Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Tie Wahrheit ^ette o. schäbigsten Juden, mit jenen Leuten, von denen auch der anständige Jude gerne wegrückt.- Wir wollen die Frage nicht erörtern, ob es ein Kompliment oder eine Grobheit für den Bürgermeister von Wien bedeutet, wenn man seinen Antisemitismus für unecht, für eine bloße Spekulation auf die Dummheit und Rohheit des Pöbels — des Pöbels der Straße wie des Salons — hinstellt. Freilich, wenn man weiß, daß Dr. Lueger einst an der Seite des Juden Dr. Mandl seine Kämpfe für Menfchheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausfocht; wenn man sich daran erinnert, daß Dr. Lueger öffentlich einen feierlichen Schwur leistete, daß er für diese Ideale zeitlebens kämpfen werde, dann hat man nur die Wahl, ob man feine einstigen oder seine gegenwärtigen politischen Leistungen für falsch erklären will. Für den ethischen Gehalt des Antisemitismus, der unser öffentliches Leben beherrscht, bleibt es aber jedenfalls ungemein bezeichnend, daß der oberste Führer der Partei, nach der Behauptung seiner glaubwürdigsten — Gegner im Herzen alles eher als ein Antisemit ist. Es ist auch charakteristisch für die christlich-soziale Partei, daß sie heute unter Führung des Dr. Lueger steht, von dem unbestritten das Wort herrührt: „Nur ein Schuft oder ein Dummkopf kann ein Antisemit sein." Die Anhänger des Herren Bürgermeisters haben da eine hübsche Wahl zu treffen. Die geheime Vorgeschichte, welche zu dem Sturze des gewesenen Fürsterzbischofs von Olmütz führte, wird immer offenkundiger und klarer. Es mehren sich die Beweise, daß dieser hohe Kirchenfürst, der selbst zeitlebens, trotz seines Namens, nie ein Wort gegen die In den Hetzer g e s p r o ch e n, ein Opfer seiner semitischen Herkunft gewesen. Aus der Darstellung, die das offiziöse Wiener „Fremdenblatt" über den Fall Kohn veröffentlicht — als Gewährsmann wird ein hervorragender Prälat in Rom bezeichnet, der ein intimer Freund des Staatssekretärs Mery bei Val ist — geht dies unzweifelhaft hervor. Der Freund des Staatssekretärs, der es vielleicht gegenwärtig für diplomatisch klug halt, undiplomatisch aus der Schule zu schwatzen, läßt sich sogar die höchst seltsame Bemerkung entschlüpfen, daß der Papst selbst sich diesem Drucke nicht habe entziehen können. Er berichtet nämlich u. a.: „Der Papst gab ihm (Dr. Kohn) zu verstehen, daß sich um seinen Namen zu viel Kämpfe entsponnen hatten und daß es ihm infolgedessen unmöglich sein werde, sein hohes Amt in Olmütz mit Erfolg auszuüben." Die Kämpfe um den Namen Kohn waren es also, die die Entfernung des Fürsterzbischofs von Olmütz wünschenswert erscheinen ließen. Wenn es aber noch eines Beweises bedürfte, um die Gegner zu zeigen, die gegen den Erzbischof mit so großartigem Erfolge agitierten, so sei auf eine Nachricht hingewiesen, die vor einigen Tagen von den antisemitischen Blättern mit großem Behagen veröffentlicht wurde. In dieser Notiz wurde erzählt, daß Dr. G e ß m a n n — der christlich-soziale Generalstabschef — einen Vortrag in Olmütz hielt, welchem nebst dem Generalvikar Weinlich, auch noch eine stattliche Anzahl von Olmützer Domherren beiwohnten. Die Notiz spricht Bünde. Die Haltung Roms gegenüber einem Fürsterzbischof, den die Antisemiten stets als Juden bezeichneten, gibt sicherlich zu vielfachen Betrachtungen Anlaß. Auf eines wurde aber noch nicht hingewieseu: daß Rom sich bei dieser Gelegenheit den aufrichtigen Dank aller Juden erwa b, die gegen die Taufe sind. . . Wenn man sieht, daß diese nicht einmal einen Fürsterzbischof immun gegen antisemitische Hetze macht, dürfte sie vielleicht für manchen an Reiz verlieren. Der kürzlich verstorbene Herr v. Hamme r'st e i n hat bekanntlich so lange für das wahre Christentum und gegen das korrupte Judentum