Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 10. Lette 6. Kriegsschauplätze besitzen einen düsteren, drohenden Charakter. Groß werden die Opfer sein, die der Krieg von allen Bürgern des russischen Staates ohne Unterschied der Konfession und der Nationalität erheischen wird. Auch wir, seine Stiefkinder, werden sie freudig auf den Altar des Vaterlandes tragen. Rußland ist unser Vaterland. Jüdische Soldaten, Aerzte, Heilgehilfen — alle bis zum letzten werden wir heilig die Pflichten erfüllen, die das Vaterland, mit dem uns die geschichtlichen Schicksale verbunden haben, von uns fordern wird. In unserer Zeitung haben wir lange Jahre hindurch eine traurige Chronik von Beschränkungen und Krawallen führen müssen, die Chronik unserer systematischen Verdrängung aus allen Sphären des öffentlichen Lebens, der Entfernung von allen russischen Interessen sowohl der materiellen, wie der geistigen. Es ist aber jetzt nicht die Zeit, um die Wunden aufzureißen. Wir wollen jetzt, soweit es in unseren Kräften liegt, alles vergessen, — auch unsere Austreibung aus Port-Arthur, auch die Greuel von Kischenew und Hömel und vieles, vieles andere. . . . Die jüdischen Eltern müssen jetzt ihre Sorge über die Zukunft ihrer Kinder und ihr trauriges Los Niederhalten. Als einfache Soldaten werden die Juden in den Krieg ziehen, ohne Hoffnung auf irgend welche Auszeichnung oder Beförderung, — aber das Blut ihrer Söhne wird ebenso reichlich fließen, wie das Blut russischer Soldaten. Mit tiefer Verachtung werden wir auf die Angriffe antworten, die von den uns feindlichen Zeitungen kommen, die nun in ihren unaufhörlichen Bemühungen, die Volksleidenschaften gegen uns anzufachen, zu der ungeheuerlichen Verleumdung gegriffen haben, uns sogar für den Krieg verantwortlich zu machen. „Mitunter scheint es," behauptet Herr Suwerin (Herausgeber der „Nowoje Wremja") mit vorsichtiger Niederträchtigkeit, „als sei Japan blos das Opfer des durch die Kischenewer Ereignisse aufgeregten internationalen Judentums." Verachtung diesen Leuten! Der Leser wird weiter unten eine Notiz finden, die der bevorstehenden Jubiläumsfeier in Sewastopol gewidmet ist; vor 50 Jahren haben dort jüdische Soldaten ihr Leben geopfert für die Verteidigung einer Stadt, in der es ihnen verboten war, „Anstalten zur Aufführung der Zeremonien ihrer Religion" einzurichten; die heutigen Juden müssen ebenso handeln. Wir werden unsere Schuldigkeit gegen Rußland erfüllen, nicht blos aus Pflicht, sondern aus Liebe. Die uns feindliche Presse beschuldigt uns des Haffes gegen Rußland — das ist eine Lüge! .... Wir hassen und verachten die Skwosnik-Denuchanowskis (ein trauriger Held in Gogols „Revisor") die Nowomrementzis, die Snamentzis (Kruschewan und Genossen), wir Haffen den abscheulichen Bodensatz und den schmutzigen Schaum des russischen Lebens, aber das Lautere und Gute in Rußland haben wir stets aufrichtig geliebt und geschätzt. Wir zweifeln nicht daran, daß eine Zeit eintreten wird — und sie ist vielleicht nicht mehr ferne —, wo die gesamte russische Gesellschaft den großen Schaden erkennen wird, der dem Lande durch die Hetze gegen die Juden und die Beschränkung ihrer Menschen- und Bürgerrechte, zugefügt wird. Der Krieg ist eine grausame Erscheinung, die gegenwärtig von der ganzen zivilisierten Welt verurteilt wird; indessen lehrt uns die Geschichte, daß Kriege anch wohltuende Folgen haben können. Hoffen wir, daß auch der gegenwärtige russisch-japanische Krieg in seinen Ergebnissen unserem Vaterlande einen liefen, inneren Frieden bringen wird, begründet auf gegenseitige Achtung und Zuneigung aller seiner Völker." Die Nachrichten über neuerliche Judenhetzeu in Südrußland deuten nicht daraufhin, daß die Behörden der in dem Artikel des „Woschod" ausgedrückten Loyalität mit Dank und Anerkennung entgegenkommen. Haman II. In der gegenwärtigen Zeit, da der Antisemitismus und seine schädlichen Folgen immer mehr zunehmen, möge das eben verflossene Purimfest, das Losfest, uns im Vertrauen auf Gott stärken, da wir aus der Megillah Ester vernehmen, daß alle bösen Ratschläge des Emporkömmlings Haman vereitelt wurden und ihm selbst geschah, was er dem frommen Mordechai zufügen wollte. