Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Lette 6. Die Wahrheit Nr. 14. 30. März zusammenfiel, geboren — 1135 — und starb ebenfalls im Monate Tedes — 20. Tebes 13. Dezember 1204) lenkt unwillkürlich den Blick auf die Zeit zurück, wo mit der sogenannten Reform des jüdischen Gottesdienstes begonnen wurde. Die Einführung eines geregelten Gottesdienstes in dem neuerbauten Tempel in Wien im Jahre 1826 hat die Gemüter der Juden im ganzen Kaiserstaate erregt, und allenthalben gab sich das Streben kund, das Beispiel Wiens nachznahmen. Besonders war dies in den Haupistädten der verschiedenen Provinzen des Reiches der Fall. Auch in der altehrwürdigen Prager Gemeinde, welche damals noch nebst vielen Talmudgelehrten alten Schlages auch viele weltlich gebildete, dem neuen Zeitgeiste huldigende jüdische Gelehrte — ich erinnere nur an Herz Homburg, Peter Beer, M. I. Landau, Professor Wessely u. s. w. — in ihrer Mitte hatte, fing es sich zu regen an. Es bildete sich daselbst ein „Verein zur Verbesserung des israelitischen Gottesdienstes", der die wohlhabendsten und intelligentesten Männer der Gemeinde zu seinen Mitgliedern zählte. Diesem Vereine wurde im Jahre 1835 die Altsynagoge (gegenwärtig der neue Tempel in der Geistgasse) zur Abhaltung des geregelten Gottesdienstes zugewiesen. Selbstverständlich sind die reformatorischen Bestrebungen auch in Prag auf Opposition gestoßen und ist das Ziel nicht ohne Kämpfe erreicht worden. Wie hat sich nun die österreichische Regierung, die damals durch Metternich repräsentiert wurde, zu den Aufklärungs- und Reformbestrebungen innerhalb des Judentums gestellt? Man würde es kaum glauben, wenn es nicht dokumentarisch bewiesen wäre, das; vormärzliche österreichische Behörden allen auf eine neuzeitliche Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes und des Kultus gerichteten Bestrebungen nicht blos das größte Wohlwollen entgegengebracht, sondern diese sogar mit aller Macht gefördert haben. Ein Reskript, welches die k. k. Stadthauptmannschaft im Mai 1838 an die Vorsteher und Oberjuristen (so wurden damals die Mitglieder des Rabbinatskollegiums genannt) der Gemeinde gerichtet hat, beweist dies in unwiderleglicher Weise. Dieses Reskript, welches in mehr als in einer Beziehung höchst interessant ist und vielleicht als ein staatsbehördliches Dokument einzig in seiner Art dasteht, verdient reproduziert und wieder in Erinnerung gebracht zu werden. Nach einigen einleitenden Worten heißt es: „Aus den vorhergegangenen Verhandlungen ist es den Herren Jsraelitengemeinde-Vorstehern sowohl als auch den Religionsvorstehern der Prager Gemeinde bekannt, daß die Stadthauptmannschast den höheren Auftrag erhalten habe, ununterbrochen dahin zu wirken, daß das begonnene Werk des verbesserten israelitischen Gottesdienstes immer vorwärts schreite, daß die weder für die Zeit, noch für die gegenwärtige Bildung der Israeliten passenden Vorurteile der Vergangenheit allmählich behoben und die Religionsübungen sowohl als auch die öffentlichen Lehren jenen Grundsätzen entsprechen, welche der reine Glaube, der geläuterte Sinn über die Wahrheiten der Religion, für die Erziehung des Geistes und eines frommen Lebenswandels erfordern, wobei — .allerdings auch die religiösen mit den politischen Rücksichten in Einklang gebracht werden müssen. Nehmen Sie den in der Zeitung des Judentums Nr. 28 und 29 anno 1838 enthaltenen Aufsatz über die Verhältnisse der Jsraelitengemeinde in Prag zur Hand, der nicht zu verkennende Wahrheiten über wahre noch herrschende Mißbräuche enthält, und prüfen Sie ohne Leidenschaft und Vorurteil die gemachten Bemerkungen, so muß zugestanden werden, daß die bessere Ueberzeugung zum Teil nur an der Gewohnheit, an dem Hange für das Hergebrachte, an dem Mangel einer fiir das Allgemeine zureichenden besseren Lehre, zum Teil aber an eingewurzelten Vorurteilen scheitern, welche dem wahren Glauben nur hindernd entgegentreten; endlich in dem Eigensinne einzelner Glieder ihren Grund haben, welche schon deshalb keine Würdigung verdienen, weil sie den allerhöchsten Anordnungen, den politischen Vorschriften und der Ueberzeugung