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Die Wahrheit · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit 'Nr. 10. Kostenauswande von 9245 Kronen während der Herbst- und Wintermonate täglich an 550 arme Schulkinder bespeist, eine Institution, die ihresgleichen in wenigen Gemeinden findet und deren überaus segensreiche Wirksamkeit angesichts des großen Elends in der Gemeinde allgemeine Anerkennung und Förderung verdient. B. Lemberg Nachdem die galizische Statthalterei den Statutenentwurf des jüdischen Vereines zur Bekämpfung des Mädchenhandels genehmigte, hat am 13. Februar die konstituierende Generalversammlung desselben stattgefunden. Nach einer mitunter lebhaften Diskussion über Weg und Ziel der Vereinstätigkeit wurde zu den Ausschußwahlen geschritten, wobei Gemeindcpräses Abg. Dr. Byk zum Vorsitzenden, Rabbiner Dr. Caro und Dr. Munk zu dessen Stellvertretern, Dr. Abraham Korkis und Religionslehrer Ballaban zu Schriftführern, James Landau zum Kassier, die Herren Samuel v. Horowitz, Emil v. Mises u. A. in den Ausschuß gewählt wurden. Gelegentlich der tagsdarauf stattgehabten Ausschußsitzung wurden die Referate an die einzelnen Mitglieder verteilt.. Der Verein dürfte in erster Linie bestrebt sein, durch Inangriffnahme geeigneter Aktionen in sozial-wirtschaftlicher Hinsicht wie durch Gründung von Arbeitsvermittlungsämtern u. dgl. eine Besserung der Erwerbsverhältnisse in den unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung anzubahnen, dabei jedoch das Augenmerk vor allem auf junge, beschäftigungslose Mädchen zu richten. B. Brody (Jüdische Lehrer an g a l iz is ch eu M ittelschulen.) Der galizische Landesschulrat bietet eine besonders für uns Juden höchst erfreuliche Erscheinung, da an der Spitze desselben jetzt ein Mann steht, der frei von jedem politischen und konfessionellen Vorurteile, bei Besetzung von Lehrerstellen nicht die Konfession sondern einzig und allein die Befähigung in Betracht zieht. Wer sich für den Lehrerberuf eignet, dem wird eine vakante ungehindert verliehen, und daher erklärt sich auch die ergiebige Anzahl von jüdischen Lehrkräften an den galizischen Mittelschulen. An unserem Brodyer k. k. Obergymnasium wirken bereits vier Supplenten und in anderen Städten Galiziens gibt es auch schon Professoren, selbst solche in der achten Rangklasse. Die Stellung eines jüdischen Lehrers an einer Mittelschule ist allerdings eine schwierige und es begegnen ihm in seinem Berufe oft große Widerwärtigkeiten; zunächst seitens seiner christlichen Kollegen und dann seitens seiner Schüler, sowol der des jüdischen, wie auch des christlichen Glaubens. Unter den christlichen Kollegen gibt es oft solche, die von der Giftpflanze des modernen Antisemitismus angehaucht sind, daher den jüdischen Lehrer nicht als ebenbürtig und gleichberechtigt anerkennen wollen und ihn das manchmal recht hart fühlen lassen. Die jüdischen Schüler wieder verrechnen sich oft in dem jüdischen Proseffor. Nachsicht und Milde erwartend, finden sie in ihm einen überaus strengen Pädagogen, der selbst den geringsten Schein von Parteilichkeit wahren muß, um den an ihn gestellten Anforderungen Rechnung tragen zu können. Das bereitet ihm viele Unannehmlichkeiten, ja es kommt sogar vor, daß man ihm selbst das jüdische Glaub ensbekenntniß abspricht. Die christlichen Schüler zeigen sich in dieser Beziehung großmütiger, sie betrachten ihn ferner als Juden, aber nicht als gleichberechtigten Lehrer der Wiffenschaft, der berufen ist, zu lehren und zu erziehen und nach Recht und Gerechtigkeit zu handeln. Auch sie werden oft am Schluffe des Semesters in ihren Erwartungen getäuscht, und auch da muß der jüdische Lehrer in der Ausübung seines schweren, dornenvollen Berufes manch bittere Pille schlucken. Trotz all dieser Widerwärtigkeiten nimmt dennoch die Zahl der jüdischen Lehrkräfte an den galizischen Mittelschulen zu, da viele junge Leute diesen Beruf schon aus dem einfachen Grunde wählen, weil die meisten Aemter ihnen mehr