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Die Wahrheit · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 11. Feuilleton. Königin Kfther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Rosl war zum Fenster getreten und schaute, gleichsam' Hilfe suchend, zu dem aschgrauen Himmel empor. Aber kein Stern leuchtete ihr in dieser Not des Augenblickes. Eduard redete weiter. ..Wie Sie wissen, Herr Pulitzer, werde ich nun bald Doktor werden" — Eduard stockte ein wenig, wahrscheinlich trat ihm doch die ganze Ungeheuerlichkeit dieser Unwahrheit etwas zu lebhaft vor Augen — werde ich bald Doktor der gesamten Medizin, und da brauche ich ein Weib, das mir die Häuslichkeit erhellt, wenn ich aus dem Elend draußen, das wir Mediziner am meisten kennen zu lernen imstande sind, in den Frieden des Hauses zurückkehre. Und nun, Awrom Pulitzer, komme ich zu Ende. Keine von den Töchtern der Gasse gleicht Ihrer Rose, keine Ihrer Tochter. Welche könnte auch mit ihr einen Vergleich aushalten? Mit ihrer Schönheit und Anmut? mit ihrem Geiste und ihrem Herzen? mir ihrer Bildung und ihrem häuslichen Sinne? Es ist ein Unterfangen von mir, sie zu begehren, aber ich habe es gewagt, sie zum Weibe von Ihnen zu erbitten, ich will sie glücklich machen. Sehen Sie, ich frage nicht nach Geld und Gut, denn ich weiß, Reb Awrom Pulitzer wird sein Kind nicht ohne Mitgift verheiraten, ich verlange nur Ihre Tochter." Und nun wandte er sich Rosl zu, die noch immer am Fenster stand, und mit lebhaftem Tone redete er sie an-: „Rose, wollen Sie mich zum Glücklichsten der Sterblichen machen? Reden Sie nur ein Wort, und Sie öffnen mir den Himmel, Sie erheben mich zum glücklichsten Menschen." Mayer knusperte inzwischen unermüdlich an. dem Backwerke, von dem er schon gewaltige Quantitäten vernichtet hatte. Awrom starrte vor sich hin. Rosl aber schlug ihr bis nun gesenktes Auge auf und sprach: ..Herr Eduard, halten Sie wirklich diesen Zeitpunkt für geeignet, auf diese stürmische Weise um ein Mädchen zu werben, das Sie, wie Sie behaupten, lieben? Die Liebe ist manchmal wie ein Strohfeuer, das bald verflackert, und was dann folgt, ist Oede und Leere. Und es scheint mir, als hätten Sie doch nicht bedacht, was Sie vorhin gesprochen. Sie kennen mich ja viel zu wenig, als daß alle Ihre Lobpreisungen, die Sie mir so verschwenderisch spendeten, von mir als ganz aufrichtig bezeichnet werden könnten. Darum lassen Sie vielleicht Ihre Werbung für eine Zeit, in der Sie nüchterner werden überlegen können, was Sie tun." So vom Weine begeistert war Eduard denn doch nicht, daß er nicht diese, in etwas anzüglichem Tone gesprochenen Worte verstanden hätte. „Mein Kind," begann nun Awrom, der sich den Doktor doch nicht ganz entgehen lassen wollte, und diesen aus der Verlegenheit zu bringen wünschte, ..mein Kind, Herr Eduard will Doktor werden und da wird er doch wissen, was er spricht. Er begehrt dich ganz offen vor meinem Freunde Mayer zum Weibe. Schlechtes ist nicht dabei. Ich will mir die Sache überlegen, denn ich habe in dieser Angelegenheit auch ein Wörtchen dreinzureden. Mir sind Sie, Herr Eduard, als Schwiegersohn recht, nur machen Sie Ihre Prüfungen und werden Sie Doktor. Auf einen Patienten mehr oder weniger wird es Ihnen dann nicht ankommen müssen, denn Sie sind gut unterrichtet, ich gebe meiner Tochter eine schöne Mitgift. Mein Schwiegersohn wird zu leben haben. Doch, Sie müssen sich und mir noch Zeit lassen. Zeit bringt Rat. Auch meine Rosl muß die Sache noch erwägen." Eduard war vor Freude erglüht. Er nahm sein Glas zur Hand und rief begeistert aus: „Haben Sie Dank, Herr Pulitzer, trinken Sie mit mir auf eine glückliche Zukunft." Mayer tat seinem Freunde mit besonderem Behagen Bescheid. Der Wein begann auch bei ihm, dem gewaltigen Esser und Trinker, seine Wirkung auszuüben. Da störte ein schriller Mißton die Freude der heiteren Zecher. Rosl war es, die, während ihre Wangen erglühten, die Worte hervorstieß: „Vater, nie und nimmer werde ich die Gattin dieses Mannes, an dem du mich verkaufen würdest. Ich schwöre es, eher bleibe ich unverheiratet, als daß ich mein Leben verbrächte an der Seite eines Gatten, den ich nicht lieben kann." Die Männer horchten auf. Mayer, der noch ein wenig seine Nüchternheit bewahrt hatte, während sein Freund Eduard die Worte, die ihm entgegendonnerten, fast nicht mehr erfassen konnte, flüsterte für sich hin: „Das ist Esthers Erziehung." Kommerzielle Nachrichten. Wiener Bank-Berein. Die vierunddreißigste ordentliche General-Versammlung findet am 7. April 1904, um 11 Uhr vormittags, in Wien. I., Herrengasse 8, statt. Verhandlungs-Gegenstände: 1. Jahresbericht des Administrationsrates. 