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Die Wahrheit · 1904-03-25 · Heft 13 (25.3.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13. Die Wahrheit Lette h. Ewiger, zerschmettert den Feind" — dann vermeinte man bei der ersten Hälfte des Satzes einen gewaltigen Arm aus den Wolken aufragen zu sehen, und dann hörte man bei der zweiten Hälfte des Satzes denselben Arm dröhnend niedersaufen. Und so könnte ich zahlreiche Beispiele anführen, wie Sulzers Vortragskunst die Bilder unserer glorreichen Vergangenheit wieder hervorzauberte, wie er die Perlen ewiger Gedanken in seinen Harmonien aneinanderreihte. Man wird freilich sagen: diese Perlen konnte man leider nicht fassen und sesthalten, denn die Perlen des Gesanges zerrinnen gleich den Tauperlen in dem Augenblick, in dem sie erglänzen. Dem ist aber doch nicht ganz so. In der Einleitung zu dem Liede Moses, das ich erwähnt habe, beißt es: „Da sang Moses." Wörtlich heißt es, wie unsere Weisen ausmerksam machen: „Da wird Moses singen." Sein Gesang hat eine Zukunft, er ist unvergänglich. So auch der Gesang Sulzers. Ist er selbst auch verklungen, so hat er doch wie durch seine musikalische Gestaltung des Gottesdienstes, auch mit seiner Vortragskunst die Richtung für alle Zeiten gegeben. Die Morgenröte hat er erweckt, ihr wird hoffentlich nie eine Abendröte folgen. Ein Jahrhundert ist es, daß er geboren wurde, aber wie er lebendig vor uns steht, so wird er den späten Geschlechtern zukünftiger Jahrhunderte lebendig erscheinen. Sein Andenken sei gesegnet!" Nach der meisterhaften Festrede stimmte der Chor den Es-dur adon aulom aus dem Schir Zion an und mit der künstlerisch vollendeten Wiedergabe desselben schloß der großartige, erhebende Gottesdienst. Festsitzung und Enthüllung des Sulzerbildes. Montag den 21. V-,12 Uhr vormittags, vollzog sich im Sitznngssaale der Wiener Kultusgemeinde der Huldigungsakt der Cantoren für ihren verewigten Altmeister. An der Kopfseite des Saales war in einem Blumenhain das zu Beginn der Festsitzung noch verhüllte lebensgroße Oelbild Sulzers, das der österr.-ungar. Cantoren-Verein von der Malerin, Frau Manzi Kestel-Bauer, zur Centennar-Feier anfertigen ließ, aufgestellt. Die linke Seite des Saales war von den Cantoren okkupiert, die rechte für die Festgäste reserviert, die von dem Festkomitee (Bauer, Blatt, Schorr) empfangen wurden. Unter den Festgästen bemerkte man: die Mitglieder der Familie Sulzer, den Vizepräsidenten der Knltusgemeinde Dr. Alfred Stern, die Knltusvorsteher Dr. Marcus Spitzer, Dr. Steiner, Emil Horner, Baurat Fleischer, Hermann Eltbogen, den Präsidenten der türkischen Gemeinde Herrn Sicco Adutt, Bethausvorsteher Wasservogel, kais. Rat Dr. Lieben, Sekretär-Stellvertreter Dr. Adler, die Rabbiner Dr. David, Dr. Feuchtwang, Dr. Gelbhaus, Dr. Kahan-Znaim, den Herausgeber der österreichischen Wochenschrift Dr. Bloch, Redakteur Kraus vom „Jüd. Volksblatt", Redakteur Uprimny von der „Welt", Vorsteher Jellinek von der Armeuanstalt, Herr Emil Jellinek als Vertreter des „Jüdischen Museum" und zahlreiche Damen. Zur festgesetzten Stunde eiöffnete der Präsident des Cantoren-Vereines, Sbercantor Josef Singer, die Festsitzung und hielt dabei folgende, wiederholt von Beifall unterbrochene Festrede: „Hochgeehrte Festversammlung! Indem ich Sie bei unserem heutigen Feste höflichst und herzlichst begrüße, gestatte ich mir die Mitteilung, daß unsere heutige Versammlung in diesen für die Geschichte des Judentums so bedeutungsvollen Räumen dem Andenken an einen weltberühmten und hochgeschätzten Mann gewidmet ist, der nicht allein um uns jüdische Kantoren, sondern hauptsächlich um die Entwickelung des modernen Synagogengesanges sich ewige, unvergängliche Verdienste erworben hat, Verdienste, die nicht allein uns, den Kindern seines Zeitalters, sondern auch den Epigonen späterer Geschlechter innigen, wahrhaften Tank auferlegen. Am 30. Mürz des Jahres 1804 wurde in dem Städtchen HoheUems in Vorarlberg dem Elternpaare Josef und Fanni Sulzer ein Knäblein geboren, welches den Namen Salomon beigelegt