Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-Jii'. 13 ieue 4. Tie Sänil)il)eit Festgottesdienst iw StadttempeL. Sonntag, Vo? Uhr abends, fand der Festgottesdienst im j Stadttempel statt. Anwesend waren: die in Wien weilenden j Mitglieder der Familie Sulzer. der Kultusvorstand unter Führung der beiden Vizepräsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn, der Bethausvorstand, der Präsident der türk.-israel. Gemeinde Licco Adutt, die Gemeinderabbiner, die Vorsteher imd Rabbiner der Wiener Bethausvereine, sämmtliche Wiener und auswärtige Cantoren, die sich vorher im Vereinslokale des Cantorenvereines versammelt hatten und korporativ in den Tempel einzogen, die Beamten der Kultnsgemeinde, zahlreiche Vertreter der Wiener Vereine und Mitglieder der Gemeinde. Weihevolle und festliche Stimmung lagerte auf dem Gotteshause, die Gestalt Sulzers, der von dieser Stätte aus mit seinem Schir Zion die Welt eroberte, trat Allen lebendig vor Augen und Alles lauschte mit Andacht, als Oberkantor Singer mit den Chören des Stadt- und Leopoldstädter Tempels den „Mah. towu“ anstimmte. Sowohl bei dieser Piece, wie auch bei deu folgenden Du ironraiiolio, liinne borclrn adonaj, Uwnuclio jomar, liascHwenu, gaben Cantor und Chor, letzterer unter Leitung des Chormeisters Professor Joses Sulzer und Chordirigeuten Zellnik, ihr Bestes, und was sie boten, war eine hervorragende, glänzende musikalische Leistung. Allgemein war das Urteil, daß eine solch vollendete Aufführung Sulzer'scher. Chöre bisher nicht gehört wurde. Als die letzten Töne des lliuus dorvllu in seiner Nuancierung verklungen waren, trat Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n auf die Kanzel und hielt folgende Festrede: „Ein Jahrhundert ist abgelaufen seit der Geburt Salomon Sulzers, und wenn wir der hunderfften Wiederkehr dieses Tages eine gottesdienstliche Feier widmen, so bedarf diese Entschließung. keiner Erklärung, und noch weniger einer Rechtfertigung. Wie es in der Thora von ihr selbst heißt: „Sie ist dir nicht fremd und nicht fern, sondern überaus nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu üben," so darf man von Sulzer sagen: er ist keinem fremd und keinem fern, nicht blos denen, die ihn gehört, sondern auch denen, die nur von ihm gehört haben, allen ist er vertraut und gegenwärtig, sein Name schwebt auf ihren Lippen, bewegt alle Herzen. Und zumal, wenn ich hier diesen Namen nenne, in diesem Gotteshause, das er einst — vor wenigen Tagen waren es 78 Jahre — im Vereine mit dem ruhmwürdigen ersten Lehrer unserer Gemeinde eingeweiht und seiner heiligen Bestimmung übergeben hat, vermeinen wir da nicht, mit seinen Weisen auch wieder seine Stimme zu vernehmen, der die Bekenner unseres Glaubens andächtig lauschten, die aber auch solche, die nicht unseres Glaubens waren, und unter ihnen die größten Meister der Tonkunst, zur Bewunderung hinriß? Dies ist eben das Einzigartige an der Persönlichkeit Sulzers, daß es ihm nicht blos gegeben war, die entsprechenden musikalischen Weisen für unseren Gottesdienst zum Teil selbst zu schaffen, zum Teil berühmte Tonsetzer zu deren Schöpfung anzuregen, sondern daß er auch der gottbegnadete Sänger und Dolmetsch dieser Weisen gewesen ist. Und diese Tatsache schreibt auch der Betrachtung, mit der wir das Andenken Sulzers feiern wollen, ihre Richtung und ihren Inhalt vor. Versuchen wir denn uns klar zu machen, was Sulzer als Schöpfer des modernen Synagogengesanges, und was er als dessen Dolmetsch durch seine Vortragskunst bedeutet. In den Psalmen Davids kommt wiederholt, mit geringer Veränderung, der Satz vor: „Erwache Psalter und Zither, ich will erwachen mit dem Morgenrot". Das ist ein Ausruf, der wohl oft aus dem Herzen eines gottbegeisterten Sängers, den seine Sangesfteudigkeit nicht schlafen läßt, sich losringen mag. Die Nacht währt ihm zu lang, schon mit dem ersten Morgenrot will er sich erheben, um dem Herrn Lob und Preis zu singen. Aber unsere Weisen haben in dem Satz einen ungleich tieferen Sinn wahrgenommen. Sie sagen, David habe nicht gemeint, daß die Morgenröte ihn erwecken