keine Aufnahme gewähren. Möge daher die jüdische Lehrerschaft ihren neuen Beruf im Geiste der Religion und der Vaterlandsliebe aufs gewissenhafteste ausüben und das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen, das Beispiel des galizischen Landesschulrates hingegen möge anderen Ländern zur Nachahmung dienen! M. Markstein, Brody. Zablotow, 24. Februar. (Die Judenexcesse bei Zablatow.) Vor einem Erkenntnißsenat des hiesigen Landesgerichtes hatten sich heute mehrere Jnsaffen des Ortes Piedekutz bei Zablatow wegen der im Juli v. I. hier stattgefundenen Judenexcesse zu verantworten. Angeklagt waren: Michailo Prinkowski, Ambrosi Bednar, Fodor Chazyna, Petro Fedorak und Georgi Lepkan. Der Gerichtshof unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Chinski sprach alle Angeklagten schuldig und verurteilte Prinkowski zu einem Jahre schweren Kerkers, verschärft mit einem Fasttage monatlich, Bednar zu sieben Monaten, Chazina, Fedorak und Lepkan zu je acht Monaten schweren, verschärften Kerkers. Budapest. Im Landes-Rabbinerseminar fand vorige Woche eine erhebende Feier statt; es wurden nämlich jene Zöglinge, welche die Anstalt Heuer absolvierten, zu Rabbinern geweiht. Der Feier wohnten Vertreter der israelitischen Landeskanzlei, viele Notabilitäten und ein großes Publikum bei. Die neuen Rabbiner sind: Dr. Michael Guttmanu, Dr. Emanuel Hirschfeld, Dr. Karl Schönwald, Dr. Bernhard Sik und Dr. Jakob Silberfeld. Die Prüfungskommission bestand aus den von der leitenden Kommission entsendeten Herren: Oberrabbiner Dr. Moriz Klein aus Nagy-Beczkerek und Oberrabbiner Dr. Adolf Sidon aus Bersecz und den prüfenden Professoren Dr. Bacher, Dr. Blau, Dr. Bloch und Dr. Goldziher. Vorsitzender der Prüfungskommission war Oberrabbiner Dr. Moriz Klein, der nach Absingung eines Psalms unter Leitung des Oberkantors Lazarus an die jungen Rabbinatskandidaten eine erhebende, gedankenreiche Ansprache richtete, sie zu treuem Festhalten am Glauben, zu glühendem Patriotismus, zu rastloser Tätigkeit aneifernd. Die meisterhafte Rede des greisen Oberrabbiners machte auf die Zuhörer den tiefften Eindruck. Namens des Professorenkörpers segnete sodann Rektor Moses Bloch in Begleitung einer herrlichen hebräischen Ansprache die Kandidaten, in deren Namen Dr. Michael Guttmann ergreifende Worte des Dankes und des Abschieds an das Professorenkollegium und die leitende Kommission richtete. Mit der Absingung des „Btiraini82" schloß die schöne Feier. Budapest. (Kantorwahl inderPesterisr. Religionsgemeinde.) Die Pester isr. Religionsgemeinde hat auf die infolge Ablebens des zweiten Kantors Albert Lazarus erledigte Stelle einen Konkurs ausgeschrieben. Bisher haben fünf von der Neligionsgemeinde hiezu berufene Bewerber Probegesangvorträge gehalten, und zwar die Kantoren Josef Weiß aus Jglau (Böhmen), Philipp Krauß (Beßterczebanya), Mathias Mätyüs (lljpest), Kaspar Lifschitz (Szabadka) und Jakob Weiß (Karlsbad). Sämtliche Probegesänge wurden im großen Tempel (Dohünyutcza) gehalten und hatten jedesmal ein zahlreiches und sachverständiges Publikum. Die Entscheidung in der Kantorwahl wird demnächst erfolgen. Budapest. Im Schoße der Rosenauer israelitischen Gemeinde herrscht schon seit drei Jahren zwischen der Muttergemeinde und dem Bezirke Uneinigkeit wegen der Rabbiner-Angelegenheit, in welcher sogar eine ministerielle Entscheidung getroffen wurde. Die Gemeinde befaß einen Religionsprofessor und Prediger in der Person des Dr. Arthur Weißkopf noch bei Lebzeiten des Rabbiners Leopold Lemberger. Als letzterer verschied, wählte nun die Gemeinde den bisherigen Prediger Dr. Arthur Weißkops zum Rabbiner. Die Wahl wurde von den Bezirksgemeinden angesochten, und auf Grund der von ihnen angeführten Motive annullierte die Verwaltungsbehörde die Wahl. Es fand hierauf eine zweite Wahl statt, in welcher der Sohn des verblichenen Rabbiners Jsak Lemberger gewählt wurde. Diesmal wurde die Rabbmerwahl von der Gegenpartei angesochten, und so gelangte die Angelegenheit