Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Die Wahrheit Lene d. weniger beherrscht ist. daß er Wohltaten üben muß, von der anderen Seite das Gefühl des jüdischen Armen, daß er unter allen Umständen eine Unterstützung verlangen und fordern darf. Es ist auch eine alte Erfahrung, daß sich jüdische Arme zu jeder Zeit leichten Mutes auf die Wanderschaft begeben haben; „überall würden sich schon Glaubensgenossen finden, die weiter helfen werden," in dieser Erwägung griff man zum Wanderstab. Die jüdische Armenpflege war auch vorzüglich und nach jeder Richtung hin gut entwickelt. Vielleicht gab man manchesmal etwas zu leichtfertig, und Täuschungen kamen oft vor. Das mochte in den einzelnen Fällen recht ärgerlich sein, aber im großen und ganzen hat es nicht geschadet. Im allgemeinen galt bei uns die obligate Armenstützung, mit der wir — zu unserem Ruhme sei es hervorgehoben — der ganzen Kulturmenschheit vorangegangen sind; von der anderen Seite aber galt es bei den Juden als eine schwere Sünde, Unterstützungen zu empfangen, wenn man es nicht durchaus nötig batte. Gewiß wurde dieses Verbot oft genug übertreten, wie es ja auch zu allen Zeiten häßliche Geizkragen gegeben hat, die sich der Pflicht der Nächstenliebe entzogen haben. Aber das beweist nichts gegen die Güte des Systems, denn eben nur das Gute wird leider von Unwürdigen mißbraucht. Unser Armenunterstützungswesen ist somit an sich sehr gut gewesen, nur sind unterdessen die Verhältnisse ganz anders geworden. Neben der öffentlichen Wohltätigkeit arbeitete die private,. und diese war die eigentliche jüdische Wohltätigkeit, j Einem Familienvater zinsenlos ein kleines Kapital vorschießen, j damit er sich eine wirtschaftliche Existenz gründe, dies geschah stets und war bei würdigen Leuten etwas Selbstverständliches. Dasselbe war der Fall, wenn Jemand in eine augenblickliche Verlegenheit geriet und Geld oder Kredit brauchte, um sich auf die Beine zu helfen. Man machte nicht viel Aufhebens damit. Gegen Abend traf man beim öffentlichen Gottesdienst oder beim Talmudvortrag einen Nachbarn, von dem man annehmen konnte, daß er im Besitz von Barmitteln sei. Man entlieh bei ihm in der einfachsten, unbefangensten Weife die nötige Summe, die man später, wenn die Geschäfte besser gingen, mit Dank zurückerstattete, wobei jedoch der freundliche Geldgeber in der Regel auch den Dank zurückwies. Auch der wirkliche Arme, der die öffentliche oder die private Wohltätigkeit in Anspruch nahm, stand auf einer sozialen Stufe, die gar nicht so tief war. Es konnte leicht Vorkommen, daß Jemand Vormittag eine Geldunterstützung in Empfang genommen hatte, gegen Abend aber bei einer Gemeindeversammlung recht mutig auftrat, zumal, wenn er ein Gelehrter war und durch die „Krone der Lehre" in Ansehen stand. Solche Verhältnisse sind heutzutage unmöglich, weil bei uns Juden leider „eine Umwertung aller Werte' in pejus vor sich gegangen ist. Jetzt heißt es bei uns, wie auch bei den anderen: „Reichtum ist keine Schande und Armut macht nicht glücklich." Das haben so die Zustände gemacht, und gegen diese kann man nicht ankämpfen. Wenn der jüdische Krösus nicht mehr unter den minderbemittelten Glaubensgenossen wohnt, wenn er fast niemals in das Gotteshaus kommt, überhaupt von der jüdischen Gemeinde nur noch so weit Notiz nimmt, daß er den Steuerzettel honoriert und gelegentlich auch einem Wohltätigkeitsverein seine Spende gibt, so kann von ihm nicht verlangt werden, daß er den Vorgängen in der jüdischen Welt besondere Aufmerksamkeit widme. Zudem wird der reiche Jude von der allgemeinen, nichtjüdischen Wohltätigkeit stark in Anspruch genommen. Merkwürdig! Auf Schritt und Tritt predigt man uns Bescheidenheit — mir sollen uns doch nicht überall vordrängen! Aber auf diesem einen Gebiet nimmt man es uns nicht übel, wenn wir unbescheiden sind, daß jüdische Wohltäter auf allen Spendenlisten mit namhaften Summen verzeichnet sind. In einer großen Residenzstadt steht sogar ein Jude an der