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Die Wahrheit · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 12. Der Prophet Elias, Eine Sederabend-Erzählrmg von Adolf Steinschneider. Schwere Sorgen lasteten auf Herrn Abraham Moldauer und angstvoll sah er einer düsteren Zukunft für sich und seine Familie entgegen. Er war Besitzer einer Fabrik für Baumwollwaren. Solid und mit aller Umsicht und Geschäftskenntnis vorgehend, hatte er bisher mit dieser Unternehmung reüssiert, einen Wohlstand erworben, die Wertschätzung aller Geschäftsfreunde gewonnen und in stiller Zufriedenheit und Harmonie mit seiner Frau und seinen jungen zwei Kindern gelebt. Da trat jedoch ein Umschwung ein und zerrüttete alle Früchte seines Fleißes und seiner Bestrebungen. Eine Ueberprodukrion war entstanden, neue Fabriksunternehmungen derselben Gattung wuchsen wie Pilze aus der Erde und erzeugten Warenmengen, die der Konsum nicht aufnehmen, konnte, und der Absatz stockte. Dazu stieg der Rohstoff, einer Mißernte der Baumwolle zufolge, rapid in die Höhe, aber die Preise der fertigen Waren blieben trotz dieser Steigerung durch die maßlose Konkurrenz niedrig und verlustbringend. Eine Krisis in dieser Branche war eine Folge dieser Sachlage und Fallimente auf Fallimente folgten einander. Abraham Moldauer wurde von allen diesen Schlägen mitbetroffen und sein Ruin stand nahe bevor. Er sah nicht nur seine kaufmännische Ehre bedroht, sondern auch durch Verlust seines ganzen Vermögens sich und seine ganze Familie der Armut preisgegeben. Aber er war ein frommgläubiger Mann und ließ sich durch das hereinbrechende Unglück das Vertrauen auf Gottes Hilfe nicht rauben, hoffte vielmehr, daß der Kelch des Leidens an ihm vorübergehen und daß die Gnade des Allerbarmers durch besondere Fügung ihm Rettung aus seiner Notlage bringen werde. Es kam der Peßach heran, und er beschloß, trotz aller Sorgen und Beängstigung, die trüben Gedanken zu verscheuchen und dieses erhebende Fest mit den Seinigen in aller Seelenruhe, und in gewohnter weihevoller Weise zu begehen. Am Sederabend. Es ist ein hellerleuchtetes Zimmer, eine wohltuende Wärme durchströmt den Raum. In der Mitte steht der Tisch mit weißem Damasttuch bedeckt und auf demselben alle die Bestandteile, die zur Zeremonie gehören. Die silberne Platte mit den Mazzoth darauf, das Ei, der Lammsknochen, die Büchse mit dem Morer und die mit dem Charausses, lauter Symbole, die auf den Peßach Bezug haben. Auf den Plätzen der Teilnehmenden steht vor Jedem ein Becher mit rotem Wein. An der Spitze der Tafel ist der Ehrensitz des Hausherrn, zu seiner Seite ein Sessel mit Pölstern bedeckt, zwischen welchen die Mazzoth für den Afikaumen sich befinden. Nun tritt der Hausherr und die Hausftau ein, aus dem Tempel kommend, in welchem das Abendgebet verrichtet wurde. Ihnen treten die zwei Kinder, ein Knabe von zehn und ein Mädchen von acht Jahren entgegen, um den Eltern Festesfteude zu wünschen, und der Vater legt seine Häude segnend auf ihre Häupter. Man setzt sich zu Tische, zu welchem auch die Arbeiter, Kommis und Angestellte jüdischer Religion eingeladen sind, und die Vorlesung der Hagada beginnt. Der Knabe, als Jüngster der Anwesenden, sagt sein Manischtanok lialailo haseh, worauf Alle die vorgeschriebene Antwort ablesen. Dann kommen die verschiedenen anderen Gebräuche, Lesungen und Gebete und es schließt endlich die altertiimlich überlieferte Zeremonie des Propheten Elias. Es wird der Prophet eingeladen, als Gast zu erscheinen. Ein Glas Wein wird für ihn hingestellt, dann wird die Tür angelweit geöffnet, als wenn er in Person eintreten sollte. D i e E r s ch e i n u n g. Da! Als die Türflügel sich auftaten, erschien auf der Schwelle wirklich ein Fremder! Ein Beben erfaßte alle Anwesenden und sie schauten verblüfft auf