höherer Bildung entgegentreten, das Gute nicht nur hindern, sondern vielmehr zur Beförderung des Nichtguten beitrugen. Es werden daher die Jsraelitengemeinde-Vorsteher mit den unter einem hierzu aufgeforderten Religionsvorstehern angewiesen, eine gemeinschaftliche Zusammentretung zu veranlassen und jene Maßregeln in Ueberlegung zu nehmen, durch welche der Gottesdienst in allen Synagogen geordnet werden könnte. Diese Beratung wird somit blos in dem Interesse sämtlicher Gemeindeglieder ungeordnet, sie soll ihnen den Beweis geben, daß die öffentlichen Behörden jeden positiven Zwang zur Abstellung von Mißbräuchen und Jnkonvenienzen vermeiden und nur dahin wirken wollen, daß die Gemeindeglieder durch reelle Ueberzeugung zu den notwendigen Verbesserungen gebracht werden mögen; denn gegründet auf diese lassen sich dann auch leichter die Verbesserungen und Ausdehnungen politischer Verhältnisse erzielen, während es sich die in veralteten Gebräuchen und Vorurteilen verharrenden Israeliten nur selbst zuschreiben müssen, daß die politischen Behörden so manche wohlgemeinte Vorschläge unbeachtet lassen müssen, da nur allgemeine Fortschritte, Ausbildung und verbesserte Kultur auch allgemeine Verbesserungen der politischen Verhältnisse zulassen." Während also allgemein behauptet wird, daß in der Metternich'schen Zeit die dichteste Finsternis auf geistigem und und die schwärzeste Reaktion auf politischem Gebiete in Oesterreich geherrscht habe, daß über dessen Grenzen kein Lichtstrahl der Volksaufklärung und des kulturellen Fortschrittes dringen durfte, sehen wir in Wahrheit die Behörden für gottesdienstliche Verbesserungen, für Aufhellung der Synagoge, für Beseitigung von Mißbräuchen und Vorurteilen, für Verbreitung von Fortschritt und Kultur unter — den Juden aufs nachdrücklichste eintreten, und was das merkwürdigste bei der Sache ist — in dem behördlichen Erlasse wird auf einen Prager Bericht in einer im Auslande erscheinenden freisinnigen, jüdischen Zeitung Bezug genommen, um die Notwendigkeit und Möglichkeit von religiösen Reformen zu beweisen. Wer könnte nach alledem noch zweifeln, daß die Juden stets das Schoßkind der Regierungen gewesen und mit ihnen immer eine Ausnahme gemacht worden ist?! Anders als in Oesterreich verhielt sich die Reaktion in Preußen jüdischen Reformbestrebungen gegenüber. In Berlin hatte der Urheber des jüdischen Reformgottesdienstes, der bekannte Israel Jakobson, nachdem er nach Auflösung des westphälischen Königreiches Kassel verlassen, einen Reformgottesdienst mit Predigt, Orgel und Chor eingeführt. Der Bankier Jakob Beer (Vater Meyer Beers) hatte einen großen Saal zu dem Zwecke hergegeben. Nebst Jakobson selbst wirkten dort Jakob Auerbach und Eduard Kley (später in Hamburg) als Prediger. Aber die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Die preußische Regierung ließ den Betsaal infolge Beschwerde einiger Altfrommen wegen Neuerung schließen. König Friedrich Wilhelm HI. haßte jede Neuerung, auch in jüdischen Kreisen. Für ihn war Neuerung und Umsturz ein und dasselbe und durfte nirgends geduldet werden. Von Berlin verdrängt, wandte sich die Synagogenreform nach der freien Stadt Hamburg, mit welchem Namen der jüdische Synagogenreformstreit seitdem verknüpft ist. Stark. Palästina in Wien. Im ersten Stockwerk des Grabenhofes wurde jüngst in Gegenwart der Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde und einer großen Zahl von geladenen Gästen eine eigenartige Ausstellung eröffnet. Produkte aus dem „Heiligen Lande" wurden den Beschauern vorgeführt, Arbeiten der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Hausindustrie, sämtlich von jüdischen Bauern hieher gesendet. Der Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Stern und der Oberrabbiner Dr. Güdemänn hielten Ansprachen, .in denen sie der Bedeutung dieser Ausstellung als den sprechendsten Beweis gegen das Vorurteil, als ob der Jude die Arbeit scheue, gedachten. Wer die Bodenverhältnisse Palästinas kennt, weiß, daß die ausgestellten Bodenprodukte nur durch schwere Arbeit dem vernachlässigten Boden abgerungen werden konnten, und wer die Produkte des