Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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M ssa itiii: ö. Die Wahrheit Nr. 13. Als gleichwertig mit diesem Kamorrezitativ erscheint mir -jene Legion von sogenannten Chorrezitativen oder Chorresponsorien, die Salomon Sulzer als Neuschöpfung dem Synagogengesange einverleibte. Noch heute tönt uns ja das Chaos von Klängen aus mancher alten Synagoge heraus, wie seinerzeit Gebetesstellen, „Omen jehe schme^ — Schma jisroel — Kodoscli, Kodoscli. Wie klassisch Meister Sulzer auch diese Gebetsstellen musikalisch illustrierte, geht aus der Tatsache hervor, daß keiner der nachsulzerischen Synagogenkomponisten sich dem Bannkreise der sulzerischen Aufzeichnung entziehen konnte; allesamt folgten sie der rhythmischen und modulmorischen Intention des Meisters. Und wenn einer hie und da eigene Bahnen wandeln wollte, so merkte man die Absicht; denn es klang verstimmt. Noch einer letzten Gruppe von hervorragenden Musikschöpfungen muß hier Erwähnung geschehen, u. zw. der Gesänge für Chanuka, Purim, Tischo b'ow, Trauungen, Leichenbegängnisse rc. Ich bezeichnete diese Gesänge als hervorragende, weil Sulzer sowohl in der Erfindung der Form für dieselben als in der musikalischen Verarbeitung ursprünglich war, während die Nacharbeiter, die Ursprungssorm des Meisters benützend, sogleich an die Musikillustration schreiten konnten. Was soll ich noch von der weltbekannten Größe Salomon Sulzers als ausübender Kantor erwähnen? Was über die Mannigfaltigkeit der Töne, die er seinem herrlichen Organe vom zartesten Flüstertöne bis zum brausenden Fortissimo abzuschmeicheln und abzuringen verstand? Was davon, wie er es zuwege brachte, die Elite der damaligen Musiker für seine heilige Sache zu begeistern, ja zur Mithilfe anzuregen? Die Kunde all dieser Tatsachen ist so erschöpfend in die Welt gedrungen, daß es heute keiner besonderen Erivähnung bedarf. Nur auf einen Gesichtspunkt möchte ich noch zum Schlüsse, namentlich die jüngeren Kollegen, aufmerksam machen, u. zw. auf die Tatsache, daß Meister Salomon Sulzer uns ein heiliges Vermächtnis seiner Lebensbestrebnngen zurückließ; ich meine die beiden Teile des Schir Zion. Schir Zion I. hat die Reise um die Welt gemacht und macht sie noch heute, Schir Zion II. muß insoferne als eine löbliche Ergänzung des I. Teiles erachtet werden, als in demselben eine rühmenswerte Rückkehr zumalten Gesänge zum Ausdruck gelangt. Alle jene Gebetesstellen, die — Verhältnisse halber — im ersten Teile keine Aufnahme fanden, selbst die diffizilsten Stellen, wie jom kippur koton, scheni wachamischi wesclieni. scliowewim etc. fanden entsprechende Aufnahme und entsprechende musikalische Bearbeitung. Diese beiden Teile Schir Zion bilden gleichsam die beiden Bundestafeln des Sulzerischen Gesetzes für die Cantoren; des synagogalgesanglichen Gesetzes auch für die Gemeinden; desjenigen Gesetzes, welches, zuerst beim Gottesdienste der Wiener Gemeinde Eingang fand und von hier, gleichsam als Mustergottesdienst, hinaustönte in alle Welt und auch allüberall begeisternde Aufnahme fand. Deshalb richte ich an Euch, jüngere Cantoren, die Aufforderung, jener Worte zu gedenken, die Meister Sulzer selbst so erschütternd vortrug: „l'orosi al taasowu“. „Meine Lehre, verlasset sie nicht!" Erfülle: Ihr diesen Spruch, dann wird der Geist Salomon Sulzers stets in Eurer Mitte weilen.! Damit aber auch die uns allen so teuere und liebe äußere Erscheinung Sulzers fiir künftige Geschlechter erhalten bleibe, ließ der österr.