Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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:eile 4. Die Wahrheit Nr. 12 Aus Supers Lctren und Wirken. Wir glauben die Schilderungen aus dem Leben und Wirken Solomon Sulzers nicht besser einleiten zu können, als mit dem großartigen Bilde, das der redegewaltige Meister des Wortes, Dr. Adols Jellinek, an der Bahre des dahingeschiedenen Sangesmeisters von der Persönlichkeit Salomon Sulzers enrwars: „Die Stimmen v erstumm en!" (2. B.M. C. 9. V. 29.) Diese Worte haben wir vorgestern hier vernommen, am letzten Sabbat, an welchem Herr Oberkantor Salomon S u l z e r seine Seele aushauchte. Der liederreiche Mund, ach, er ist geschlossen, die Stimme, welche mehr denn ein halbes Jahrhundert zum Lobe Gottes hier ertönte, ist verstummt, verstummt sür immer! Diese Stimme, wer vermag sie zu schildern? Ihre Stärke und ihre Zartheit, ihre Höhe und ihre Diese, ihre Fülle und ihre Feinheit, ihre Weiche und ihre Wirkung, ihren Wohlklang und ihren erschütternden Gesang? Diese Stimme entzückte, überwältigte, begeisterte, öffnete die Pforten des Himmels, drang ein in die Tiefen der Seele, entlockte dem Auge Tränen der Freude, der Trauer und der Reue. Ihr lauschten zwei Generationen, ergriffen und hingerissen, der Jüngling und der Greis, der Mann und das Weib, der Laie und der Künstler, der Fürst und der Untertan, der Jude wie der Nichtjude. Diese wunderbare Stimme wirkte Wunder! Sie „verwandelte den Kiesel in einen Wasserquell", rührte und erweichte das verstockteste Herz. Vor ihrem Posaunenschall erbebte der Sünder, wenn sie das Gottesgericht schilderte, aus ihren süßen und sanften Klängen quollen Erbarmen und himmlische Gnade. Am Pasfahfeste sang sie ein wogendes und wallendes Freiheitslied dem Gotte der Freiheit und der Erlösung. Am Wochenfeste verkündete sie mit den Schauern der Ehrfurcht die zehn Gebote: „I ch bin der Ewige, dein Gott, keine fremde Götter neben mir!" Am Neujahrsfeste betete sie mit aller Glut der Andacht: ..Unser Vater, unser Wnig, schreibe uns alle ein zu einem glücklichen Leben!" Am Versöhnungstage ermahnte sie mit väterlichem Tone zur Reue und Rückkehr zu Gott durch Buße, Beten und Betätigung der Menschenliebe. Am Hüttenfeste rief sie laut gen Himmel: „Hosianna! O hilf doch, o Gott!" Am Trauertage des Monates Ab klagte sie bitterlich über das verwitwete und verödete Zion. Das war nicht eine Stimme, das waren mannigfache Stimmen des hellsten Jubels und des tiefsten Kummers, der lauten Freude und der wehklagenden Trauer, der trüben Vergangenheit, der freiern Gegenwart und der hoffnungsvollen Zukunft. Und woher kam die übermächtige Wirkung dieser Stimme? Waren es der Klang und die Kunst! allein, die ihr einen unwiderstehlichen Zauber verliehen? O nein! Sie war das Echo einer inneren Stimme, eines Seelengesanges, einer Herzensmelodie seiner eigenartigen Persönlichkeit. Denn Salomon Sulzer hatte eine lebhafte, dichterische Phantasie, erfüllt und genährt mit den prachtvollen Bildern der Propheten, den farbenreichen Gemälden des biblischen Altertums, den Sagen und Legenden des Mittelalters, den Hoffnungen des israelitischen Volkes. Was er sang, d as sa h er vor sich in lebendigen Gestalten, das umschwebte seinen Geist. Er vergaß seine Umgebung, Zeit und Raum, und seine dichterische Phantasie versetzte ihn in eine andere, alte Welt. < Wenn er am Eingänge des Sabbat, der.Braut ein Lied anstimmte, so sah er sie vor sich, geschmückt mit dem güldenen Geschmeide des himmlischen Segens, begleitet von Engelscharen, Boten des Friedens, und begrüßte sie mit sanften Klängen: „Komme herbei, o liebliche Braut, komme herbei!" Wenn er am Versöhnungstage den heiligen Dienst des Hohenpriesters rezitierte, so trug ihn seine Phantasie aus die Höhen Zions. Er verwandelte sich in den Hohenpriester, voll