Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 11 Nach dem „Deutschen Volksblatt" hätten die Juden „einem Rassenzug" entsprechend nicht nur die Advokaten Zmner und Gutmann, sondern auch „den Juden Dr. Theodor Beer, dessen sittliche „Verirrungen" den Tiefstand des Scheußlichen, ja Tierischen erreicht haben", als Vorbild aufgestellt und geradezu für dessen „Verhimmelung" rührig gearbeitet. Diese Verleumdung mittelst Druckerschwärze schreit wirklich schon entweder nach dem Irrenhaus oder dem Zuchthaus! Müssen sich die Juden es wirklich ruhig gefallen lassen, daß man öffentlich von ihnen behauptet, sie verhimmeln die Zinncr, Gutmann und Beer und stellen sie als „Vorbilder auf? Die Infamie dieser antisemitischen Kampfart kann mit Worten allein kaum genügend gezüchtigt werden, Als mildernden Umstand könnte ein Verteidiger des . Deutschen Volksblattes" allerdings anführen, daß dieses Blatt so urdumm und unwissend ist, gewisse sexuelle Verirrungen, die, wie ein Blick in die Gerichtssaal-Rubrik lehrt, in allen Kreisen Vorkommen, nur den Juden zuzuschreiben, und ein Laster, welches z B. bei den Griechen allgemein verbreitet war, als ein speziell der semitischen Rasse anhaftendes zu bezeichnen! Da freilich scheint die Dummheit und Unwissenheit keine echte sondern blos eine affektierte zu sein . . . Schreiben die Antisemiten nur das, was sie für wahr halten, dann hätten sie ihren Lesern auch mitgeteilt, daß z. B. Dr. Theodor Beer dem Judentum längst den Rücken gekehrt hat und gegenwärtig zu den Glaubensgenossen des Herrn Bergani und Konsorten gehört. Gedanke» einer Jüdin über das jetzige Christentum. Nur im freien Amerika hat mau den Wagemut, die Wahrheit denen offen zu predigen, die, entgegen der Lehre ihres Religionsstifters, alles eher, als Liebe und Gerechtigkeit üben. Die grausamen, unmenschlichen Verfolgungen, denen unsere Brüder in barbarischen Landen ausgesetzt sind, haben einer Jüdin die Feder in die Hand gedrückt, um den Menschen, die noch Herz für den christlichen Glauben haben, zu zeigen, welch himmelschreiendes Unrecht sie an der Menschheit und der Zivilisation begehen, wenn sie im Namen der christlichen Religion ein Volk befeinden, dem Christus selbst entsprossen ist. Ist es kein Hohn, vielmehr ein wahnwitziges Unterfangen, „das reine Gotteswort über menschliche Satzungen zu stellen?" So dürften sie tüpfeln, die weitab sich entfernt haben von dem Glauben, der Liebe und Gesittung allen Menschenkindern gegenüber seinen Bekennern aufs eindringlichste einschärft. Man sollte keine Scheidemauer errichten, die jegliches menschliche Gefühl ersticken und jede menschliche Regung erkalten macht; in dem Glauben — sei er wie immer geartet — müssen Rechtschaffenheit, wahrer Seelenfrieden zum Vorschein kommen, in dessen ewig dauernder Laubhütte alle Menschenkinder Kühle und Schatten fänden. Wie weit hat es die Verblendung und die tierische Unduldsamkeit gebracht, Juden ob ihrer Standhaftigkeit im Glauben zu verfolgen und an den Bettelstab zu bringen! Vergebens hat diese mutgestählte Jüdin bisher gewartet, daß die Führer des Christentums endlich zu einer mannhaften Tat sich aufraffen werden, um dem verblendeten Volke die Ruchlosigkeit seines frevelhaften Beginnens vor Augen zu führen, damit sie noch in letzter Stunde Rückkehr machen und Massen von dem unchristlichen Gebühren, in das sie blindlings hineingerannt sind, ohne zu bedenken, daß die Verfolgungssucht die Pfeiler ihrer Religion tief untergräbt. Nun will sie — obgleich eine treue Anhängerin des verfolgten jüdischen Glaubens — die Laternen hervornehmen, um den christlichen Brüdern und Schwestern in der schwarzen Nacht, von der sie umgeben sind, Licht zu spenden. „Nicht der sei ein wahrer Jünger Christi," ruft sie in ihrer Schrift aus, „dessen Leben das Brandmal des Hasses an der Stirne trägt, sondern wer voll Liebe und Friedfertigkeit mit dem Leiden des Nächsten Mitgefühl empfindet." Ja, wenn solche Lehren in ihren Herzen Eingang fänden, wenn sie, nichl vom Wahne