erhielt. Wie es heißt, soll nebst der Bestrebsamkeir des Vaters hauptsächlich die Energie und Intelligenz der Mutter für die spätere Lebensentwickelung des Knaben von großer Wirkung gewesen sein. Große Vorkommnisse des Lebens pflegen zumeist ihre Strahlen vorauszusenden, und so muß für uns jüdische Kantoren d i e Tatsache als eine bedeutungsvolle erachtet werden, daß der kaum dem Schulunterrichte entwachsene! Knabe bereits in seinem 14. Lebensjahre den Kantordienst in der Synagoge zu Hohenems verrichtete und in der Eigenschaft als geistlicher Funktionär von Sr. Majestät weiland Kaiser Franz I. auch bestätigt wurde. Die Kunde der außergewöhnlichen Leistungen des jungen Kantors drang alsbald auch nach außen, so daß der Vorstand; der israelitischen Knltusgemeinde Wien sich veranlaßt fand, bei j Fertigstellung der neuerbanten Synagoge in der Seitenstetten-! gaffe den Jüngling für den Kantordienst in derselben zu be-! rufen. Der Anbeginn dieser Wirksamkeit muß auch als der j Beginn jener umfassenden Bedeutung erackuet werden, die der! berühmte und hochgeachtete Mann, dessen 100. Geburtstag wir j heute begehen, sich allenthalben zu verschaffen verstand — ich j meine den im hohen Greisenalter im Jahre 1890 von uns I geschiedenen, weltberühmten einstigen Sberkamor der Wiener l Kultusgemeinde, Herrn Professor Salomon S u l z e r seligen j Andenkens. Die einfache Nennung des Namens Salomon Sulzer bedeutet gewissermaßen die Geschichte des modernen Synagogengesanges, und diese Tatsache enthebt mich auch am heutigen Tage der Verpflichtung, eine sogenannte usuelle Lobes- oder Ruhmesrede halten zu müssen; denn das Wirken und Schaffen Salomon Sulzers sind derart bekannt, daß ich es mit stolzer Zuversicht aussprechen darf, es erhebe sich auf dem weiten Erdenrunde keine Synagoge mit modern-gesanglicher Einrichtung, in welcher der Name Salomon Sulzer nicht gewürdigt, zumindest nicht bekannt wäre. Allein so viel Erhebendes und Schönes allenthalben, und namentlich während dieser Festestage, auch gesprochen und geschrieben wurde, uns jüdischen Kantoren liegt es ob, in dieser Festesstunde ausschließlich jener, ich möchte sagen, intimen Wirksamkeit des Meisters zu gedenken, die sich der allgemeinen Beachtung entzieht, doch für uns jüdische Kantoren von umfassendster Bedeutung ist, daher eines erhöhten Hinweises bedarf. Als erste Großtat des Meisters muß die Abschaffung des bis dahin seit vielen Jahrhunderten mir dem Judentume innig verwobenen, jedoch auch die mannigfachsten Mißbräuche bringenden Stegreifgesanges der Nesollororim und die Einsetzung eines regelrechten Chores für den Synagogeugesang erachtet werden. Noch viel bedeutungsvoller erscheint mir die Schöpfung eines modernen Recitativs für den Cantor. Wer, wie wir älteren Cantoren, noch die Phase des ^I^ellorsriin-Gesanges durch eigene Betätigung andemselben miterlebthat, der wird sich zu erinnern wissen, daß in den 40 er und 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich innerhalb des Synagogengesanges eine Strömung geltend machte, welche der Pflege des Volksliedes oder einer bekannten Spernarie gewidmet war; solche Darbietungen wurden dazumal! als moderne Errungenschaften geradezu umjnbett. Dem Meister Sulzer i aber mit seinem abgeklärten Kunstsinn und seiner idealen Anschauung,! mußten dieselben geradezu obszön erscheinen, und er trat ihnen auch mit der ganzen Macht seines Wollens entgegen, indem er das berühmte Recitativ: „Ma godlu maasecho adonojschuf. Bezüglich dieses Rezitativs hatte ich mit dem verewigten Meister mannigfache Rücksprache gepflogen, bei welcher Gelegenheit ich erklärte: Dieses Rezitativ erscheint mir, wie eine aus mächtigen! Quadern erbaute Wehr inmitten der heranbrausenden Sturmflut j des Meschorerim=@e)ange§, Richtung gebend und neue Bahnen! eröffnend; hier zeigte mir der Meister, ivas eine echte! Künstlerseele mit der richtigen Verwertung nur einer handvoll! von Tönen im Umkreise kaum einer Sklave zu schaffen und zu! wirken im Stande ist.

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