Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Jir. 13 Seite 7 Die Wahrheit Dr. Stern begrüßte gleichfalls die Cantoren namens der Kultusgemeinde, in welcher dieses Fest, an dem die Cantoren so großen Anteil genommen, unvergeßlich bleiben wird. Hieraus gruppierten sich die Cantoren um das Sulzerbild und brachten den schon in der Festsitzung gesungenen „Odecho" abermals Zur Aufführung. Reicher Beifall wurde den wackeren Sängern und ihrem tüchtigen Dirigenten. Cantor I. Löwit, zuteil. Herr Baurat Stiaßny ergriff wieder das Wort und forderte nach einem Danke an die Sänger die Anwesenden zu . einem Hoch auf die Malerin des Sulzerbildes, Frau Kestel - Bauer, aus, in welches die Versammlung begeisterteinstimmte. Dann erfolgte die Besichtigung der Schütze des Museums, in dessen Gedenkbuch sich die Anwesenden eintrngen. Festgottesdienst im Leopoldstädter Tempel. Montag, l,.>7 Uhr abends, fand der zweite Festgottesdienst im Leopoldstädter Tempel mit dem gleichen Programme wie am ersten Tage statt. Dem großen Fassungsraume des Tempels entsprechend, der bis ans das letzte Plätzchen in der obersten Galerie dicht gefüllt war, war die Zahl der Festgäste und übrigen Teilnehmer eine vielfach größere, als im Stadttempel, und der Andrang des Publikums war ein so gewaltiger, daß viele Hunderte umkehren mußten, ohne Einlaß ins Gotteshaus zu finden. Während im Stadttempel das historische Moment der Stätte, an welcher Sulzer durch Jahrzehnte gewirkt, der Feier besondere Weihe verlieh, wirkte im Leopoldstädter Tempel die großartige Jmposanz der Massen. Die gesanglichen Darbietungen des fungierenden Obercantors Guttmann und des Chores unter Leitung Professor Sulzers standen auch hier aus künstlerischer Höhe, und voll Begeisterung und Bewunderung lauschte Alles den herrlichen musikalischen Aufführungen. Rabbiner Tr. S chmied l hielt folgende Festrede: „Diese so großartige, imposante Gedenkfeier, die in dieser Abendstunde uns in so festlicher Menge,, an geheiligter, Stätte versammelt, sie erscheine ja niemandem als bedeutungsloses Gepränge — sondern sie sei uns der Träger eines großen lehrreichen Gedankens. Denn diese große hochehrende Gedenkfeier zeigt uns ja durch ein sichtbares Beispiel, wie der Mensch, der sterbliche und staubgeborene, durch die innere Gotleskraft, die ihm innewohnt, im Stande sei, die alles bezwingende V e rg a n g l i ch k e i t zu besiegen und schon hienieden sich die Palme unsterblichen Fortlebens zu erringen. Denn nicht eine T o d t e nfeier ist es, die wir heute begehen, sondern eine großartige Geburtstagsfeier, obschon der Träger derselben längst nicht mehr unter den Lebenden wandelt, sondern bereits seit vierzehn Jahren im Staube ruht. Doch von diesem Schläfer im Grabe gilt das bedeutungsvolle Wort der alten Lehrer: -cpa masn vninatp — noch im Grabe bewegen sich diese Lippen. Denn aus diesen begnadeten Lippen kamen uns ja jene großartigen, wundervollen, Gott verherrlichenden Gesänge, mit denen in der Geschichte unseres gottesdienstlichen Kultus eine neue Aera, ein ganz neues, glänzendes Blatt sich austat — und auf welche wir das Psalmenwort anwenden können: btt*?'» 8an nLpIi mp x» pan ban Durch die ganze bewohnte Erde und fast in allen unseren Tempeln haben diese wundervollen Gesänge sich heimisch gemacht, und bei dem heiligen Zauber dieser Gott verherrlichenden Melodien werden Millionen betender Herzen in begeisterter Andacht zu Gott emporgetragen. Von Moses, unserem unsterblichen Lehrer, wird bekanntlich alljährlich am 7. Tag des Kalendermouates Adar der Todestag gefeiert, — allein die alte Ueberlieserung sagt uns, daß dieser 7. Tag nicht bloß der Todestag, sondern auch derGeburtst a g des großen Lehrers sei. Und da Moses doch im Grunde für uns gar nicht todt ist, sondern fortlebt und ewig fortleben wird, so feiern wir mit seinem Todestag zugleich auch den immerwiederkehrenden Geburtstag unseres unsterblichen Lehrers. Und obschon wir kein menschliches Wesen mit