Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit 'Jir. 13. Stadttempel eingeweiht wurde, in der Hauptstadt Frankreichs aus dem Leben schied (1826), hatte zur Feier eines Friedensschlusses durch Napoleon I. eine Hymne auf den Frieden gedichtet, die in der Synagoge zu Paris vorgetragen wurde, von der die gelehrten Sprachkenner Frankreichs behaupteten, daß seit den alten Leviten nichts ähnliches geschaffen wurde. Dessen Sohn war der berühmte Tonkünstler Fromental Halevi. Und so hatte auch Solomon Sulzer sein ganzes Leben hindurch, die große Gesangesgabe, die ihm Gott verliehen, nur zur Verherrlichung seines Glaubens und Stammes verwendet. Die herrliche Hymne •nn nab, die vor Jahrhunderten ein Salomon Halevi gedichtet, sie zieht nunmehr mit den herrlichen Melodien, die Salomon Sulzer (Halevi) für dieselbe komponierte, säst durch alle Weltteile!" Festbankett der Cantoren. Als Abschluß der Festlichkeiten fand um 9 Uhr abends im Prachtsaale des Hotel Guth, II., Stefaniestraße, ein Bankett der Cantoren statt, das einen überaus schönen und animierten Verlauf nahm. Die Zahl der Teilnehmer war über hundert und man möge es dem Berichterstatter nicht übelnehmen, wenn die nachfolgende Präsenzliste, welche sich nur aus die Nennung der Ehrengäste und der Damen beschränken will, manche Lücke aufweisen sollte. Anwesend waren: Kultusvorsteher Dr. Marcus Spitzer,. Belhausvorsteher Wasservogel, der Herausgeber der österr. Wochenschrift Dr. Bloch, Rabbiner Dr. Kahan, Sekretär Braun, Redakteur Alois Kulka, Architekt Kestel, Herr Emil Jellinek, Herr Professor Nascher, Herr Max Schwager (österr. Wochenschrift), sämtliche Cantoren, die Chordirigenten I.Heimann undZellnik, Hr. Striks, ferner die Damen: Frau Obercantor Singer, Frau Obercantor Bauer, Frau I. Cantor Blatt, Frau Kulka, Frau Dr. Kahan, Frau Architekt Kestel, Frau Obercantor Heller, Frau Dr. Löwy, Wittwe Obercantor Stern, Frau I. Cantor Jurberger, Frau Cantor Löwit, Frau Schwager, Frau Obercantor Wittmann, Frau Cantor Serebrenik, Frau Obercantor Quartin. Frau Cantor Adolf Rotter, Frau Camor Edelmann, Frau Cantor Czucka, Frau Cantor Smotritzky, Frau Striks u. v. A. Mit jubelnder Begeisterung wurde Herr Emil Dulzer aus Galatz, ein Sohn des Altmeisters Sulzer, begrüßt, der ebenfalls beim Bankette erschien, um mit bewegten, herzlichen Worten den Cantoren Dank abzustatten für die große Ehrung, die sie dem Andenken feines verewigten Vaters zu Teil werden ließen. Ein Telegramm des Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Gustav Kohn, der mit launigen Worten sein Fernbleiben entschuldigte, wurde lebhaft acclamiert. Nach Begrüßung der Anwesenden durch Obercantor Bauer sprach Obercantor Singer den ersten Toast auf die anwesenden Ehrengäste. Einen überaus geistvollen Toast brachte Kultusvorsteher Dr. Spitzer auf den Cantorenverein aus, indem er die hohe geschichtliche und liturgische Bedeutnng des jüdischen Cantors mit treffenden Worten kennzeichnete. Vicepräsident M. Blatt toastierte auf den Kultusvorstand, Sekretär Dr. Löwy auf das Vereinspräsidium. Rabbiner Dr. Kahan sprach einen Toast auf die Sangesfreudigkeit der Cantoren, Cantor Löwit auf Josef Sulzer und dessen wackere Mitarbeiter, die beiden Chordirigenten und das Chorpersonale; ferner toastierten Vorsteher Wasfervogel, Obercantor Singer auf Frau Kestel-Bauer, und zum Schluffe sprach mit köstlichem Humor Professor Nascher. Nach den Toasten wurden sämtliche eingelangten Telegramme und Widmungen verlesen. Obercantor Schorr las das von ihm verfaßte hebräische Gedicht vor, und Obercantor Guttmann nachfolgende Widmung von Herrn Albert Löw in Budapest: O! du Meistersänger oben, Latz' uns deine Werke loben, Singen heute deine Lieder, Blick', o Meister, auf uns nieder. Du bist vereint mit Engelscharen, Welche dir zur Seite waren, So du hier in uns'rer Mitte. Vorgetragen manche Bitte. Unerreicht sind deine Lieder, Alle singen wir sie wieder. Ist