produkte des Ackerunb Gartenbaues gezeigt. Ihnen reihen sich die Erzeugnisse aus Jessod Hamaalo (ätherische Oele und Parfümerien) würdig an. Ein Kasten aus Eücaliptusholz zeigt uns, daß der Versuch, dieses Holz für die verschiedensten industriellen Zwecke zu verwerten, als gelungen angesehen werden kann, welcher Umstand um so höher zu veranschlagen ist, als dieser Baum, der zum Zwecke der Bodenaustrocknung gepflanzt ist, mit einer rapiden Schnelligkeit wächst. Aber nicht nur diese landwirtschaftlichen Produkte, sondern auch die Erzeugnisse der Hausindustrie bilden eine Anziehungskraft für den Besuch der Ausstellung. Zu erwähnen sind als solche die Weißsteinarbeiten (Modelle von Gebäuden und Denkmälern rc.) sowie die Krüge und Geräte aus Jordanstein. Einen breiten Raum nehmen sowohl die Holzschnitzereien als auch die Seiden- und Goldstickereien ein, von welch letzteren ein großer Teil bereits angekauft ist. Wohlverdiente Anerkennung finden die bereits für den Export ins Ausland geeigneten Produkte des Weinbaues - und der Orangerien, und werden speziell die ausgestellten Medizinalweine von Aerzten und Apothekern als vorzüglich geeignet sowie als preiswürdig anerkannt. Der eigentliche Zweck dieser Ausstellung, das Interesse für Palästina, für seine Kolonisation, sowie für die zum Export nach Europa geeigneten Artikel zu wecken, dürfte sohin mit dieser Ausstellung erreicht werden und empfiehlt es sich daher, die Gelegenheit, einen Einblick in den heutigen Stand der Kolonisationsbewegung zu gewinnen, nicht vorübergehen zu lassen. Sollte diese Ausstellung außerdem den Anlaß bieten, in Oesterreich alle Freunde der Kolonisation Palästinas und deren Förderung zu gemeinsamer, tatkräftiger Arbeit aufzurufen und zusammenzuschließen, so wäre der bedeutende Aufwand an Mitteln und Arbeit von herrlichstem Erfolge gekrönt. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 27. Mürz 1904, unter^dem Vorsitze des ' I. Bize-Präsideuten Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags.) Bor Beginn der Sitzung ergreift der Vorsitzende das Wort zu uachfolgendec Ansprache: „Wieder ist eines der jüngeren Mitglieder unseres Vorstandes aus dem Leben geschieden, Heinrich Teltscher, ein Mann, von dem man sagen konnte, daß er hier und überall nur Freunde hatte. Obgleich der Verewigte nur kurze Zeit unserem Kollegium angehörte, har er in uns die lleberzeugung gefestigt, daß jedes seiner Worte, geschöpft aus dem Schatze seiner reichen Erfahrungen, wahr und aufrichtig gewesen ist. Durch seine Hingebung für das Wohl der Gemeinde, seine Betätigung bei einer Reihe von Wohltätigkeits-Anstalten, durch die Lanterkeir seines Charakters, durch seine Pflichttreue märe er geradezu prädestiniert gewesen, einst eine führende Stelle einzunehmen. Wir werden dem Verewigten, einem der Besten unserer Gemeinde, ein unvergeßliches Andenken bewahren!" — Der Vorsitzende ersucht die Versammlung, welche den Nachruf stehend angehört hat, um die Genehmigung, diese Trauerkundgebung dem Protokolle einzuverleiben und der Familie des Verewigten hievon Mitteilung zu machen. ^Zustimmung.) Im Präsidialberichte erwähnt der Vorsitzende der in den letzten Tagen abgehaltencn Feierlichkeiten anläßlich des 100. Geburtstages des unvergeßlichen Altmeisters Oberkantor Salomon Sulzer und hebt insbesondere die Gottesdienste hervor, welche in den beiden Gemeindetempeln Stadt und Leopoldstadt statrgefunden haben. Die musterhaften gesanglichen Leistungen, die geradezu hervorragenden Reden, welche bei diesem Anlässe gehalten wurden, trugen dazu bei, daß die Feier allen Anwesenden in dauernder Erinnerung bleiben wird. Die Bedeutsamkeit der Feier wurde erhöht durch die verbreitete Schrift eines unbekanuten Verfassers, in welcher nebst der