unserem Lehrer Moses vergleichen möchten, so können wir doch auch von jedem großen, hervorragenden Menschen, der schaffend, befruchtend, segenförderud durchs Leben gezogen ist, ebenso aussagen, daß sein Todestag zugleich auch sein immer wiederkehrender Geburtstag sei Ein großer Dichter arabischer Zunge, der mit seinem Dichterauge alle Erscheinungen der Natur sich vergeistigt hatte, gab uns eine ' ganz eigene Erklärung sür die bekannte Erscheinung am nächtlichen Himmel, welche man die Milchstraße nennt. Ein Himmelsbote — sagt er — sei vor undenklicher Zeit mit einer Gottessenduug diese Bahn gezogen, und wo ein Gottesbote seinen Fuß hinsetzt, da leuchten Lichtspuren empor, die niemals wieder verlöschen. — Salomon S u 1 z e r! Obschon Du bereits vierzehn Jahre in Gottes Erde ruhst, die Lichtsouren, die Deinen Gang durchs Leben bezeichnen, sie leuchten und strahlen noch immer in Hellem Glanze und werden nie verlöschen. Die allwaltende Gottheit, die selbst in den kleinsten Ereignissen der Geschichte ihre planvoll lenkende Hand erkennen läßt, sie fügte es, daß gerade in diesem Frühlingsmonate — wo durch die wiedererwachende Natur tausende Gottesstimmen rufen: „Der Winter ist vorüber .. . r^a.-r -rsarrr ni?» dieZeit wunderbaren Gesanges i st gekommen!" — der nachmalige große Sänger der Goltesverherrlichung an das Licht der Welt trat. Doch zweiundzwanzig Jahre nach seinem ersten Lebenssrühling kam wiederum derselbe Frühlingsmonat, und dieser flocht in das Lebensbuch des bereits gefeierten Sängers das ente seiner ruhmvollen Blätter ein. Es war nämlich der erste Tag des Monates Nissan des Schöpfungsjahres 55S6 (1826). Da fand die denkwürdige, feierliche Einweihung des Tempels in der Seitenstettengasse statt. Nissan bedeutet der Wundermonat, und in jener für unseren Stamm noch so tieftraurigen Zeit erschien dieses Ereignis in der Tat wie ein wahres Wunder Gottes. Auch der herrliche Bau des Tempels erschien wie eine Art Wunder, denn aus den ungünstigsten Raumverhältniffeu stieg er wie der Vogel Phönix aus der Asche empor. Erscheint er doch auch heute noch wie eine schöne Dichtung in Stein und Marmor gemeißelt und gleichsam als ein Bild des damaligen Judentums, wo ebenfalls mitten unter den ungünstigsten, gedrücktesten Verhältnissen Männer aus diesem Stamme hervorgingen, die dessen Namen zu höchsten Ehren brachten. Nun zwei solche Männer waren es eben, die durch ihre beiderseitige großartige Begabung jene Temveleinweihung verherrlichten. Der eine mar der damals zweiundzwanzigjährige S a l o m o n S u l z e r, der durch den Zauber seines gesanglichen Vorttages Entzücken und Bewunderung erregte, und der andere — er ruht jetzt bereits 38 Jahre in Gottes Erde, doch auch von ihm gilt das Wort der alten Lehrer -apa mann wnnatp „seine Lippen bewegen sich noch im Grabe" — Isak Noah Mannheimer! Wer könnte diesen Namen aussprechen ohne die tiefste Rührung und innigste Verehrung? Wie ein zweiter Jesaja sprach er mit seiner zündenden Rede zu seinem Volke, um die Gebeugten emporzurichten, die Bedrückten zu trösten und in den Herzen die Flamme der Gottesfurcht zu entzünden. An den großen Meister des gottesdienstlichen Gesanges wurden jedoch öfters glänzende Anträge gestellt, sein hervorragendes Talent auf anderem Boden lohnender zu verwerten. Er lehnte solche Anträge mit Entschiedenheit von sich ab und er war hierin ein treuer Abkömmling des alten Levitenstammes, dem auch er angehörte und aus dessen Mitte die großen Sänger sowohl, als auch die großen Dichter hervorgingen, die mit ihren beiderseitigen Gaben den Gottesdienst in Zion verherrlichten. Durch die Macht der „Vererbung,, haben Jahrtausende hindurch diese beiden Gaben in diesem Stamme sich fortgepflanzt. In der spanisch-jüdischen Literaturperiode gibt es fünf große hebräische Dichter, die sämtlich den Stammesnamen H a l e v i auf sich tragen. Ein hervorragender hebräischer Dichter, Elia H a l e v i, der eben in demselben Jahre, als der Wiener