Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Die Wahrheit : eite o. die Juden". Was Großes, Erhabenes und Edles die Zivilisation - an den Tag gefördert, konnte unmöglich ohne die jüdische! Religion — als die erste Grundlage jeder feineren Sitte — ' zustande kommen. 2Üjo viel, sehr viel hat die Welt uns zu! danken, ihr ganzes Sein und Leben, und znm Lohne hiefür sollten Verfolgung und entmenschte Verrohung unbezähmbare Orgien feiern? t Die Menschheit müßte tief, sehr tief gesunken sein, wenn sie nicht die Lehren dieser. wackeren Jüdin, welche sie in der Schrift „Jesu wahres Christentum" niedergelegt, sich zu Herzen nähme. In der Natur gelten die Stürme als die Vorboten eines herrlichen Wetters und so steht zu erwarten, daß die Religion allseits ihren sittlichen Zug dahin führen wird, wo die rohe Natnr den ersten Spatenstich des zivilisierten Bodens noch nicht verspürt. Mögen die Verkünder dieser Lehre nicht ermüden, den Acker zu bestellen, wie steinig der Boden auch sein mag, die göttliche Frucht wird ihre Mühe vielfältig lohnen :; Menschenwürde, Menschenachtung, Menschenliebe, dies Dreigestirn j wird dann im Kranze der Brüderlichkeit hell aufleuchten! j Duna Földvür. Dr. Samuel Partos.; Ueber die Uermendimg übersetzter Gebetbücher beim Religionsunterrichte.*) Von Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. Seit der Gründung des Rabbinerverbandes wurde die Frage des Religionsunterrichtes immer aufs neue — und mit Recht — zum Gegenstände unserer Beratungen gemacht und die Hauptschwierigkeit, die sich uns immer entgegenstellte, bestand im hebräischen Unterrichte. Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß bei einem zweistündigen Religionsunterrichte in der Woche, der nicht blos dem Hebräischen sondern auch der Geschichte (sei es biblische oder nachbiblische), der Liturgik, der der Glaubens- und Sittenlehre gewidmet ist, nicht viel geleistet werden kann. Nun wurde ja von einer ad hoc eingesetzten Kommission der- Lehrplan eingehend beraten und das Minimum oder, wenn Sie wollen, das Maximum angegeben, das im hebräischen Unterrichte dnrchzunehmen ist. Dem gegenüber muß ich auf Grund meiner Erfahrung geltend machen, und ich glaube, es werden mir noch andere beistimmen, daß selbst dieses Minimum nicht gut erreicht werden kann. Fragen Sie sich selbst, ob Ihre Schüler jetzt am Ende des Semesters noch das übersetzen können, was sie am Anfänge desselben gelernt haben. Das Ziel aber, das wir dabei erreichen wollen, wird bei weitem nicht erreicht. Die Schüler sollen hinsichtlich des Gebetbuches soweit gebracht werden, um dem Gottesdienste mit Verständnis folgen zu können. Wird dieses Ziel aber wirklich erreicht, selbst wenn wir zugeben wollten, daß die Schüler alles ganz genau kennen und behalten, was im Lehrplan festgesetzt ist? Der Stoff ist ein so überaus umfangreicher, daß vieles gar nicht in den Lehrplan aufgenommen werden konnte, was der Schüler gerade am notwendigsten braucht. Wir dürfen uns keiner Täuschung hingeben. Gerade die Gymnasiasten, die einmal Akademiker werden, kommen an Wochentagen und Sabbathen nur selten ins Gotteshaus, dagegen an den ckornirn lioroim. Von den herrlichen Gebeten am Losch haschonoh und jom hakkipurim konnte' aber nichts in den Lehrplan ausgenommen werden. Ganz abgesehen davon ist bei der jetzigen Art und Weise des Unterrichtes kein folgerichtiges Vorgehen zn bemerken, weder in systematischer noch in pädagogische: Beziehung. Die Schüler der Prima (I. Kl.) lernen beispielsweise „aschrc joschbe" und der *) Referat, erstattet in der ordentlichen Generalversammlung des j Rabbinerverbandes in Böhmen (15. Februar 1904.) Schüler der V. (Quinta) lernt wiederum Psalmen. Wie ist aber ein Answeg zn finden. Nun, ich glaube, wir müssen