Weihe und Erhabenheit, trat ein in das Allerheiligste, opferte, räucherte, sprach den vierbuchstabigen Namen Gottes aus, und seine Stimme klang wie die Glöcktein am Mantel des Hohenpriesters. Wenn er am Trauertage des Monates Ab hier auf diesen Stufen saß und mit den Klageliedern Jeremias' jammerte und wehklagte, blickte er hin auf die Ruinen Zions, auf die Trümmer des Heiligtums, auf die zarten, schmachtenden Kindlein, die ihre Händchen ausstreckten, um Brot von ihren Müttern zu verlangen. Er dichtete in Klängen und Gesängen, und wovon seine Seele voll war, das drückte er durch die Macht und die Mannigfaltigkeit des Gesanges aus. Wenn der Himmel Oesterreichs umwölkt war und Israel kummervoll einherging, rief er seiner Gemeinde wie ein Führer und Feldherr zu: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott; fürchte nicht, verzage nicht, verzweifle nicht!" Das klang wie ein Zuspruch, wie eine Ermutigung, wie ein Aufruf: „Hoffe und harre und bleibe stark! ' Wenn die Sonne der Freiheit in Oesterreich aufging und auch die Bekenner des Judenrums umstrahlte, sang er in einer ganz anderen Tonart: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein emziger Gott! Du hast nicht vergebens gehofft und ausgeharrt; die Gerechtigkeit hat gesiegt, die Freiheit triumphiert!" Aus seiner Stimme klang ein treues, teilnahmsvolles Herz, denn er war ein ..Bote und Vertreter der Gemeinde" im vollen Sinne des Wortes. Er lebte in der Gemeinde, fühlte mit der Gemeinde, jubelte und jammerte mit den Familien, nahm den wärmsten Anteil an ihrem Wohl und Wehe. Wenn ein wichtiges Ereignis, ein heiteres oder trübes, die Gemüter bewegte, sofand er im Gebete einen Satz, den er festhielt, durch Modulation erweiterte und dem er eine neue Seele einhauchte, die auf den Fittigen des Gesanges zum Himmel empordrang. „Die Stimmen verstummen", der liederreiche Mund ist geschlossen. Was aber Salomon. Sulzer im Reiche der Töne geformt, gedichtet und umgestaltet hat,' das bleibt fort und fort, das klingt und singt und dringt durch das Abend-und Morgenland, durch die alte und die neue Welt zu seinem ewigen Nachruhme und zur Ehre unserer Kultusgemeinde. „Die Stimmen verstummen auf Erden." Doch siehe, die Himmel öffnen sich, Engelchöre sammeln sich am Throne Gottes, um den Sangmeister Zions zu begrüßen mit seinen eigenen Melodien, mit dem Chore: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaot, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit! Salomon Sulzer, Sangmeister Zions, liederreicher Levite, du hast Gott verherrlicht auf Erden durch deine Stimme, durch deine Lieder, durch „8o1iir Zion!". Indem wir im Nachfolgenden eine kurze Lebensskizze Sulzers wiedergeben, wollen wir das biografische Material möglichst kurz fassen und größeres Gewicht auf verschiedene bemerkenswerte Urteile von hervorragenden Zeitgenossen Sulzers legen. Salomon Sulzer wurde geboren zu Hohenems in Vorarlberg am 30. März 1804. Er stammt aus einer alten Judenfamilie, welche zu Sulz im Württembergischen ansässig war. * Nach der Vertreibung der Juden aus dieser Stadt wanderte sein Urgroßvater ' I o s e l L e v y nach Hohenems, wo die Familie zum Andenken an den Ort, aus welchem sie sich geflüchtet hatte, im Jahre 1809 den Namen Sulzer annahm. Salomons Eltern, anfangs entschlossen, den Sohn für den Handelsstand zu erziehen, fühlten sich durch den glücklichen Ausgang eines Unfalles, von welchem derselbe betroffen wurde, zum Aufgeben dieser Berufswahl bewogen. Im Jahre 1811 fand nämlich in Hohenems eine außerordentliche Anschwellung des Baches statt. Der Knabe, der unvorsichtiger Weise sich zu weit vorwärts gewagt hatte, fiel hinein, und die treibende Flut riß ihn mit sich fort. Aber der bereits hoffnungslos Aufgegebene wurde gerettet. Da gelobten die Eltern, den Sohn dem heiligen