doch alles best gelungen, Was du hier so oft gesungen. Hierauf folgten ausgezeichnete und lebhaft akklamierte Gesangsvorträge von Obercalltor Dünmann, Obercantor Basser- Neusatz, Cantor Schleifer, Obercantor Quartin, Obercantor Guttmann, und zum Schlüsse rezitierte Obercantor Schorr in geradezu meisterhafter Weise das Tischgebet. Damit war der offizielle Teil des Bankettes geschlossen, und dann ergötzte noch Cantor Dukes durch feine drolligen Vortrüge, nach Art des Marschalik, die fröhlich gestimmte Gesellschaft. Lange nach Mitternacht war es schon, als die letzten Zecher den Heimweg antraten. Aus der Woche. Der gewesene Fürsterzbischos von Olmütz Dr. Theodor Kohn hat sicherlich nicht das Geringste dazu getan, daß die Juden irgend ein lebhaftes Interesse an seinem Schicksale nehmen. Daß dies doch der Fall ist, dankt er nur den — Judenfeinden, die ihn über seinen Namen stürzen machten und selbst in Rom der Anschauung zum Sieg verhalfen, daß ein Dr. Kohn nicht zum Fürsterzbischof taugen dürfe. Beachtenswert bleibt es unter diesen Umständen immerhili, daß Dr. Theodor Kohn allein es ist, der ganz uud gar von seinem vollen Christentum überzellgt ist. Er hat dem Papste erklärt, daß er glücklich sei, ihm einen Beweis seiner Demut und seines Gehorsams liefern zu können, und, wie man jetzt hört, geht er in seiner christlichen Demut noch weiter. Er hat nicht allein auf sein Erzbistum verzichtet, er will auch auf seine Pension zu Gunsten frommer kirchlicher Zwecke verzichten. Wenn Dr. Theodor Kohn nicht durch seine Demut sich auszeichnen wollte, könnte man fast vermuten, er habe auf diese Weise an seinen Feinden und Verfolgern Rache genommen. Die Rachsucht, die soll ja so eine echt jüdische Eigenschaft sein .... * * ❖ Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger hat sich neulich in öffentlicher Gemeinderats-Sitzung über die Feuerbestattung geäußerte Als ein Gemeinderatsmitglied betonte, daß die Klerikalen überall gegen diese Bestattnngsform den schärfsten Kampf führen, ließ sich Dr. Lueger die Bemerkung entschlüpfen: „Fragen Sie Ihren lieben Freund, den GR. Ritter v. G o l d s ch m i d t, der wird Ihnen sagen, daß auch die Juden gegen die Feuerbestattung find." Herr v. Goldschmidt hätte allerdings dem Herrn Bürgermeister auch noch ein anderes mitteilen können. Er hätte ihn an einen der Gründe erinnern dürfen, der vollauf geeignet erscheint, die Aversion der Inden gegen das Verbrennen zu erklären. Man hat nämlich die Juden in früheren Zeiten gar zu sehr daran gewöhnen wollen, .sich schon bei Lebzeiten verbrennen zu lassen. Ist es da ein Wunder, daß die Juden dazu gelangten, überhaupt vom Verbrennen nichts wissen zu wollen? In der jüngsten Vollversammlung des Vereines ..Bürgerschule" ist eine scharfe Resolution gegen Leopold von P o l l a ck, den Präsidenten des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, gefaßt worden. Das traurige Schicksal, von welchem in der antisemitischen Aera die freisinnigen Lehrer im allgemeinen und die jüdischen im besonderen betroffen sind, wird durch die in dieser Resolution enthaltenen Ausführungen ins rechte Licht gerückt. Wir haben seinerzeit an dieser Stelle die Klagen besprochen, welche seitens der freisinnigen Lehrerschaft gegen den Präsidenten des durchaus freisinnigen und zu 65 Prozent aus Juden bestehenden Gemiums der Wiener Kaufmanschaft erhoben wurden. Wir haben auch vollauf die Empörung begriffen, die man in diesen Kreisen ob der schier unglaublichen Tatsache empfand, daß die gemaßregelten und in ihren Bezügen verkürzten freisinnigen Lehrer, welche beim kaufmännischen Gremium um eine Stelle petitionierten, abgewiesen, während eine ganze Reihe christlich-sozialer Lehrer mit offenen Armenausgenommen wurde. Daß unter dem Präsidium des Herrn von Pollack unter solchen Umständen kein freisinniger und noch weniger ein jüdischer Lehrer Aufnahme fand, wäre sicherlich noch eher verständlich