Würdigung Sulzers auch dargetan wird, wie der Vorstand der damals kleinen Gemeinde Wien bahnbrechend auf dem Gebiete des Gottesdienstes und der Liturgie gewirkt hat. Weiters gibt der Vorsitzende bekannt, daß zur bleibenden Erinnerung dieser Säcularseier in der Vorhalle des Stadttempels — gegenüber der Tafel für unseren unvergeßlichen Lehrer Mannheimer — eine Gedenktafel angebracht wurde. So ist in Sang, Rede und Schrift und auch in Stein das Andenken Sulzers geehrt, verherrlicht und auch kommenden Generationen bewahrt worden. Redner ist der Zustimmung der Versammlung gewiß, wenn er allen bei den Feierlichkeiten für Sulzer beteiligten bekannten Personen, ferner dem ungenannten Verfasser der Brochurc den Dank des Vorstandes zum Ausdrucke bringt. (Zustimmung.) Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben des Vorstandsmitgliedes Baurat Max Fleischner für die ihm anläßlich seiner allerhöchsten Auszeichnung zum Ausdruck gebrachten Glückwünsche des Kultusvorstandes; ferner ein Dankschreiben des Vereines zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina für die der Lämel-Schule in Jerusalem gewidmete Subvention. Beschwerde des innerösterr. Distrikts-Komitvs des Verbandes „Zion" gegen die abweisliche Bescheidung des Ansuchens um eine Beitragsleistung von X 1000 zu den Kosten des Aufenthaltes von 30 Kifchenewer Kindern in Wien. Es wird zunächst konstatiert, daß die Beschlußfassung des Vertreter-Kollegiums über diese Angelegeuheit seinerzeit durch das Plenum ratifiziert und nicht, wie in der Beschwerde angegeben wurde, durch das Vertreter-Kollegium allein erfolgt ist. Für die Art der Erledigung war dem Kultusvorstande maßgebend, daß für die Kifchenewer Kinder durch die eingeleiteten Sammlungen in eurer Weise gesorgt ist, wie in gleichem Maße für viele Wiener Kinder nicht gesorgt werden könne, daß infolgedessen nach Ansicht einer großen Anzahl vertrauenswürdiger Kifchenewer Persönlichkeiten die Expatriierungs-Aktion als nach mancherlei Richtung sehr fragwürdig hingeftellt wurde: daß es weiters keinesfalls erforderlich war, die Kinder über Wien nach Jaffa zu führen und hierdurch die Reisekosten um ein vielfaches zu erhöhen; endlich, daß die Wiener Kultusgemeinde für die seinerzeit eingeleitete Hilfsaktion bereits einen Beitrag von X 10.000 geleistet hatte. Sohin wird beschlossen, das in der Beschwerde gestellte Ansuchen um nachträgliche Bewilligung eines Betrages von X 1000 abzulehnen, desgleichen das Ersuchen um Verhandlung der Angelegenheit in öffentlicher Sitzung. Nachfolgenden Bethausvereinen werden Subventionen bewilligt: dem Bethausvereine „Achdus Israel"; dem Tempelvereine VI., Stumpergasse) dem Bethausvereine III., Erdbergstraße 15: dem Bethausvereine „Schomer Israel"; dem Bethausvereine „Wieden-Margareten"; dem Bethausvereine „Machasike Thora" : dem Bethausvereine „Machasike Hadath"; dem Bethausvereine „Chassidim"; dem Bethausvereine „Oseh-Tow". Auf Grund der Anträge des Vertreter-Kollegiums werden hinsichtlich der Mohelim-Frage prinzipielle Beschlüsse gefaßt und das Vertreter-Kollegium beauftragt, über die Durchführungsbestimmungen zu beraten und Anträge zu stellen. Schluß der Sitzung halb 2 Uhr Nachmittag. Wien. Wieder hat der unerbitterliche Tod eine schmerzliche Lücke in die Reihen des Wiener Kultusvorstandes gerissen und einen der Jüngsten, aber auch einen der Besten und Edelsten hinweggerafft. Samstag, den 26. d. ist Herr Kultusvorsteher Heinrich Teltscher in Abbazia, wo er zur Erholung weilte, jäh und unvermutet in Folge eines Herzleidens gestorben. Sein Hinscheiden bedeutet nicht nur für die schwergeprüfte Familie sondern auch für die Kultusgemeinde und deren humanitäre Institutionen einen unersetzlichen Verlust, denn Heinrich Teltscher war .:t~ ■'