Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Aie Wahrheit Redaktion u. Adiniiiisnation: Wien, Il/j Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnsertiousbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Heitschrifi für Mische Antere^en. Erscheint jeden Kreitag. Motto: ..Das Siegel Gottes ist Wahrheit!* Vexugsp^eis: Gaiiiiahr-g . . jt. 12.— Halbjährig . . . jf. tz.— Für Cnltusbeamte: 'Ganzjährig . . . K. 10 — Für Ausland: cLanzjährig ... 8 Mark. »! Rubel ober l6 Fes. Ur. 14. Wien. 1. April 1904. Inhalt: Gedenke und beobachte. — Ans der Woche. — Tempora mutantur. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Die Snlzer-Zentennarseier. — Unsere Richtung 'beim Gebete. - Palästina in Wien. — Rerscl — Inserate. nedene Nachrichten. — Ahonnements-Ginladttng. ML der dreswöchentlichen Wummer öeginnt das 2. Kuartat des öenrigen Jahrganges und werden die geehrten Kerren Aöonnenlen demgemäß um umgehende Erneuerung des Abonnements ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: vierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr. 6.—, ganzjährig Kr. 12.—. Probenummern stehen zur Verfügung. Die Weöaktion. Gedenke und deovachtr. (Zum Ueberschreitungsfeste.) Der Winter ist dahin, die Erstarrung in der Natur hat sich gelöst; die düsteren Wolken, welche den Horizont lange Zeit hindurch umhüllten, entschwinden nach und nach; das schlafende Leben wird wieder geweckt zu neuem Keimen und Sprossen; der frische Gottesodem wird wieder eingehaucht in die starre Unfreundlichkeit der uns umgebenden Welt, und mit verjüngter Kraft regt sich die ganze Natur; sie beginnt ihr schönes Farbenspiel zu entfalten und begrüßt uns — frei geworden — mit den schmetternden Tönen des Sanges, mit dem herrlichsten Danklied der Geschöpfe, mit dem Jubel der Auferstehung und Nenbelebung, der emporgetragen wird zum Throne des Allerhöchsten. Aber viel größer als der Frühling in der Natur, der wir erst unser Empfinden leihen müssen, um sie in unser fühlendes Herz einschließen zu können, ja viel erhabener und dadurch erhebender als dieses unbewußte Erwachen der Sinneswelt, als diese unbewußte Auferstehung ist jener Gotteshauch, welcher auf die Seufzer der in der großen Völkerfamilie unschuldig Geächteten und Verfolgten — wenn auch sanft wirkend — vernehmbar wird; jener Gotteshauch, welcher auf die ununterbrochenen stillen und lauten Klagen über den Frevel der Mutwilligen die Antwort nicht schuldig bleibt, jener Gottes- Hauchs welcher Menfchenherzen aus der Erstarrung löst, der die Ungerechtigkeit — durch List oder Gewalt ansgeübt — in ihre natürliche Ohnmacht zurückschleudert: jener Goiteshauch, der die eisernen Fesseln der geistigen Sklaverei wie ein dünnes Spinngewebe wegbläst; jener Gottesodem, der einen Volksfrühling bewirkt hat, in welchem heilsame Lehren und unschätzbare Verkündigungen wie Lenzesblnmen in herrlicher Farbenpracht mit erquickendem Dufte emporblühten; den Frühling der zu sich selbst erwachenden Bekenner des Einig-Einzigen, welche dankerfüllten Herzens erkennen und bekennen, daß der! Gottesodem n u r es ist, „der uns stets herausgeführt ans der : Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Jammer zur Freude, aus! der Trauer zum Feste und aus der Finsternis zum großen j Lichte". Und das ist es, was Israel an seinem nationalen! Wiegenfest seit Jahrtausenden feiert. Allein, in den jetzigen Zeitumstünden, bei der ungerechten : und lieblosen Behandlung, die uns seitens der Völker, in deren! Mitte wir wohnen, in unerhörter Weife zureil wird, entsteht! unwillkürlich die Frage, ob wir wirklich noch immer den göttj lichen Frühlingshauch verspüren; ob unser Volksbewußtsein sich! in der Tat in jenem köstlrchen Morgentau badet, der unser j nationales Leben vor Verkümmerung schützt und dasselbe unl versehrr erhält; ob in unserem Innern der Gedanke stets noch! erhalten bleibt, daß „in jeglichem Zeitalter" der Jsraelite das j alte Erlöfungsfest als fein eigenes a n s e h e n soll; ob j wir es auch richtig erfassen, daß es für uns — wie im ersten! Frühling unseres Volkstnmes — einen Aufblick und eine Erj Hebung gibt, eine Hoffnung, die niemals täuscht, ein Vertrauen,! das niemals trügt; daß es für unsere Freuden einen Spender, j für unsere Leiden einen Tröster gibt; daß d a s, was im ersten! Erlösungsfeste geschehen, was uns damals gezeigt, verkündet j und gelehrt worden, als auch f ü r u n s jetzt geschehen, gezeigt, : verkündet und gelehrt bleibt; ob die ganze Tonleiter des in unnachahmlicher Schönheit erschallenden H a l l e l l i e d e s in unserer Volksseele nach wie vor aus- und absteigt; ob wir! auch in der Finsternis unseres Geschickes den bekannten Ruf i vernehmen, „die Stimme meines Freundes, sie läßt sich hören"? Ach, wenn nur diese Frage keine Frage wäre! Ja, es ist und bleibt noch immer eine Frage, wert, daß wir sie erwägen, in Erinnerung an das jüdische Frühlingsfest, das zugleich unser nationales Wiegenfest ist. Denn wenn auch in anderer Form und Gestalt, aber dem Wesen nach wiederholt , sich das frühere Leid auch noch jetzt in unserer Mitte. Der , Kleinmut bemächtigt sich dadurch der Halben und Schwachen ' unserer Stammesbrüder, da uns mit schlauer Berechnung der