sollte, sondern er wollte sagen: Ich erwecke die Morgenröte. Ein kühnes Wort, aber erklärlich im Munde eines Mannes, den Gott zu schöpferischer Tätigkeit berufen. Die Morgenröte am Firmament können wir nicht erwecken, sie erweckt uns. Aber auch an dem Himmel des Völkerlebens erscheint nach dunklen Zeiten eine Morgenröte, di: mußte immerfort erweckt werden, und die großen, schöpferischen Persönlichkeiten waren die Erwecker. Zn ihnen gehört auch Salomon Sulzer. Nach einer Zeit, in welcher der Tempelgesang der Verwirrung und Verwilderung anheimgesallen war, und in einem Augenblick, in dem der seit Mendelssohn bereits veredelte Geschmack jene Auswüchse übel empfand, da wußte Salomon Sulzer die Aeltesteu unserer Gemeinde für seine Anstellung zu gewinnen, und unter den Anregungen, die ihm die Mnsikstadt Wien und der Verkehr mit den berühmtesten Tonsetzern boten, legte er die bessernde Hand an den Tempelgesang und schuf jene Weilen, die das Alte verjüngten liub die angestammte jüdische Eigenart mit den Gesetzen einer hochentwickelten Kunst in Einklang brachten. So erweckte Sulzer die Morgenröte einer neuen Zeit für den jüdischen Gottesdienst, denn weit über die Grenzen unserer Stadt und unseres Vaterlandes, ja unseres Erdteiles hinaus wurde er, im buchstäblichen Sinne des Wortes, tonangebend für den jüdischen Gottesdienst. Ich bin außer Stande, den künstlerischen Wert seiner musikalischen Schöpfungen abzuschätzen, da mir jede Kenntnis auf diesem Gebiete abgeht. Aber ich sage mir: die Psalmen werden seit Jahrtausenden in der ganzen gebildeten Welt gelesen, und es ist keine Frage, daß, je vertrauter Einer j mit ihrer Sprache, ihrer Geschichte, ihren Beziehungen und poetischen Absichten ist, er um so tiefer in ihr Wesen eindringen wird.' Aber um sich an ihnen zu erbauen, um ans ihnen Trost, Mut, Gott- und Selbstvertrauen zu schöpfen, dazu bedarf es keiner Gelehrsamkeit. Ebenso ist es mit den Sangesweisen Sulzers. Auch derjenige unter uns, dem die Tonkunst ein verschlossenes Gebiet ist, er hat von jeher die Sprache verstanden, die aus den Sangesweisen Sulzers zu ihm redete, denn es war die alte Sprache ' in reiner Schönheit und Verklärung, die Sprache, die ihn aufrichtete und tröstete, und mit deren künstlerischer Gestaltung Sulzer ein neues, einigendes Band für unsere Glaubensgenossen auf dem ganzen Erdenrund geschaffen hat. Damit habe ich aber bereits die andere Bedeutung Sulzers berührt, die seiner schöpferischen Gestaltungskraft erst ihren weitreichenden Einfluß eroberte, nämlich seine Vortragskunst. Es ist gewiß das Haupterfordernis, dem der Sänger zu genügen hat, daß sein Gesang vom Herzen komme, daß er mit Wärme und Innigkeit vortrage. Diesem Erfordernis hat Sulzer nach dem Zeugnisse aller, auch der berühmtesten Sachverständigen, mit seltener Vollkommenheit entsprochen. Er verstand zu rühren und zu erschüttern, zu entzücken und zu begeistern. „Wenn er sang, da ruhte der Geist Gottes auf ihm". Dennoch würde ich nicht das Auszeichnende an Sulzer hervorheben, wenn ich darauf mich beschränken würde. Auch andere Sänger verstehen zu entzücken und hinzureißen, auch sie sind von dem Hauche Gottes berührt. Aber in Sulzers Vortrag klang eine Saite mit, für deren Schwingungen nur das Herz und Ohr des Juden empfänglich ist, denn diese Saite gab das Echo unserer vieltausendjährigen Erinnerungen wieder. Die Großtaten Gottes, die er an und durch Israel bewiesen, Israels wunderbarer Gang über die Höhen und durch die Abgründe der Weltgeschichte, seine Kämpfe und seine Leiden, seine Widerstandskraft und sein Opfermut, sein Freiheitsdrang und seine Siegeshoffnungen, alles dies gelangte in Sulzer's Vortrag zu lebendigem Ausdruck und vereinigte sich zu einer harmonischen Darstellung, ja man kann sagen Offenbarung des ewigen Inhalts unserer Religion und Geschichte. Wenn Sulzer am siebenten Tage des Pefsachfestes, begleitet von seinem Quartett, während seine Stimme mächtig anwachsend über den anderen schwebte, den Satz aus dem Liede Moses am Meere vortrug: „Deine Rechte, Ewiger, prangend in Stärke, Deine Rechte,