betört, von ihren Lehrsätzen sich leiten ließen, wenn sie ■ von dem widerwärtigen Gefühlsdusel nicht hingerissen würden, der kein Mitgefühl und Erbarmen kennt; es hätte der Apologetik des Christentums nicht bedurft, zu der sich diese heldenhafte Tochter Zions aufgerafft. Sie wissen es wohl, daß sie sich an den Lehren ihres Stifters tausendfach vergehen, daß sie seinen Namen schänden und verlästern, wenn sie gegen Juden die Brandfackel werfen, was nützt es aber, ihnen ihr unchristliches Verfahren vorzuführen, wenn sie taub bleiben wollen gegen solche menschenwürdige Lehren! Es mag wohl eine Täuschung nur sein, es fehlt ihnen - an der rechten Aufklärung, die Finsternis muß erst bei Seite geschaffr werden, der Boden muß gepflügt werden, auch darf man ihm den nötigen Dünger nicht entziehen, nur so ist eine rechte Saat zu erhoffen, und darum denkt unsere Jüdin, darauf Hinweisen zu müssen: ..daß die Religion Jesu von denjenigen ihrer Bekenner nicht verstanden werde, welche mit seinem Namen blos die Vorstellung von nichtssagenden Glaubenssätzen und leeren Zeremonien des kirchlichen Lebens verbinden und daß sie, welche sich selber Christen nennen, über das wahre Wesen der Lehre Jesu schon seit vielen Jahrhunderten in Irrtum und Täuschung befangen wären". So müßte denn in den berufenen christlichen Kreisen darauf hingearbeitet werden, das Volk zu belehren und von bestialischen Mordgelüsten zurückzuhalten; denn das Christentum in seiner anfänglichen Reinheit hat das alte Sittengesetz keineswegs über den Haufen geworfen, vielmehr alles beibehalten, was Menschenwürde und Menschenliebe im Gefolge hat. Seitdem leere Zeremonien an die Stelle des „wahren Wesens" getreten sind, hat man mit seiner Religion einen Reigentanz aufgeführt, der dem Christentume nichts weniger als Achtung und Ehre abringt. Voll Begeisterung für die edle Sache, als deren Verfechterin unsere Verfasserin auftritt, ruft sie in die Lande: „Uns fehlt eine wahrhafte Brüderschaft aller Menschen, ein lebendiges Band der Liebe und Einigkeit, das im Leben die Lehre Moses und Jesu verkörpert." Die beiden Religionen sollten sich daher nicht bekriegen, sondern einander ergänzen, wie ihre Lehren von ewiger Dauer sind — da sie göttlichen Ursprungs sind — so sollten ihre Bekenner in Frieden und Eintracht leben; denn ohne Liebe und Brüderlichkeit hat der Glaube keinen Wert, noch kann er für die Ewigkeit bestehen. Wir mögen uns zu der einen oder zur anderen Religion mehr hingezogen fühlen, doch dies schließt glatterdings nicht aus, daß wir uns auf unserem Lebensgange als Brüder erkennen, die für die menschliche Zivilisation mit vereinten Kräften kämpfen und arbeiten müssen. Nie ist es uns Juden eingefallen, andere ob ihres Glaubens zu Haffen und zu verfolgen, wir waren stets darauf bedacht, nach den Lehren unserer Religion unser Leben einzurichten und sie gegen jedermann zu üben. „Die Juden" — so führt sie weiter aus — „haben das große Verdienst noch heute, die Erhalter der göttlichen Wahrheit zu sein, indem sie die Verkünder jener erhabenen Lehre von Gott und der Verbrüderung der Menschen in Wirklichkeit geblieben sind." Wenn wir Juden trotz der Martern, die wir allezeit ertragen mußten, fest und standhaft bei unserem Glauben aushielten, so ist es einzig und allein dem zuzuschreiben, daß wir eingedenk der heiligen Mission, die wir zu vollführen haben, stets beflissen waren, zur Verbrüderung der Menschheit unser Bestes einzusetzen, wenn dies auch auf Kosten eines ungetrübten Lebensdaseins geschehen mußte. Die göttliche Wahrheit, die wir immer und wieder zu verfechten hatten, ging uns über alles, diese zu erhalten, sie zu fördern und ihren Ruhm zu künden, galt uns als die rechte Lebensaufgabe. Wenn sie nur bedächten, wie unrecht sie tun, die Liebe predigen und Haß üben, wie blind sie gegen den steilen Berg rennen, indem sie den Juden verfolgen und verdammen, denn „die Juden sind das Werkzeug gewesen, die Welt zu zivilisieren und die Christen verfolgen in Undankbarkeit ihre Wohltäter,