vor den Kultus- und Unterrichtsminister, der in der strittigen Frage derart entschied, daß Dr. Arthur Weißkopf. als Rabbiner der Muttergemeinde und Jsak Lemberger als Rabbiner der Bezirksgemeinden zu betrachten ist; selbstverständlich haben die Gemeinde und der Bezirk je für sich allein für das Gehalt ihrer Rabbiner aufzukommen. Dieser letztere Punkt rief jetzt abermaligen Streit im Schoße der Gemeinde hervor. Die Bezirksgemeinden forderten die Muttergemeinde zur Beitragsleistung zum Gehalte ihres Rabbiners auf, was die Muttergemeinde mit Berufung auf die bereits in dieser Frage getroffene ministerielle Entscheidung verweigerte. Die Angelegenheit gelangte solcherart wieder vor den Minister, dessen Entscheidung noch aussteht. Dresden. Einer Anregung aus israelitischen Kreisen folgend, hat die sächsische Regierung dem Landtage einen Gesetzentwurf vvrgelegt, der den Zweck hat, den Rechtsverhältnissen der sächsischen israelitischen Religionsgemeinde eine festere Grundlage zu geben. Ihre Verhältnisse wurden durch Gesetz vom 18. Mai 1637 geregelt, seitdem haben sich die Zustände jedoch derart geändert, daß diese Vorschriften nicht mehr ausreichend sind. In Anlehnung an die Bestimmungen für die politischen Gemeinden soll nach dem Gesetzentwurf die Mitgliedschaft bei einer israelitischen Religionsgemeinde ohne ausdrückliche Willenserklärung des Einzelnen schon durch Wohnsitz, Aufenthalt, Besitz eines Grundstücks oder Betrieb eines selbständigen Gewerbes erworben werden. Das Land soll in Religionsgemeinden aufgeteilt werden und diese sollen den Charakter öffentlich rechtlicher Korporationen haben. Nach der letzten Zählung 1900 gibt es in Sachsen 12.416 Israeliten und sieben israelitische Religionsgemeinden, und zwar in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen, Annabecg, Bautzen und Zittau Der Ausschuß der i. Ständekammer hat anerkannt, daß eine zeitgemäße Neuordnung der rechtlichen Verhältnisse der israelitischen Religionsgemeinden in Sachsen notwendig sei. London. (Die Ausweisung der sibirischen Juden.) „Daily Expreß" berichtet über die Ausweisung der Judeir aus allen sibirischen Provinzen, daß alle Juden aus Tomsk, Omsk, Irkutsk und allen anderen Städten längs der transsibirischen Eisenbahn ausgewiesen wurden. Die jüdischen Gemeindevorstehungen haben deshalb dringende Proteste an die russische Regierung gerichtet. Dieselbe erwidert auf diese Proteste, daß diese strengen Maßnahmen notwendig seien. Sie behauptet, daß alle Juden im russischen Reich zu Hochverrat und zur Hilfeleistung zum Hochverrat bereit seien. Sie fänden immer Mittel, die Japaner genau über die Bewegungen der russischen Truppenmassen zu unterrichten. Die Gemeindevorstehungen der Juden bezeichnen diese Behauptungen als Verleumdungen. Der Befehl wird nichtsdestoweniger streng ausgeführt. Nicht nur, daß die Juden ausgewiesen werden, wird ihnen auch die Erlaubnis verweigert, die Eisenbahn zu benutzen. Dieses Vorgehen wird damit begründet, daß die Bahn für militärische Zwecke vollständig in Anspruch genommen sei. Die unglücklichen Juden sind deshalb gezwungen, zu Fuß nach Europa zu wandern. Sie haben Distanzen zu bewältigen, die zwischen 1500 und 2000 Meilen ausmachen. Samara ist der erste Punkt, von dem aus ihnen die Eisenbahn erlaubt wird, bis dorthin ist den Behörden streng untersagt, ihnen Erleichterungen zu gestatten. Was dieser Befehl bedeutet, — so sagt das englische Blatt — geht daraus hervor, daß die Temperatur in Sibirien gegenwärtig zwischen 50 und 80 Graden (Fahrenheit) unter dem Gefrierpunkt, d. i.-10 bis 21 Grade unter Null nach Celsius, schwankt. Die Straßen sind überall durch Schneeverwehungen schwer gangbar, und ein Obdach während der Nacht wird den Wanderern wohl kaum zur Verfügung stehen. Die Gesamtzahl der auf diese Weise Ausgestoßenen wird auf 2000 bis 3000 geschätzt. Es ist als sicher anzusehen, daß eine sehr große Anzahl der Juden den Drangsalen der Reise erliegt.

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