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Die Wahrheit · 1904-03-04 · Heft 10 (4.3.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die sozialen und politischen Verhältnisse, wie die öffentlichen Vorgänge daselbst gewinnen aber ein umso erhöhteres Interesse, als diese Thermenstadt nicht nur außerordentlich von jüdischen Kurgästen besucht ist, sondern auch von Inden als Sommeranfenthalt mit Vorliebe gewählt wird. Da verlohnt es sich wohl, die Tatsache zu registrieren, daß in Baden bei Wien der Herr Josef Herzog nicht nur zum Gemeinderate gewählt wurde, sondern daß ernstlich davon die Rede sein konnte, man werde ihn znm Bürgermeister der Stadt machen. Wer Josef Herzog ist? Man müßte beinahe fürchten, daß die ehrliche gerade Antwort ans diese Frage.sofort eine Reihe von Ehrenbeleidigungsklagen zur Folge haben könnte. Aber wir erinnern uns, daß dieser auserwählte Antisemit die fürchterlichsten Kennzeichnungen seiner Person entweder schweigend einsteckte, oder aber, daß er in jenen Ausnahmsfällen, in welchen er zur Reparatur seiner Ehre den Gerichtssaal betrat, denselben fluchtartig verließ. Der Mann, dem das Brandmal des niedrigsten Denunziantentums unzählige Male öffentlich auf die eiserne Stirne gedrückt wurde, weiß, daß seinen Beleidigern die Erbringung des zermalmendsten Wahrheitsbeweises leicht ermöglicht ist, und er fürchtet daher den Wahrspruch des Richters, der ihm die Rolle des Verurteilten znweisen würde, auch dann, wenn er als Kläger aufgetreten. Wenn man wissen will, was der deutschnationale Antisemit Herzog für ein Individuum ist, so genügt wohl der Hinweis auf die Tatsache, daß selbst Christlich-Soziale von der Dickhäntigkeit eines Biehlolawekihn für eine minderwertige Persönlichkeit erklären, dessen Berührung beschmutzend ist .. . Und dieser Herzog wird in dem bei den Juden so beliebten Baden durch das Vertrauen seiner Mitbürger in den Gemeinderat entsendet. Wahrhaftig man könnte beinahe neugierig sein, welche Summe von Korruption und Verworfenheit ein Subjekt vereinigen muß, wenn es nicht für wert erachtet werden soll, an die Spitze der „Hepp-Hepp"- Rufer zu öffentlichen Würden emporzusteigen. Als auf eine auffällige Tatsache wurde wiederholt daraus hingewiesen, daß der deutschnationale Parteigötze Schönerer, der nicht nur keine fremden Götter neben sich duldet, sondern auch strenge mit jenen seiner begabten Parteigenossen ins Gericht geht, die er auf einer menschlichen Schwäche ertappt, eine außerj ordentliche Nachsicht gegenüber Herzog an den Tag legt. Er hat! ihn nicht, wie den K. H. Wolf und wie neuesrens den Abgeordneten Berger, unwert seines persönlichen Verkehres erklärt, obgleich man von den beiden Genannten — ohne ihnen damit zu schmeicheln — sagen darf, daß sie im Vergleiche zu Herzog wahre Mustermenschen sind. Die Schwäche Schönerers für Herzog ist ein Rätsel, dessen Lösung in Folgendem bestehen soll: Schönerer weiß, so wird erzählt, daß Herzog, falls er ihn zum Aenßersten reizen würde, imstande wäre, in seinem Blatte Mitteilungen über die Abstammung der Schönerer'schen Kinder von „Schmul Leeb Kohn" zu veröffentlichen. Herzog soll sogar in der Lage sein, neue Beiträge zu der bereits gerichtsordnungsmäßig erhärteten Wahrheit zu liefern, während Schönerer schon mehr als genug an den alten bekannt gewordenen Tatsachen hat. Schönerer schweigt also, weil er sich Herzog's Schweigen sichern will. * Wie unsere Glaubensgenossen in Rußland behandelt werden, das ist ein Kapitel, welches die schmachvollsten Blätter unserer Zeitgeschichte ausfüllt. Trotz all der grauenhaften Details die man hierüber kennt, kann man es doch kaum fassen, daß die Mitteilung über eine neue russische Greueltat, die man dieser Tage im „Berliner Tagblatte" lesen konnte, der Wahrheit entsprechen soll. In diesem, wie die Redaktion des hervorragenden Berliner Taglattes nachdrücklich versicherte, von verläßlicher Seite zukommenden Berichte hieß es u. a.: Vierzig Familien jüdischer Aerzte sind aus Petersburg, Moskau, Charkow und Kiew ausgewiesen worden, weil sie durch die Entsendung der Familienväter nach der Mandschurei das Recht verloren haben, außerhalb des Änsiedlungs-Rayons zu wohnen. In den genannten Städten dürfen nämlich nur Juden wohnen, wenn sie entweder Kaufleute erster Gilde oder Aerzte sind. Nachdem die jüdischen Aerzte nunmehr nach dem Kriegsschauplätze gegangen sind, um dort den russischen Truppen ihre Dienste zu widmen, ist die formelle Handhabe zur Answeisung ihrer Familien gegeben. denn es dürfen ja nur jüdische Aerzte m i t Familien, nicht aber die Familien jüdischer Aerzte in den erwähnten Städten wohnen. Man schaudert angesichts des Gedankens, daß dieses grauenhaft Unwahrscheinliche in Rußland zum Ereignis geworden wäre, aber man muß sich dann sagen, daß nach den Vorgängen in Kischinew eigentlich in Rußland nichts mehr als unglaublich erscheinen kann. Wenn man in Kischenew unter

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