Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Lette 4. Die Wahrheit Lebensnerv , und jede geistige Regung frischweg abgeschnitten und beseitigt wird. Ja, noch immer bewährt sich das scharfe Wort des Propheten, „daß die Finsternis die Erde bedeckt und dichter Nebel die Völker umhüllt." Friede und Eintracht sind geschwunden; Freiheit ist nur ein leerer Schall; geistige Knechtschaft sowie betörender und betörter Wahn führen die Herrschaft; das kleine Häuslein des jüdischen Stammes wird überall bedrängt und verdrängt, schamlos verhöhnt und verspottet. Mit frevelhafter Grausamkeit verfolgt der mutwillige Haß die Unschuldigen, und die kalte, lieblose Gleichgiltigkeit der Einflußreichen sieht zu — und schweigt. Mit Nachdruck wird uns ununterbrochen das alte Schriftmort höhnisch zugerufen: „Gedenke, daß du Knecht gewesen", um den trüben Schatten böser Tage für uns heranfzubeschwören. Nun, wir wollen, ja nur sollen uns auch erinnern, daß wir Knechte gewesen, aber zugleich gedenken, daß wir es gewesen. Und dieses doppelte Gedenken wird es gewiß verhüten, daß wir unserer eigenen Sache mißtrauen und an unserer eigenen Zukunft verzweifeln und zugleich bewirken, daß wir vor Gleichgiltigkeit bewahrt oder vor Uebermut beschützt werden. Gedenke, Israelit, — so ruft uns die Freundesstimme an diesem Feste zu — gedenke, daß Glaubenshaß und Unduldsamkeit viele Jahre hindurch dich geknechtet, daß Bosheit und wahnbetörter Eigennutz dich vernichten wollten, daß Niedertracht und Gemeinheit dich mit Schmach iiberhäuft, daß aber der mächtige „Herr der Heerscharen" die ungerechte Gewalt gebeugt, die Gebeugten aufgerichtet und unschuldig Geknechteten befreit. , Gedenke, Israelit, der früheren Tage! Bedenke, was in den! trüben Zeilen dein Trost war, was deinen Geist vor Verkümmerung und dein Gemüt vor Verzweiflung bewahrte, was deinen Mut belebte und deine Ausdauer stärkte, was dein Bewußtsein kräftigte und deine Hoffnung beflügelte, was dich, trotz aller Kälte und Lieblosigkeit, trotz der Verachtung und Verhöhnung, trotz der Bedrängung und Verdrängung, womit dir von Seiten der verschiedenen Völker so oft begegnet wurde, über das Elend des Lebens emporgehoben; es war dein felsenfestes Vertrauen auf den erlösenden Gottesodem, der da erwärmt und belebt, das ausdauernde, unbeschränkte Vertrauen auf die göttliche Wahrheit, auf die heilige Gotteslehre, auf das göttliche Sittengefetz, das dich durch alle Drangsale des Lebens begleitete, fo daß weder die Flammen des Haffes noch die Fluten der Niederttüchügkeit dich vernichten konnten. Gedenke auch du, Tochter Israels, — so lehrt uns ein weises Wort unserer Alten, — gedenke, daß „die edle Haltung der Frauen in Israel die Erlösung unseres Volkes aus den Banden der Knechtschaft gebracht". Gedenke daher, Israelitin, daß die Kernhaftigkeit und Würdigkeit des Familienlebens, welches Jahrhunderte hindurch bei allen unbefangenen Menschen Gegenstand der Anerkennung und des Lebens war, durch deine fauste, edle, zuftiedene und hingebungsvolle Haltung dem Hause gegenüber erst die rechte Bedeutung gewinnen, daß deine Sorge bei der Erziehung deiner Kinder der feste Grundstein des häuslichen und nationalen .Glückes ist, auf dem das schönste Gebäude einer heilsamen Zukunft errichtet werden kann. — Gedenke, Israelitin, daß dir eine große, aber zugleich eine herrliche Pflicht zufällt, die Pflicht, persönlich die Kinder zu überwachen und dieselben im Sinne und Geiste unseres nationalen Gesetzes und unserer nationalen Sitten und Gebräuchen zu leiten. Denn von deinen freundlichen Lehren, weit mehr aber von deinem lebendigen Beispiel, das du gibst, von deiner edlen Haltung hängt das Geschick des Heranwachsenden Geschlechtes ab. Die Befriedigung der Habsucht, der Eitelkeit und des sinnlichen Genußes ist viel zu gering, ja verschwindend klein, gegenüber der hohen Befriedigung, daß du dein Heim zu einer Stätte des Heiles gemacht. Der Ausspruch unserer alten Weisen, derben Frauen das Hauptverdienst bei der Erlösung