Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Die Wahrheit Leite 7 ebenso friedliches wie offenes gerades Wort zur Sache am i Platze sein. ... Nach jüdisch traditionellem Religionsgesetz ist das Orgel-! spiel in der Synagoge verboten. In einer vor einigen Jahren j erschienenen, speziell die Orgelfrage behandelnden Schrift sind; aufs neue die traditionell jüdischen Gesetzesquellen für diese; Entscheidung genannt. Es ist darin an der Hand von auf dem! Kirchengebiete bedeutenden Autoritäten*) nachgewiesen, daß die j Kirche ihre Musik nicht mit den Psalmen und Hymnen vom : Tempel zu Jerusalem übernommen habe. Es ist nachgewiesen,! daß das Orgelspiel so gut wie das Glockengeläut von Anfang j an eine spezifisch christliche Institution gewesen, und es ist als! natürlich erklärt, daß wir beim Ertönen des Orgelspiels nichtj an Zion, Mikdasch und Leviten, sondern an Wallfahrts- und! Marienlieder erinnert werden. Die gegen die Orgel angeführten! Gründe sind keine „Imponderabilien", sondern sie sind schwer-! wiegend und im Geiste und Worte des traditionellen Gesetzes! wurzelnd. Ein Mann, dessen Schriften im 13. Jahrhundert kanonische Bedeutung in der katholischen Welt hatten, Thomas > von Aquino, schrieb im Jahre 1250: Unsere Kirche gebraucht keine Musikinstrumente, wie Zither und Psalter, zum Lobe Gottes, damit sie nicht den Juden nachzuahmen scheine. Ecclessia nostra non adsumit instrumenta musica sicut citheras et psalteria in divinas laudes, ne videatur judaicare. Und dem Judentum des 20. Jahrhunderts täte es not, in seinem Kult dem Christentum nachzuahmen? Ludwig August Frankl mag das Beschämende, das in solcher Nachahmung liegt, gefühlt haben, als er in Uebereinstimmung mit dem Meister der Tonkunst, mit Meyerbeer, es aussprach: Die Orgel ist das klingende Christentum, die Gotik das gemauerte. i Was in dieser von mir erwähnten Schrift vor 7 Jahren i als bewiesene, durch geschichtliche Tatsachen begründete, von den jüdischen Kodizes bestätigte Satzung hingestellt wurde, hat meines Wissens bisher keine sachliche Widerlegung erfahren. Nur Prof. Hermann Strack schrieb mir, daß er das in dieser Schrift gewonnene Resultat vom jüdischen Gesichtspunkt aus für ganz richtig halte, und teilte mir seine Bedenken gegen 'meine Auffassung einer einschlägigen Bibelstelle mit. Diese Bedenken habe ich indessen in einem Antwortschreiben an der Hand des großen Abraham ben David aufgehoben. Außerdem liegt mir in der Form eines pD3 eine Entscheidung vor, die vor 300 Jahren von einem aus Koryphäen Italiens bestehenden Rabbinatskollegium betreffs Synagogengesang und Musik getroffen worden ist. Ich nenne die Namen: Juda Arje di Modena, Benzion Zarfathi, Löb Sarval, Baruch Bar Samuel, Esra da Fana aus Padua und Juda Fano aus Venetien. Es waren dies Männer, die auch auf der Höhe zeitgemäßer Bildung standen, ja der zuerst genannte Juda Arja di Modena war ein ausgesprochener Gegner der zu seiner Zeit in den Vordergrund drängenden kabbalistischen Anschauungen, was ihm von den Verfechtern der Kabbala als übergroße Neigung zur zeitgemäßen Aufklärung ausgelegt wurde. Diese Männer, Kinder des sonnigen Musiklandes, befürworteten recht warm den geschulten Synagogengesang, erklärten aber die Instrumentalmusik als Begleitung der Gebete in der Synagoge für durchaus unzulässig. Noch möchte ich hinzufügen, daß einer der Hauptverfechter der Zulässigkeit der Orgel aus jener Zeit, der Rabb. Aron Choriner zu Arad (Ungarn) sein orgelfreundliches Gutachten in einem reuevollen Briefe öffentlich widerrufen hat. Ich erwähne dieses Schrittes, weil er manchem begutachtenden Landsmann und Gesinnungsgenossen Aron Choriners als nachahmenswertes Beispiel dienen kann. Dies ist in Kürze die religionsgesetzliche Seite der Orgelfrage. Sie hat ihre prägnante, scharfe Ecke, und die konservativen Verteidiger des altehrwürdigen jüdischen Kultes haben es nicht nötig, gar so verschämt um diese Ecke zu schleichen. Die nationale Seite der Frage ruft uns das alte Bibelwort in die Seele: Jeder bleibe