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Die Wahrheit · 1904-03-11 · Heft 11 (11.3.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit 1 Redaktion u. Administration: 'Wien, H/i Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneinenlsu. Jnsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitschrifi für Mische Interessen. Erscheint jeden Kr eilag. Motto: ..Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 'Bezugspreis: Ganzjährig . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 6.— Für Cillrusbeamre: Ganzjährig ... St. 10 — Für Ausland: Ganzjäyrig ... 6 Ätark. ü Rubel oder 16 Fcs. Me. 11. Wien, 11. März 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Gedanken einer Jüdin über das jetzige Christentum. — lieber die Verwendung übersetzter Gebetbücher beim Religionsunterrichte. — Keine Zeit! — Die Orgel beim jüdischen Gottesdienste. — Neues über Börne. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Zur Sulzerfeier. — Kultusbeamten-Elend. — Unsere Richtung beim Gebet. — Inserate. Ans der Woche. Nun also kommt die zweite Revision des Prozesses Dreysus! Die obersten Richter in Frankreich haben erkannt, daß auch das Verdikt anläßlich der ersten Revision dieses Prozesses auf Grund von Dokumenten erfolgte, die eine lange Reihe plumper und schamloser Fälschungen enthielten, und vielleicht wird jetzt die Wahrheit — die nach dem Worte Zolas auf dem Wege war — auch an das Ziel ' gelangen. Lange genug war die Wahrheit auf dem Wege, den so viele mächtige Verbündete verrammelt hielten. Alle Freunde der Gerechtigkeit, ohne Unterschied der Konfession, müssen ein Gefühl befreiender und erhebender Genugtuung bei dem Gedanken empfinden, daß eine gerechte Sache siegen, die völlige Rehabilitierung eines Unschuldigen, der so lange das Opfer tückischer Bosheit und infamer Gewissenlosigkeit bildete, erfolgen werde. Für die Juden, die Glaubensgenossen des unglücklichen Kapitäns, bietet diese Wendung eine noch erhöhte Befriedigung. Die alte, schmachvolle Ungerechtigkeit, daß für die Missetat eines Einzelnen — falls er ein Jude ist — die gesamte Judenheit verantwortlich gemacht wird, hat in der Affaire Dreysus wahre Orgien des Triumphes gefeiert. Nicht ein französischer Offizier, der zufällig Jude war, wurde in Dreysus als Verräter gebrandmarkt; nein, Dreysus wurde von dem Chorus der Judenfeinde in der ganzen Welt nicht nur als der „jüdische" Verräter gebrandmarkt, sondern als der Typus des Juden überhaupt verurteilt. Da für den verurteilten Dreysus — mit U ix r e cf) t — das ganze Judentum zu leiden batte, darf die jüdische Gesamtheit — m i t R e ch t — doppelte Freude angesichts der nunmehr zweifellos gewordenen Tatsache empfinden, daß die zweite Revision des Prozesses nicht mit der Begnadigung sondern mit der völligen Rehabilitierung des jüdischen Offiziers enden werde. Die Judenfeinde, die Wiener, und nicht minder als jene in Frankreich, geven gegenwärtig in ihrer Presse der grenzenlosen Raserei darob Ausdruck, daß Dreyfnß sich nicht mit seinem Schicksale abgefunden, daß er sich nicht mit seiner Begnadigung begnügte, vielmehr kein Rechtsmittel unversucht ließ, damit gelegentlich einer neuerlichen Aufrollung der Affaire durch ein gerichtliches Verdikt auch seine völlige Schuldlosigkeit vor aller Welt dokumentiert erscheine. Diese Raserei der Antisemiten erscheint um so possierlicher, als gerade sie, nach der ersten Revision des Prozesses unablässig Spott und Hohn über das Haupt des „Verräters" Dreysus schütteten, der sich sicherlich mit der „Begnadigung" nicht zufrieden gäbe, wenn ihn nicht das Gefühl seiner Schuld niederdrückte. Man sieht, den Antisemiten kann es der Jude niemals Recht tun. Auch dann nicht, wenn er das tut, was sie von ihm verlangen. Und sogar dann am allerwenigsten. Der „begnadigte" Dreysus. das ertrugen noch die Judenfeinde, der schuldlos erklärte Dreysus erhöht die Schmach der Fälscherbande bis ins unerträgliche. Es muß eine schlechte Sache sein, der man u u r mit Lügen dieuen kann. Aus diesem Grunde muß mau geradezu erfreut fein, wenn mau sieht, welchen ungeheueren Verbrauch an Lügen die antisemitische Presse hat, wenn es gilt, die Juden zu bekämpfen. Diese ungeheuerliche Verlogenheit der antisemitischen Journalisten führt sie allerdings mitunter zu einer grenzenlosen Verlegenheit, die sich auch in der an Blödsinn grenzenden Dummheit der Angriffe und Beschuldigungen verrät. Die antisemitische Presse in Wien hat kürzlich zwei Fälle, in denen Advokaten jüdischer Konfessiou mit dem Strafgesetze in Konflikt geraten waren, zum Anlaß genommen, um die niederträchtige Behauptung aufzustellen, daß nur „jüdische" Advokaten solcher Verirrungen fähig seien. Als Antwort wurde die Liste entgleister Advokaten veröffentlicht, aus der hervorging, daß in derselben just Säulen und Stützen der christlich-sozialen Partei einen breiten, ihnen allerdings von Herzen gegönnten Raum einnahmen; es wurden sogar die Namen antisemitischer Advokaten genannt, die durch das Vertrauen ihrer Gesinnungsgenossen dazu gelangten, nicht nur fremde Gelder, sondern auch Abgeordneten-Diäten einzustecken. Einen echten Antisemiten geniert so was nicht; das „Deutsche Volksblatr" fühlte sich sogar zu der weiteren, noch blöderen und noch gemeineren Beschuldigung ermutigt, „daß es ein Rassenzug des Judentums sei, jene seiner zahlreichen Stammesgenossen, die in sittlicher und moralischer Beziehung so tief gesunken sind, daß sie mit dem Abschaum der menschlichen Gesellschaft auf gleicher Stufe oder noch tiefer stehen, nicht nur ausnahmslos unter seine schützenden Fittige zu nehmen, sondern auch quasi a l s leuchtendes Vorbild h i n z u st e l l e n, die zu e r r ei ch en .ke i n kleines Verdienst sei". Man sollte nach diesen Worten wirklich glauben, daß z. B. nicht die Christlich-Sozialen den Dieb Dr. Löbl zum Abgeordneten, sondern die Juden den Dr. Zinner mindestens in den Kultusvorftand gewühlt haben. . . .

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