die Erscheinung in der offenen Tür. Sollte der Prophet Elias der Einladung Folge geleistet haben und als Gast erschienen sein? Doch nein, einen solchen Aberglauben hatten die Leute nicht. Zudem stellte man sich Elias nach der Tradition als Greis mit silberweißem Bart vor. Dieser Fremdling aber war ein junger Mann von angenehmer Erscheinung und vornehmer Haltung. Nun trat er ins Zimmer und sprach zum Hausherrn und zur Hausfrau gewendet: „Ich kann mir es wohl denken, daß Ihr mich befremdet anschyut und mich nicht erkennet, so muß denn ich mich Euch zu erkennen geben. Ich bin Euer Sohn, Euer verloren geglanbter Sohn David. Reumütig komme ich Eure Verzeihung zu erbitten, flehe Euch an, mich wieder mit elterlicher Liebe aufzunehmen." Vor Ueberraschung versagte den Beiden vorerst die Stimme. Dann einige Fassung gewinnend sprach der Vater: „Welch ein Wunder begibt sich? Du wärst unser Sohn, der so lange Jahre verschollen ist, den wir längst nicht mehr unter den Lebenden zählten" „Laßt o liebe Eltern" sprach der junge Mann, „Euch vorerst meine Schicksale und Erlebnisse erzählen und 'entscheidet dann, ob Ihr dem reuig Wiedergekommenen Eure Liebe zuwenden wollet. Heute am Erew-Peßach sind es gerade fünfzehn Jahre, daß ich Euch verließ. Mir, dem 16 jährigen Knaben, war die Lektüre von Robinsonaden und Reisebeschreibungen zu Kopfe gestiegen. Ich dachte an nichts anderes, als an fremde Weltteile, an Seereisen, Prärien, Indianer u. dergl., und da wurde der Drang nach Abenteuern so übermächtig in mir, daß ich nicht widerstehen konnte. Ohne Ueberlegung riß es mich hin und planlos floh ich weg, von Euch hinaus in die weite Welt. Von meinem Taschengelde hatte ich mir nach und nach zwanzig Gulden erspart und mit diesem enormen Kapitale unternahm ich den Ausflug in die Ferne. Vorerst fuhr ich mit der Eisenbahn nach Triest. Nach mehrtägigem Wandern gelang es mir, auf dem Lloyddampfer „Albatros", der gerade zur Abfahrt bereit war, als Kohlenträger Arbeit zu finden. Das Reiseziel des Schiffes war Australien. Die Anker wurden gelichtet und bald befanden wir uns auf hoher See. Endlich war meine Sehnsucht eine Seereise zu machen, gestillt. Ich unterlasse es, die Eindrücke zu schildern, welche die Fahrt durch den Ozean auf mich machte, noch die Himmelsgegenden zu beschreiben, die wir durchzogen; noch von den Beschwerlichkeiten und Mühsalen zu sprechen, für mich als zu solcher Arbeit Ungewohnten." ..Endlich, nach mehrwöchentlicher Fahrt, ohne Seestürme und sonstigem Ungemach, kamen wir in Melbourne an, wo die Anker geworfen und wir landeten. Voll Staunen und Bewunderung sah ich das großartige Bild dieser Metropole des fünften Weltteils Australien. Diese gradlinigen Straßen, diese Paläste und Monumentalbauten, die reichen Kaufläden und Bazare, das rege Treiben des Verkehrs geben in nichts nach den größten Hauptstraßen Europas, ja sie übertreffen sie noch in mancher Hinsicht. Und da stand ich nun, in weit entlegener Welt, von der Heimat durch unendlichen Raum entfernt, fremd, verlassen und substistenzlos. Meine bisherige Arbeit auf dem Schiffe und das Englische, das ich zuhause so ziemlich erlernt hatte, kamen mir zustatten, und ich wurde in gleicher Weise im Hafen beschäftigt. Meine jungen Kräfte reichten jedoch nicht aus; um diese schwere Arbeit ganz zu bewältigen, daher auch der Lohn und infolgedessen die Nahrung eine ungenügende war. Ein volles Jahr schleppte ich mich in diesem aufreibenden Leben hin, bis endlich meine Kraft erlahmte und ich erschöpft nicht weiter konnte. _ (Schluß folgt.) Gin fünfzehnjähriger Dichter. Von Wunderkindern auf dem Gebiete der Musik lesen wir recht oft; höchst selten dagegen von Wunderkindern im Reiche der Dichtkunst. Mit großer Freude begrüßen wir. daher

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