2. Bericht der Zensoren über den Rechnungsabschluß pro 1903 und Beschlußfassung über denselben. 3. Beschlußfassung über die Verwendung des Reinerträgnisses des Jahres 1903 (§ 58, lit o der Statuten). 4. Antrag auf Aenderung des § 18 der Statuten (Art der Firmenzeichnung betreffend). 5. Wahl in den Administrationsrat. 6. Wahlen in das Zensoren-Kollegium und den Aufsichtsrat für die Filialen. — Nach § 46 der Statuten sind zur Stimmführung in der General-Versammlung nur jene Aktionäre berechtigt, welche seit wenigstens 14 Tagen vor dem Zusammentreten derselben mindestens 25 Aktien nebst Koupons bei der Gesellschaftskasse oder den sonst hierzu vom Administrationsrate bestimmten Stellen erlegt haben. Je 25 Aktien geben das Recht auf eine Stimme (§ 47 der Statuten). Die stimmberechtigten Herren Aktionäre werden daher eingeladen, ihre Aktien samt Koupons bis spätestens am 24. März d. I. in Wien bei der Liquidatur (I., Herrengasse 8), in Budapest, Prag, Brünn, Graz und Aussig a. E. bei den Filialen, in Wiener-Neustadt, St. Pölten und Proßnitz bei den Exposituren des Wiener Bank-Verein, in Berlin bei der Deutschen Bank, in Frankfurt a. M. bei der Deutschen Vereinsbank und der Frankfurter Filiale der Deutschen Bank, in Stuttgart bei der Württembergischen Vereinsbank, in München bei der Bayerischen Filiale der Deutschen Bank zu deponieren. Die Aktien sind, von arithmetisch geordneten und vom Einreicher eigenhändig Unterzeichneten Konsignationen (und zwar bei der Liquidatur in Wien in zwei, bei den sonstigen Deponierungsstellen in drei Exemplaren) begleitet, einzureichen. Ein Exemplar der Konsignationen erhält der Deponent mit der Empfangsbestätigung versehen zurück nnd gleichzeitig wird gemäß § 54 der Statuten die Legitimationskarte für die Teilnahme an der General-Versammlung erfolgt, welche auf den Namen des Deponenten lautet und nur für die bezeichnete Person oder deren gehörig legitimierten Bevollmächtigten Geltung hat. Wien, den 3. März 1904. Wiener Bank-Berei n. Bevölllerungsöewegung in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde (I.—XX. Bezirk) vom 28. Februar bis 5. März 1904. In dieser Zeit fanden 19 Trauungen statt. Geburten waren 56 zu verzeichnen, und zwar 40 Knaben, 16 Mädchen. Gestorben sind 40 Personen, und zwar 14 erwachsene männliche, 14 erwachsene weibliche, 4 Knaben, 3 Mädchen. Todtgeboren wurden 3 Knaben. 2 Mädchen, — imbestimmten Geschlechts. Merzeichrris der Merstoröenen vom 28. Februar bis 5. März 1904. Josef Morawetz, gewes. Fleischhauer, 60 I.; Dr. Nathan Grünwald, Arzt, 56 I.; David Klein, Schächter, 40 I.; Marie Littner, Stickerinskind, 17 Tage; Anna Schlesinger, geb. Dittel, Oberingenieurswitwe, 71 I.; Moriz Goldfarb, Kaufmann, 65 I.; Jonas Bernfeld, Kunststicker, 30 I.; Leo Plohn, Handelsangestellter, 24 I.; Ferdinand Goldberger, chem. Produkten-Erzeuger, 59 I.; Samuel Bäudler, Schneidermeister, Pfründner, 76 I.; Isidor Donner, Kürschner, 19 I.; Wilhelm Wiesel, Bedienerinssohn, 2 Monate; Emma Spiegel geb. Gerstel, Private, 53 I.; Ernestine Neumann geb. Frankfurter, Kaufmannsgattin, 62 I.; Leni Deutsch geb. Löw, Expeditorswitwe, 83 I.; Filipp Kohn, ohne Beruf, 59 I; Anna Kohl, Erzieherin, 21 I., Abraham Goldstein, Schreiber, 40 I; Philippine Morawetz geb. Kußler, Reisendensgattin, 31 I.; Beile Jula geb. Mordchai, ohne'Beruf, 37 I.; Rosa Schwarz geb. Pollak, Private, 85 I.; Minister Gertler, Spenglerstochter, 2 I.; Julie Wolf, Private, 63 I.; Adolf Schurtmann, Schneidermeisterssohn, 9 Monate; Jonathan Heller, Privatlehrer, 66 I.; Softe Goldschmidt geb. Beck, Private, 72 I.; Ignaz Abelles, Privat, 64 I.; Irma Wanke, Private, 54 I.; Hermine Grünhut, Näherinstochter, 5 Monate; Regine Freund, Kaufmannswitwe, 59 I.; Leopold Grünberger, Kaufmann, 34 I.; Barbara Gutfreund, Buchhalterswitwe, 61 I.; Karoline Wagner, Private, 78 I.

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