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Die Wahrheit · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 11. liche Tätigkeit, um als Herr der Welt in sichtlicher Freiheit sich zu vervollkommnen und zum Weltenschöpfer sich zu erheben. Leider ist aber das Losungswort vieler unserer Glaubensgenossen : Keine Zeit! Wie pietätsvoll wurde am Sabbath im Kreise der Familie von der Verwandtschaft gesprochen, die wetteiferten alle in der Erziehung und Pflege der Kinder. Anregend waren die Worte des Vaters, belehrend die Worte der Mutter. Es war eine geistige Erhebung zu Gott und eine Veredlung des Gemütes. In den Tagen des Druckes uud der Verfolgung war der Sabbath ein Erholungstag. Rabbi Josua den Chananja, ein hervorragender Gelehrter, antwortete einem Heiden, dem ein Sabbathmahl bei Juden wohlschmeckte: „Wir besitzen ein Gewürz zu dieser Speise und dieses heißt Sabbath, dieses Gewürz macht die Speisen so wohlschmeckend." „Nun, so geber auch mir hievon!" sagte der Heide. Hierauf antwortete Rabbi Josua: „Es würde dir nichts nützen; denn nur jenem nützt es, welcher auch den Sabbath in geziemender Weise feiert." Der Abtrünnige des Sabbaths ist ein Abtrünniger der ganzen jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens, denn die Sabbathruhe bedeutet nicht blos die Unterlassung der Arbeit, sondern auch die Erhebung zu Gott. Caesar befreite die Juden am Sabbath vom Kriegsdienste und würdigte die Sabbathruhe, und das Staatsgesetz bestimmte einen Ruhetag, indem es so wie Nietzsche die Uebertreibung der Tätigkeit verurteilt. Es wurde die Sonntagsruhe eingeführt. So mancher dürste einwenden, das; der Erhaltungstrieb zwei Ruhetage in der Woche nicht zulasse. Im Hause und im Familienleben kann aber der Sabbath auch dann geheiligt sein, wenn der Sonntag, der Ruhetag anderer Konfessionen, auch uns Juden die Ruhe gebietet. Die Weihe und Würde des Sabbaths'ist so hochstehend, daß selbst dem Götzendiener die Sünden vergeben werden, wenn derselbe den Sabbath heiligt. Die Sonntagsruhe kann und darf auf den Sabbath durchaus keinen Einfluß üben, weil derselbe für unsere Konfession einen vielfach moralischen und sittlichen Wert hat. B u d a p e st. Albert L ö w. Die Orgel beim jüdischen Gottesdienste. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal erachtet die Einführung des Ritus der Kaiserstraßen-Synagoge mit Orgel für angezeigt. „So weit ich," schreibt er, „die religiösen Anschauungen der in der Umgegend der Rykestraße wohnenden Gemeindemitglieder kenne, neigen dieselben zu einer gemäßigt konservativen Auffassung des Judentums hin. Wenn auch vielleicht nur ein geringer Teil der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge das jüdische Religionsgesetz in seinem ganzen Umfange kennt und beobachtet, so wünschen doch wohl die meisten von ihnen, an einem Gottesdienst teilzunehmen, dessen Liturgie sich im wesentlichen aus dem alten, ihnen durch Erziehung und Gewohnheit vertrauten Gebetbuch aufbaut. An den wenigen deutschen Gebeten, die in der Synagoge Kaiserstraße beim Beginn des Sabbaths und der Festtage, beim Aus- und Einheben der Thora und an sonstigen feierlichen Stellen der Liturgie gesprochen werden, würden die in Betracht kommenden Gemeindemitglieder verständigerweise kaum Anstoß nehmen; dahingegen ist die Befürchtung wohl nicht abzuweisen, daß etwelche unter ihnen sich mit den Kürzungen und Textänderungen, die das Gebetbuch der neuen Synagoge aufweist, nicht befreunden würden. Solche immerhin im religiösen Gefühl wurzelnde Empfindungen möglichst zu schonen, halte ich für eine Billigkeitspflicht unserer Gemeinde, die freisinnig genug sein darf, keinen Gewissenszwang auszuüben und jedem aufrichtigen, durch Pietät geheiligten, religiösen Bedürfnis Befriedigung zu verschaffen. Hiermit aber, glaube ich, ist den berechtigten Forderungen der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge auf Berück- > z sichtigung ihrer religiösen