uns vor alle::: klar darüber sein, daß wir unsere Schüler nicht zn hebräischen Philologen heranbilden können, wir müssen . vor allem darnach trachten, unsere Schüler soweit zu bringen, daß sie den h e b r ä i s ch e n Text m i t Hilfe der denrs ch e n il e b c r s e tz n n g verstehen. Tenn die Schüler wissen, wenn auch der deutsche Tex: im Gebelbuche abgedrnckt ist. noch lange nicht, was jedes einzelne hebräische Wort bedeutet. Dahin, glaube ich, müssen wir unsere Schüler bringen, daß sie sich zureckrsinden und den hebräischen Text verstehen, wenn sie eine deutsche Uebersetzung im Gebelbuche haben. Denn es ist — das werden Sie mir wohl alle zngeben — eine Utopie, anzunehmen, der Schüler werde sich in einem uuübersetzten Gebetbuche so zurecht sinden, daß er mit vollem Verständnisse dem Gottesdienste folgen kann. Wird aber der Schüler dann überhaupt etwas zu lernen haben? Wie soll der Vorgang beim Unterrichte sein? Ich denke ihn mir auf folgende Weise. Man lasse, um ein Beispiel auzufühien, den Schüler die erste Benediltion des Schemone-E**rch ganz korrekt lesen, lasse ihn dann den deutschen Text lesen und gehe zunächst auf den I n halt dieser ersten Benediktion genau ein. Wir müssen nämlich den umgekehrten Weg wie bisher einicklageu. Bisher mußte sich der Schüler mir dem hebräischen Texte abquälen, so daß ihm das Verständuls für den Inhalt, wenn nicht verloren ging, so doch verleidet wurde. Hat der Schüler den Inhalt genau verstanden, geht man auf den hebräischen Text ein, erklärt beispielsweise den Artikel im Hebräischen bei den Worten hoel haggodol, haggibor wehavmoro. macht bei dem mehreremal vorkommenden Worte „elohej" daraus aufmerksam, wie im Hebräischen der Genetiv ausgedrückt wird, dann schreibt man einige hebräische Vokabeln oder kurze Sätze in hebräischer Qnadrarschrift ans die Tafel und lasse den Schüler dieselben in sein Heft einschreiben. Es genügen fünf Vokabeln oder ein kurzer Satz. Freilich wird es notwendig sein, daß der Schüler eine hebräische Grammatik habe: mit dem Schlendrian, ohne Lehrmittel zn unterrichten, muß gebrochen werden. Wenn in diesem Sinne vorgegangen wird, wird der Schüler nicht direkt Grammatik betreiben, sondern im Anschlusfe an die hebräische Lektüre spielend Grammatik lernen. Da der Schüler die deutsche Uebersetzung nicht auswendig lernen muß, erspart er viel Zeit, kann spielend die wenigen Vokabeln lernen, leicht auch die Grammatik und lernt dabei den Inhalt der Gebete genau verstehen. Bei diesem Vorgänge werden wir imstande sein, den Schüler auch mit dem Tlachsor vertraut zu machen, und viel leichter das Ziel erreichen, daß der Schüler in Zukunft imstande sei, dem Gottesdienste zu folgen. Das Gebet wird dann auch nicht zu einem verständnislosen Lippenwerke herabsinken, sondern ans der Tiefe des Herzens kommen.*) Keine Zeit! Wieviel Grausamkeit liegt in diesen Worten! Zn jener Zeit, als man noch den Sabbath in wahrhaft jüdischer Weise heiligte, hatte man noch Zeit, zu leben. Die Seelen wurden mit Freundschaft geschmückt, es gab gute Seelen tmd schöne Seelen, eine unverbrüchliche Freundschaft bestand zwischen uns Juden überhaupt und zwischen allen Menschen. Unglücklich jener Mensch, der keine Muße vertragen kann. Wohl kein ruhendes, im Nichtstun verharrendes Wesen soll der Mensch sein, sondern Mitwirken soll der Mensch durch nütz- *) Infolge der knappen Zeit, die dem Rabbinerverbande zur Verfügung stand, konnte über die Frage nicht genügend und ausführlich debattiert werden, es wurde daher beschlossen, sie nochmals auf die Tagesordnung der nächsten Generalversammlung zu setzen Bei der hohen Wichtigkeit dieser Frage würde es mich freuen, wenn die hochgeschätzten Fachkollegen auch außerhalb Böhmens mir ihre Meinung hierüber mitteilten.