gekämpft, bis er eines Tages im Gerichtssaale als Wechselfälscher, Betrüger und Ehebrecher entlarvt wurde. Der Mann gehörte einst zu den intimsten Freunden des gewesenen Hof- und Hetzpredigers Stöcker, der auch heute noch mit ungeschwächten Mitteln für den Judenhaß wirkt und sich durch eine so kleine Episode, wie die seines Freundes Hamme: stein, keinen Augenblick aus der Konlenanoe bringen ließ. Ein echter Antisemit darf jede Lumperei begehen, wenn er nur wacker gegen die Juden loszielst — diese Lehre ist die alleinseligmachende aller Antisemiten, mögen sie in Rußland, in Oesterreich oder in Deutschland Blätter redigieren, oder in öffentlichen Stellungen maßgebenden Einfluß üben. Interessant bleibt es aber immerhin, wie Stöcker, der Vorkämpfer für christliche Zucht und Sitte, den toten Hammersrein zu rehabilitieren sucht, nachdem es ein Ding der Unmöglichkeit war, den verurteilten Lebenden,zu retten. In Stöckers „Volk" war ein Nachruf für Hammerstein zu lesen, in dem es u. a. hieß: „Die Schulden ans der famosen Junkerzeit suchte er durch Häuserspekrrlationen zu decken. . . Schließlich wurde er so zum Fälscher, und um die gefolterten Nerven zu betäuben, zum Ehebrecher." Der arme, biedere, deutsche Antisemit Hammerstein war also gewissermaßen das Opfer seines Idealismus: er wollte nur seine Schulden zahlen! Dabei hatte er Malheur. Und das bischen Ehebruch? Nun, mau wird doch mir einem gequälten Gemüt nicht so streng ins Gericht gehen, wenn es sich ein wenig betäuben will. Ehebruch als Beschwickligungsmittel — das ist wohl eine um so hübschere Entdeckung, als sie von dem frommen Prediger Stöcker herrührt. * Herr v. Bülow hat sich kürzlich in einer Rede, die von Begeisterung für Rußland überströmte, etwas eigenartig über einen russischen Studenten geäußert, der erstens weniger entzückt von den Verhältnissen in Rußland ist und zweitens den Namen — M ande l st amm führt. Ter Hohn, mit welchem Herr von Bülow den armen Studenten und dessen — Namen bedachte, hat nun den Sozialdemokraten in Berlin Anlaß gegeben, sich mit der Person Mandelstamms näher zu befassen und ihre Presse sorgt nun dafür, daß der Arme in ein anderes Licht als in das eines „Schnorrers" gerückt wird. Nach dem „Vorwärts" hat die Sozialdemokratin Klara Zettin in einer sozialdemokratischen Versammlung in Breslau j denselben als einen Helden gefeiert. „Hut ab vor Mandelstamm!" sagte sie. Zweimal ist dieser russische Jude um seiner Ueberzeugung willen in Sibirien gewesen und hat sich dabei als ein Held benommen. Gemeinsam mit einer Anzahl gemeiner Verbrecher wurde er nach den Eiswüsten transportiert. Als die schmalen Rationen des Transports durch Unterschlagungen der Schergen noch weiter herabgesetzt worden waren, beschwerte sich ein Sträfling über die mangelhafte Ernährung. Er wurde auf Befehl des Offiziers erschossen, und zunr zweitenmale ertönte der Pflichtruf: Hat jemand eine Beschwerde? Wieder trat einer der Armen vor und wieder wurde seine Beschwerde mit Kugeln beantwortet. Da fragte der Offizier zum dritten Male: niemand glaubte, daß noch einer den Mul haben würde, seinem sicheren Tode entgegen zu gehen. Ta trat Mandelstamm vor und rief: „Jawohl, ich habe noch eine Beschwerde!" Ter Mut des Mannes bändigte selbst die Grausamkeit des Schurken, und Mandelstamm entging dem sicheren Tode. Das ist Mandel-- stamm. Ich behaupte, der Zweig des Geschlechtes derer von Bülow, dem der Kanzler angehörr, har seit den Tagen des Raubrittertums nicht so viel Heldenmut gezeigt, wie der arme russische Jude Mandelstamm." Tempora mutantur. I. Die hundertjährige Geburtstagfeier des Reformators des israelitischen Tempelgesanges, Salomon Sulzers (auch Maimonides, der größte Reformator des gedanklichen Judentums, wurde, nebenbei bemerkt, an einem 14. Nißan, der mit dem