-ung. Kantorenverein von Künstlerhand ein Bildnis des Meisters anfertigen, welches ich nun seiner Bestimmung entgegenführe, indem ich ersuche, von demselben die Hülle fallen zu lassen. —-(Die Hülle fällt, und in weihevoller Betrachtung wenden sich alle Blicke dem Bilde Sulzers zu, das die teuren Züge des Meisters mit fast greifbarer Plastik und voller Lebenswärme wiedergibt.) Angesichts dieser uns Allen so teuren Züge, fordere ich die Herren Kollegen auf, gleichsam als Huldigung der Schüler ihrem Meister gegenüber jenen Festgesang anzustimmen, den Meister Sulzer selbst zur Aufführung bei derlei festlichen Gelegenheiten festgesetzt. (Die Cantoren singen hierauf unter Leitung des Cantors I. Löwit einen von letzterem für Männerstimmen arrangierten „Odeclio“ aus dem „Sclrir-Zion“.) Mögen diese herrlichen Klänge hinaustönen in das Leben; mögen dieselben aber auch hineintönen in unsere Herzen und dort eine bleibende Stätte der Dankbarkeit und Erinnerung finden an jenen herrlichen Menschen, der im Leben genannt wurde: Oberkantor Professor Salomon Sulzer! Mit diesem Wunsche schließe ich die heutige Sitzung." Als der Redner geendet hatte, brauste ein Beifallssturm durch den Saal. Er galt in gleicher Weise den ausgezeichneten Worten Obercantor Singers, dem Meisterwerke, das die Künstlerin, Frau Kestel-Bauer, mit dem lebenswarmen Bilde Salomon Sulzers geschaffen, und der großartigen Wirkung des von den Cantoren unter der Leitung ihres trefflichen Dirigenten Cantor Löwit aufgeführten Chores. Den Chor sangen folgende Wiener Cantoren: Bauer, Blatt, Balogh, Czuczka, Dünmann, Edelmann, Guttmann, Jurberger, Löwy, Menkes, Pekarnik, Quartin, A. Rotter, Schorr, Schleifer, Schreibstein, Serebrenik, Smotritzky. Während und nach der Festsitzung sind an den Vorstand nachfolgende Zuschriften und Telegramme eingelangt: Baronin Charlotte Königswarter-Wien, Baron Albert Rothschild-Wien, Ritter von Gnlmann-Wien, 'Baurath Stiaßny-Wien, Doctor Grunwald-Wien, Arnold Sulzer-Florenz, Kultnsgemeinde und Rabbinat-Öohenems, Kultusgemeinde-Jglau, Knltusgemeinde- Eger, Tempelchorverein-Eger, IJniversita israelitica in Florenz, Cantorenverein und Hilfskassa deutscher Knltnsbeamter in Berlin, Israel. Landeslehrerverein Böhmens in Prag, Obercantor Tennenbaum-Stuttgart, Obercantor Lazarus-Budapest, Obercantor Löwenherz-Temesvar, Musikdirektor Rubin-Prag, Obercantor Moor und Cantoren Mirsky und Gutmann-Prag, Cantor Pick-Prag, Obercantor Freisinger-Pilsen, Obercantor Kartschmaroff-Kanizsa, Obercantor Weiß-Marczali, Obercantor Popper-Eger, Obercantor Singermann-Troppau, Obercantor Goldenberg-Marienbad, Obercantor SchlesinM-Olmütz, Cantor Brunner-Jglau, Obercantor Singer-Jungbunzlan, Obercantor Löwensohn-Prag, Obercantor Rosenzweig-N.' Abony, Cantor Kraus-Veröcze. Außerdem langten ein: eine Kompositionswidmnng (Keduscha) von Obercantor Zivi-Elberfeld, eine Festschrift (Biographie Sulzers in englischer Sprache) von Reverend S. Rappaport in New-Iork, Widmung und hebräisches Gedicht von Cantor Goldmann-Nagy-Kanizsa, hebräisches Gedicht von Obercantor Schorr-Wien, Gedicht von Herrn Albert Löw-Budapest. Sämtliche Widmungen und Telegramme gelangten beim Festbankett .zur Verlesung. Nach her Festsitzung ließen sich sämtliche Cantoren beim Photographen Chefez H., Taborstruße 41 in einem Grnppenbilde photographieren. Besuch der Snlzer-Ausstellnug im „Jüd.Museum". Gegen 3 Uhr nachmittags versammelten sich die Cantoren im Cafe Europe, um von dort aus gemeinschaftlich einer Einladung des Kuratoriums des „Jüdischen Museum" zur Besichtigung der daselbst anläßlich der Zentennarfeier veranstalteten Sulzer-Ausstellung Folge zu leisten. Im großen Saale des Museums war mittlerweile auch das Sulzerbild aufgestellt worden, das hier in Folge der günstigeren Beleuchtung noch großartiger wirkte, als in dem etwas düsteren Sitzungssaale der Kultusgemeinde. Zur Begrüßung der Cantoren hatten sich der I. Vizepräsident der Kultnsgemeinde, Herr.Dr. Alfred Stern, der Präsident der türkischen Gemeinde, Herr Licco Adutt, seitens des ,,Jüd. Museums" dessen Präsident, Herr Baurat Stiaßny, und Herr Emil Jellinek eingefnnden, und außerdem waren noch mehrere Mitglieder der Familie Sulzer, darunter Herr Emil Frankel, der zur Erinnerung an die schönen Festtage Ansichten des Sulzerhauses in Hohenems verteilte, und andere Gäste anwesend. Oberkantor Singer dankte namens der Cantoren dem Herrn Baurat Stiaßny für die ehrende Einladung des Kuratoriums, worauf letzterer die Cantoren mit überaus herzlichen Worten willkommen hieß. Vizepräsident