Spitze der „Gesellschaft vom Roten Kreuz", ohne daß Jude oder Christ daran Anstoß nimmt. . Unter solchen Umständen ist aus der jüdischen Wohltätigkeit eine wahre Bettelei geworden, die niemandem wirkliche Hilfe bringt, aber sehr großen moralischen Schaden zufügt. Es ml mir sehr weh, wenn ich in dem Hofe des Hauses, in dem sich das Bureau der Armenverwaltung befindet, viele Glaubensgenossen herumlungern sehe, denen doch nur für die nächste Zeit geholfen wird. Ich will nicht in ein Paradoxon verfallen und die Albernheiten der Nitzscheaner wiederholen, die Armenpflege hindere nur die Zuchtauslese und die Auspflanzung, da die ..viel zu vielen" den Uebermenschen Raum und Luft, die zu ihrer mächtigen Entwicklung nötig wären, entziehen. Ich stehe auf dem Standpunkt des Judentums: „Wer nur ein Menschenleben erhält, dem wird es angerechnet, als ob er die ganze Menschheit vom Untergang gerettet hätte." Aber ich fordere entweder wirksame Unterstützung oder lieber gar keine. Die jetzige Armenpflege wirkt nur demoralisierend und entnervend. In erster Reihe müßten sich die Gemeindeverwaltungen darüber klar werden, welche Aufgaben ihnen gestellt sind. Rein menschliche Wohltätigkeit, d. h. solche, die nichts mit den religiösen oder kulturellen Anforderungen des Judentums gemein hat, müßte prinzipiell ausscheiden. Eine jüdische Gemeinde hat Synagogen zu unterhalten — freilich keine Prunksynagogen, in denen der Gottesdienst operettenhaft veranstaltet wird — für den Religionsunterricht zu sorgen, der viel gründlicher sein müßte, als er jetzt in der Iudenheit ist, die jüdische Wissenschaft zu fördern, luobei ich unter jüdischer Wissenschaft nicht etwa ein paar abgerissene Bücherdeckel verstehe! höchstens noch für die Erziehung der Waisen, damit sie nämlich jüdisch erzogen werden, und für die rituelle Speisung von Kranken u. s. w., da die meisten Juden immerhin die Speisegesetze als einen wichtigen Bestandteil des Judentums betrachten. Hingegen müßte den Vereinen überlassen werden, Armen und Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren, so weit sie es für nötig erachten. Freilich müßte das Vereinswesen bei uns Juden gründlich reformiert werden. Wenn das eigentliche Armenwesen von der Gemeindeverwaltung ausgeschieden wird, so könnte man hoffen, daß dereinst ein schwerer Mtßstand in unseren Gemeinden anfhörl. Es hat sich nämlich bei uns der Gedanke eingebürgert, die jüdische Gemeinde sei eine Art Wohltätigkeitsverein, bei dem man es natürlich finden muß, daß an dessen Spitze reiche und wohltätige Männer stehen. Es ist jetzt fast selbstverständlich geworden, daß man nur reiche Gemeindemitglieder in die Gemeindeverwaltung wählt. Diese Herren mögen an sich recht brave Leute sein und es sehr gut meinen, aber in allen religiösen und kulturellen Fragen des Judentums wissen sie nicht Bescheid. Der Verfall der Gemeinden ist wohl in erster Reihe auf diesen Umstand zurückzuführen. Leute, bie ein Waisenhaus errichtet haben und ein solches auch leiten können, haben über die Besetzung des Rabbinates zu entscheiden, den Gebetritns festzusetzen, über das Maß der nötigen Reformen beim öffentlichen Gottesdienst zu beschließen, das Programm des Religionsunterrichtes zu entwerfen, gelegentlich auch über jüdische Kunst und Wissenschaft ihr Gutachten abzugeben — und in den meisten Fällen ist es auch danach. Meine These lautet somit: Alle, denen es mit der Wiederbelebung des Judentums und der Schaffung besserer Zustände in der Judenheit ernst ist, müssen dahin wirken, die eigentliche Gemeinde von der Armenpflege zu trennen, denn sonst wird das Judentum im Laufe der Zeit ein großes Asyl für unheilbare Kranke, ein großes Armenhaus. Der russisch japanische Krieg und die russischen Inden. Tie Petersburger Zeitung ..Woschod", das leitende Organ der russischen Juden, enthält über den Krieg folgende bemerkenswerte Kundgebung: „Rußland durchlebt gegenwärtig einen sehr schweren und sehr ernsten Augenblick. Schon die ersten Nachrichten vom