bei seiner Fahne. Ein Wortführer des literarischen Judenhasses hat einmal das Wort gesprochen: Was an Mendelssohn christenfreundlich war, das war nicht der Jude an ihm, und was an Lessing judenfreundlich gewesen, das war nicht der Christ an ihm. Das hieße in Bezug auf unsere Frage: Was an der Synagoge christenfreundlich ist, das ist nicht das Jüdische an ihr. Wir wollen aber solche Sätzlein nicht aufkommen lassen, denn sie ergänzen sich leicht durch den Satz: Was am Juden überhaupt christen-und menschenfreundlich ist, das ist nicht das Jüdische an ihm. Dem Judentum tut es aber not, daß alle Welt es wisse: Was an der Synagoge freundlich und schön ist, was uns innig ergreift und erhebt, was in uns die Liebe zu Gott und zu den Menschen, zu allen Menschen, weckt, das soll das Jüdische an und in der Synagoge sein. Als ganze Juden und nicht als Halbchristen wollen wir christenfreundlich sein, so in der Synagoge und so überall. Das sind wir der Pflicht der Menschenliebe, und das sind wir der nationalen Ehre des Judentums schuldig. Ein schönes biblisch-agadisches Wort möge hinsichtlich dieser unserer nationalen Ehrenpflicht für mich sprechen. Israel hatte einen tapferen Feldherrn, der hieß Barak, der Blitz, und eine sangreiche, prophetische Meisterin des Wortes, Debora. Da ließ Debora dem Barak sagen: Komm, führe Israels Scharen gegen den uns bedrängenden Feind. Hierauf gab Barak der Debora zur Antwort: Willst du mit mir gehen mit deinem Sang, so gehe ich mit dir mit meinem Schwert; gehst du aber nicht mit mir mit deinem Sang, so bleibt mein Schwert in der Scheide. Und sie zogen zusammen zu Sieg und Sang, Barak der Blitz, und Debora, eine „Mutter in Israel". Barak wußte, was er tat, da er das Deboralied zum Verbündeten anrief. Er hatte einen nationalen Kampf zu bestehen, und da sollte das Lied die Streiter begeistern, das Lied voll hoher Schwungkraft und tief nationaler Empfindung. Versagst du mir dies Lied, so versagt mir die Waffe. Nun, verehrte Freunde, Israel hat seit Jahrtausenden Geisteskümpfe zu bestehen, und unser 20. Jahrhundert mit seinem Könitz und seinem Kischenew ist wahrlich nicht dazu angetan, daß Israel seine Geisteswaffe niederlege. Israel hat feine Lehre, seine Moral und sein Recht gegen bitterböse Feinde zu verteidigen. Die natürliche Verbündete des streitbaren Israel ist die Synagoge, die Stätte der Sammlung, des jüdischen Empfindens und des sangreichen Wortes. Barak und Debora, Israel und die Synagoge rufen sich gegenseitig zu Hilfe. Doch Israel spricht: Gehst du mit mir mit deinem Sang, so bin ich dein Streiter, allein mit mir, national-jüdisch, muß das Lied sein, das meine Mannen begeistert, wie die Sache jüdisch ist, die ich verfechte, du und ich, ich und du — wir müssen beide auf dem gleichen, nationalen Boden stehen, und dieser Boden muß jüdisch sein. Was würden Sie, meine Freunde, dazu sagen, wenn Sie sehen, preußische Regimenter marschieren und singen auf dem Marsche die französische Marseillaise oder englische oder russische Nationallieder? Nun, denselben Eindruck macht es, wenn an der Seite Baraks Debora fremdländische Weisen, slavisch oder vlämisch singt, und wenn in der jüdischen Synagoge die christlich-kirchliche Orgel spielt. Können solche Töne jüdisches Empfinden verdolmetschen oder wecken? Wir erblicken darin eine Selbstentwürdigung der Synagoge als Mutter in Israel und eine Kränkung des national-jüdischen Empfindens im Herzen ihrer Kinder. . . . Das 20. Jahrhundert, dieses Jahrhundert der drahtlosen Telegraphie, fragt nicht im geringsten danach, ob die Seelenkorrespondenz der Juden mit ihrem Gotte sich mit oder ohne Orgel vollzieht. Was in der Synagoge steht oder fällt, ist dem Geiste des Jahrhunderts gleichgiltig. Aber es fordert, daß der Mann seinen Mann stehe und daß er darum aus seinem ihm eigentümlichen spezifischen Boden stehe und aus diesem als Charakter herauswachse. Charaktere verlangt das Jahrhundert und Charakter, fester Charakter tut dem Judentum not!" *) Rietschel, Wangemann, Zimmer u. s. w.