Grundanschauung genügt, und es will mir ein weiteres Eingehen auf Parteimeinungen, wie die von der religionsgesetzlichen Unzulässigkeit der Orgel eine ist, nicht angezeigr erscheinen. Wenn in neuerer Zeit selbst kleine oder mittlere konservative Gemeinden, wie z. B. Krotoschin, Ratibor, Beuchen, Thorn u. a. zur Einführung der Orgel schreiten, so ist das m. E. ein Beweis dafür, daß die Erkenntnis von der Unentbehrlichkeit der musikalischen Begleitung für die Weihe und Würde des Gottesdienstes sich auch in den Kreisen der deutschen Judenheit mehr und mehr Bahn bricht, die ihn ihr bis vor kurzem eine unstatthafte Neuerung erblickte. Da es sich hier tatsächlich nur um eine künstlich zu einer religiösen aufgebauschte Z.veckmäßigkeitsfrage handelt, da ferner die Orgel erfahrungsgemäß in den früher vielfach verunstalteten und verunzierten Gottesdienst der Synagoge Harmonie, Ruhe und Ordnung gebracht hat, da endlich in großen, architektonisch gebauten Synagogen der Chor allein nicht ausreicht, um die Gemeinde zur aktiven Beteiligung an den für sie bestimmten Gesängen zu erziehen, so erachte ich es für das gute Recht und zugleich für die ernste Pflicht der Verwaltung der größten Gemeinde Deutschlands, sich bei Neubauten von Synagogen nicht durch etwa hier und da noch herrschende Vorurteile von der immer mehr als zweckmäßig erkannten Einführung der Orgel ablenken zu lassen. Der sicher nur geringe Bruchteil der Adjazenten der im Bau begriffenen Synagoge, der auch heute noch an der Orgel wie an jedem zeitgemäßen Fortschritt als an einer vermeintlichen Verletzung des Religionsgesetzes Anstoß nimmt, würde es in jedem Falle nach wie vor vorziehen, die in jener Gegend existierenden Privatsynagogen zu besuchen; die überwiegende Mehrzahl aber würde m. E. bei eineretwaigen Enquete sich zweifellos für die Einführung der Orgel aussprechen." In sehr entschiedener Weise hat sich Rabbiner Nobel aus Halberstadt in einem im Verbände der Synagogen-Vereine Berlins gehaltenen Vortrage gegen die Orgel ausgesprochen. Er behandelte das Thema: „Was tut dem Judentum des zwanzigsten Jahrhunderts not?" und kam zu folgenden Schlüssen: „Der Sonntagsgottesdienst ist ein Zwittergeschöpf, hervorgegangen aus der Mischehe zwischen dem jüdischen Sabbath und christlichen Sonntag. - Er tut dem Judentum nicht not, sondern sehr weh, er ist dem Judentum im hohen Grade verderblich, und wenn er von noch so schönen Sonntagspredigten begleitet ist. Das Orgelspiel in der Synagoge ist die Verkirchlichung des jüdischen Gotteshauses. Es wird wahrlich das Judentum nicht retten und nicht zu Ehren bringen, auch nicht mit Zuhilfenahme der elektrischen Bälge und der magnetischen Sängerinnen. Wenn edle Männer des Jahrhunderts, betrübt über all die Schmach, die dem Juden und dem Judentum widerfährt, fragen: Was tut das Judentum? Sollen wir da sagen: O, das musiziert in seinen Synagogen! Und wenn sie weiter fragen: Was geschieht in den großen, so viele illustre Namen zählenden Gemeinden Israels? Sollen wir da sagen, o, da streitet man sich um die Einführung noch einer Orgel in noch einer Synagoge? Tut das dem Judentum des 20. Jahrhunderts not? Kann uns dies Assimilationsbestreben besondere Achtung verschaffen bei den Bekennern des Christentums, von dem wir die Kirchenmusik und die anderen Sachen borgen, um ihm nach und nach in der Gemütsstimmung, in der Gebetssprache und zuletzt im Gebetsinhalt zu gleichen? Kann und wird dies dem Judentum seine Individualität und seinrn einheitlichen Charakter, die ihm so not tun, wahren? Gestatten Sie mir, daß ich mich bei diesem Punkte, bei der „Orgelfrage", noch ein wenig aufhalte. Diese aktuelle Frage, deren vorläufige Entscheidung auf der Messerschneide eines Präsidentenvotums liegt, hat in jüngster Zeit hier in der Residenz viele jüdische Gemüter erregt. Jetzt, da die Angelegenheit in ein ruhigeres Stadium eingetreten ist, dürfte ein

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