Israels aus der Knechtschaft zugeschrieben, ist ein Satz, der — allgemein gefaßt — eine weltgeschichtliche Bedeutung hat. Denn das besorgte, zartebesairete Mntterherz ist ja der unerschöpfliche Segensquell für die Jugend. Gedenke, Israel, daß du stets Knecht gewesen, daß du aber auch Knecht bleibst, wenn dich auch äußerlich keine Ketten ' belasten, du aber im Innern nicht frei bist von den Schlacken unedler Triebe und Gesinnungen, von dem Streben nach sinnlichem Genuß; daß du aber Knecht gewesen und daher frei bleibst, wenn du die schlechteren Eigenschaften von dir ferne hältst, wenn du im Wohlstand dich nicht übeehebst und übermütig wirst, wenn du bei der Ungunst der Verhältnisse nicht verzweifelst, wenn du denkst, daß die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit dir im Kampfe gegen die Lüge und Gewalt zur Seite steht, daß der Gott der Liebe und des Erbarmens mit seinem starken Arm dich schützt, befreit und errettet, daß er „unser Erlöser von jeher" ist und bleibt. Beherziget, Jsraliten, — ruft die Freundesstimme — daß die Nacht, welche über uns lagert, „eine Nacht strenger und vielfacher Hut", eine „Nacht" strenger und vielfacher Beobachtung" ist, eine Nacht, die mit der Geschichte unseres Volkstums begonnen, Uno eine Nacht, die ..als Vorzeichen für alle Kinder Israels, für ihre Geschlechter in der Z u k u n f t" galt und stets gelten wird. Wie die Erlösung in der ersten Pessachnacht eine G o t t e s t a t war, wo eine verschwindend kleine Minderheit gegenüber einer erdrückend großen Mehrheit sich befand und durch ihr Selbstbewußrsein trotz aller Verlockung und trotz aller Gewalt sich wach erhalten hat und mit erhöhter Geistesmacht dem pharonischen Drucke Widerstand leistete und eben deswegen von Gott gerettet und befreit worden ist, so ist und bleibt jede Geistesnacht, welche zum Schaden Israels hereinbricht, eine Nacht strenger und vielfacher Beobachtung, eine Nacht strenger und vielfacher Behütung für alle Zeiten, für die Z u k u n s t Israels Denn „diese Nacht gehört dem Ewigen", der als „Hüter Israels nicht schläft und nicht schlummert". Gedenket, Israeliten, daß die Zeit der göttlichen Prüfung uns ernstlich mahnt, w a ch zu bleiben, denn ein sehr schwerer Druck lastet auf unserem Nacken; dichte Wolken verdüstern unser Gemüt, von allen Seiten umgeben uns Feinde, welche mit gleißnerischer Zunge und mit glatten Lippen, oder mit Bosheit und Roheit Verdächtigungen und Lügen über unser redliches Streben und Wirken ausstreuen. Die Nachkommen Pharaos bemühen sich aller Orten mit allerlei ungerechten Mitteln, unsere Leiden zu vermehren. Darum ergeht an uns allen, an die Männer und Frauen, an die Großen und Kleinen, an die Alten und Jungen die ernste, eindringliche Mahnung, daran zu denken und festzuhalten, daß ..diese Nacht dem Ewigen gehört" — und wenn wir unsere Volksseele rein und wach erhalten, wenn wir unser Innerstes dem Gottesodem zuwenden, so wird es wahr werden, woran uns unser Wiegenfest stets erinnert, nämlich: Gedenke alle Tage deines Lebens, daß du Knecht gewesen und daß du durch dein Selbstbewnßtsein und dein Selbstvertrauen gerettet und befreit worden bist. Gedenke es in der Gegenwart und für die Zukunft; das sei und bleibe stets dein Losungswort. Gedenke und zähle mit Andacht und Ausdauer die Zeit vom Wiegenfeste bis zum Feste geistiger Erlösung und g e i st i g e r Freiheit. Rabb. Dr. K o b a k. Ans der Woche. Der Abgeordnete Pernerstor fer darf für sich das Recht beanspruchen, als intimer Kenner des Dr. Lueger zu gellen. Umso interessanter ist es, aus dem Munde dieses Mannes eine Meinung über Lueger's Stellung zum Antisemitismus zu vernehmen. In einer Wählerversammlung in der Leopoldstadt hat Pernerstorfer über dieses Kapitel u. A. folgendes gesagt: „Luegers Antisemitismus ist nur Köder und richtet sich blos gegen die armen Juden. Es wäre eine arge Ungerechtigkeit, wenn Sie glaubten, daß Lueger in seinem Herzen Antisemit wäre. Er hat eine merkwürdige innere Seelenverwandtschaft mit den