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels."■ . ■ . So geschah es im vierzehnten Jahrhundert, als unsere Vorfahren nach Dielen grausamen Verfolgungen während der Kreuzzüge, die den Haß der katholischen Welt gegen uns Juden, welche sie Ungläubige nannte, aufs höchste erregt hatten, sowohl in Frankreich wie in Deutschland allgemein der schreckliche Ruf erscholl: ..Tod den Juden oder deren Bekehrung!" Nur in Castilien, als Alfons 1325 zur Regierung gelangte, schien-den Juden die Sonne des Glückes zu leuchten. Dieser gnädige Fürst hatte mehrere jüdische Günstlinge an seinem Hofe, unter denen er besonders Don Samuel Iben Waker wegen seinerhohen Bildung auszeichnete, indem er ihn zu seinem Leibarzte und Astronomen erhob. Außerdem überließ er ihm die Pacht der Einnahmen, welche die Einfuhrsartikel aus - dem Königreiche Granada abwarfen. Später gewährte er ihm auch das Privilegium, die Landesmünzen in einem niederen Zinsfüße zu prägen. Dadurch wurden die Judenfeinde noch erbitterter und machten das Volk glauben, daß durch die Münzvcrschlechterung die Lebensmittel bedeutend teurer werden. Von der klerikalen Partei wurde alles Mögliche angewendet, beim Könige Vorurteile gegen die Juden zu erwecken. König Alfonso war oft schwankend in seinen Gunstbezeigungen. Er verlieh einmal sein Vertrauen einem unwürdigen, armen Ritter Gonzalo Martinez de Ovides, den wir Haman II. nennen. DieserMann war nur durch einen jüdischen Günstling des Königs in ein hohes Amt befördert worden. Statt demselben dafür dankbar zu sein, haßte er ihn und alle Juden. Der undankbare Gonzalo brachte es sogar bis zum Minister und als er zum Großmeister des Ordens von Alcantara erhoben wurde, faßte sein verstocktes Herz den Plan, alle Juden im ganzen Reiche zu vernichten. Er erhob gegen Don Samuel Iben Waker die förmliche Anklage, daß er sich im Dienste des Königs ungerechter Weise große Schätze angeeignet habe. Infolgedessen erhielt er vom Könige die Vollmacht, mit demselben nach Gutdünken zu verfahren. Darauf ließ Gonzalo Iben Waker so foltern, daß dieser den Geist aufgab. Doch dies genügte dem Judenfeinde nicht, er suchte eine Gelegenheit, die Ausrottung sämtlicher Juden in Vorschlag zu bringen. Um diese Zeit wurde der maurische König Abulhasan von Marokko von seinen bedrängten Glaubensgenossen zu Hilfe gerufen. Dieser ließ ein zahlreiches Heer unter der Anführung seines Sohnes Abumelik über die Meerenge setzen, um Castilien zu bekämpfen und wenn möglich zum Halbmond zu bekehren. Dieses Ereignis verbreitete Schrecken im christlichen Spanien. Der König Alfonso ernannte Gonzalo zum Feldherru in diesem Kriege mit königlicher Vollmacht. Zum Kriegführen gehört auch viel Geld, woran es aber fehlte. Da rückte Gonzalo mit dem boshaften Plane hervor, den Juden ihre Reichtümer zu nehmen und sie aus Castilien zu verbannen. Gott lenkte es, daß dieser . Vorschlag im Rate des Königs Widerspruch fand. Der Erzbischof von Toledo, Don Gilles Alodrez de Albornos, entgegnete, daß die Juden stets ein unerschöpflicher Schatz für den König waren, dessen man sich nicht berauben sollte. Auch haben die Herrscher von Castilien stets den Juden Schutz und Duldung gewährt. Don Mose Abodiel, der Nachricht erhalten hatte von der den Juden drohenden Gefahr, veranlaßte alle Gemeinden, ivieMordechai zu Hamans Zeiten, öffentliche Fasten zu veranstalten und den Gott ihrer Väter um Vereitlung des bösen Ratschlages Gonzalos anzuflehen. Dieser zog indessen gegen das maurische Heer an die Grenze, erfocht mehrere Siege und hatte das Glück, den Feldherrn Abumelik, von einem Pfeile durchbohrt, sinken zu sehen, wodurch die so gefürchtete, maurische Armee gänzlich zerstreut wurde. Nun hielt sich der Großmeister von Alcantara für so mächtig, daß er den König zu den von ihm vorgeschlagenen