Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit ttr. 9. fich vortrefflich unterhält. Erster Bürgermeister ist Herr Strobach. Er, der nur vier Volksschulklassen absolviert hat, weiß trotzdem seine Würde zu bewahren. Erster Vizebürgermeister ist Herr Gregorig, der die Verhandlungen weise und objektiv leitet. Zwar gerät er manchmal mit der deutschen Sprache und Grammatik in Konflikt, doch mit seiner Wohlbelerbtheit schmunzelt er wohlwollend zu den Scherzen der Gemeinderäte. Zweiter Vizebürgermeister ist Herr Bielohlawek. Es ist erstaunlich, welche Karriere dieser Mann mit dem urdeutschen Namen gemacht hat, Ursprünglich ein unbedeutender Greißler, jeder Bildung, jedem Wissen abhold, ein abgesagter Feind vom Bücherlesen, wie er sich selbst einmal im Reichsrate gerühmt hat, hat er sich durch eiserne Energie, durch Eifer, mit welcher er allen unseren Versammlungen beiivohnte, sich alle unsere Schlagworte und Kraftausdrücke angeeignet, derart Eindruck gemacht, daß er in den Gemeinderat, in den Landtag und in den Reichsrat gewählt wurde und jetzt ein gewaltiger Redner vor dem Herrn ist. Er spricht über alles: Soziales, Politisches und Nationales, und trotz Galimathias und blühenden Unnsinns verblüfft er seine Zuhörer. Keiner kann mit solcher Vehemenz und Tonart, wie er, das Wort: „Jud! Jud!" hinausschreien. Jetzt ist er gar Vizebürgermeister geworden. Du siehst also, wie weit es unsere Anhänger bringen, wenn sie nur eine Portion, sagen wir nicht Unverschämtheit, sondern Mut besitzen." „Für heute wollen wir unsere Rundgänge beenden," sagte der ermüdete Gast. Des anderen Tages setzten sie dieselben fort und besichtigten alle durchgreifenden Veränderungen, welche das neue Regime hervorgebracht hat, die aber herzuzählen, allzu weitläufig wäre. Am Abende des Tages führte Hartkopf den Gast in eine Wählerversammlung, welche behufs Gemeinderatswahlen abgehalten wurde. Eine ungemein zahlreich besuchte Versammlung aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung und des kleinen Gewerbestandes. Ein Kandidat tritt aus und trägt die gewöhnlichen Phrasen vor: von Beglückung des kleinen Mannes, von der Befreiung aus dem Joche der Sklaverei des Judentums, die nun so glorreich durchgeführt worden ist, von dem christlichen Staate u. dgl. mehr. Da sprang einer aus der Versammlung auf und rief: „Genug des Gesalbaders und Geschwätzes, mit welchem Ihr uns seit Jahren betört und am Narrenseile führt. Was ist von allen Eueren Verheißungen eingetroffen, von unserer Beglückung? Goldene Berge habt Ihr uns versprochen, und statt dessen ist Not und Elend unser Los, während Ihr und alle Euere Parteigänger und Führer Euch gemästet und bereichert habt. Die reichen Juden, die uns Verdienst und Erwerb gegeben haben, habt Ihr verjagt, alle Fremden meiden Wien wie die Pest, verödet ist die Stadt, die Werkstätten feiern, Handel und Wandel liegen gänzlich darnieder, wir darben und hungern. Fort mit Euch, Ihr Volksverräter und falsche Propheten!" Und die Menge ringsumher johlte und tobte. Da erwiderte der Kandidat: „Wie? Möchtet Ihr die Blutsauger wieder herrufen?" Darauf erscholl die Antwort: „Als die Blutsauger da waren, hatten wir noch Blut, jetzt haben wir keines mehr, das man saugen könnte. Schafft uns die Juden her, und war früher der Ruf: Hinaus mit den Juden! so rufen wir jetzt nach Euerer mehrjährigen Mißwirtschaft: herein mit den Juden!" Da ließ es Herrn Hartkopf nicht mehr ruhen und er stürzte zur Rednertribüne und rief: „Wollt Ihr kein Opfer bringen der allgemeinen Segnung? Stellt Ihr Euer materielles Wohl höher als Euer geistiges, Euer Seelenheil? Ihr Elenden!" Kaum sprach er dieses Wort, als ein Sturm des Zornes alle ergriff. „Ihr seid Elende!" riefen hundert Stimmen zugleich und einer der robustesten der Menge sprang hin und versetzte ihm einen Stoß vor die Brust, daß er rücklings hinfiel. Da —-! durch die starke Erschütterung erwachte er jählings aus seinem schweren Schlafe ’— — er befand sich in seinem Bette. Alles war ein Traum gewesen, man war noch im Jahre 1903. per sch irdene Nachrichten. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes Dom 21. Februar 1901, unter dem Vorsitze des I. V i z e - P r ä s i d e n t e n Herrn D r. Alfred Stern Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags.) Im Einlaufe befindet sich ein Schreiben der Frau Leontine Moor, mit welchem dieselbe für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens ihres Gatten, des Bethausvorstehers Jakob Moor, ihren Dank anssprichr. Nach Verlesung der Spenden gibt der Vorsitzende im Präsidialberichte Kenntnis über den Stand der Entnahmen und Ausgaben am 31. Jänner 1903 im Vergleiche mit den diesbezüglichen Ergebnissen des Vorjahres. Dem Plenum werden sodann die seit der letzten Plenarsitzung verliehenen Stiftungen zur Kenntnis gebracht. Anknüpfend hieran bemerkt der Vorsitzende, daß sich bei der Bewerbung um einzelne Stiftungen trotz weitestgehender Publiziernng eine auffallend geringe Beteiligung gezeigt hat, so beispielsweise bei der Dr. Adolf und Emannel Stern'schen Rlgorosauteu-Stiftung. Noch auffallender sei die erwähnte geringe Beteiligung bei der vom Magistrate zu verleihenden Mantner-Markhof'schen Stiftung, um welche im heurigen Jahre für 4 vorhandene Plätze von je 610 Kronen nur drei Bewerber kompetierten, so daß ein Platz nicht verliehen werden konnte. Bei der letztgenannten Stiftung dürfte an der schwachen Beteiligung hauptsächlich der Umstand schuldtragend sein, daß viele jüdische Parteien ihre Bewerbung um Stiftungen beim Magistrate für aussichtslos halten, wozu umsoweniger ein Anlaß vorliegt, als bei der Mautner-Stiftung infolge ausdrücklicher stiftbrieflicher Bestimmung die Beteilung nach den einzelnen Konfessionen ziffermäßig aufzureilen ist. Zur Tagesordnung übergehend, referiert Herr Baurat Theodor Ritter v. Goldschmidt über im Jahre 1904 zu gewährende periodische Unterstützungen (Monats- und Quartalsgaben.) Entsprechend den Anträgen des Vertreter-Kollegiums werden 321 Parteien periodische Unterstützungen im Gesamtbeträge von Iv 46.467 84 bewilligt, desgleichen an 60 Parteien Pensionszulageu und Gnadengaben im Gesamtbeträge von X 31.823-—. Herr Vorsteher Wilhelm Kuffner, Obmann der Spitalskommission, referiert über die Neubesetzung der Stellen eines I. Sekundararztes, II. Sekundararztes, Hilfsarztes und eines Stipendisten der Jonas Freiherr von Königswarter'schen Stiftung im Spitale der israelitischen Kultusgemeinde. Die Anträge werden genehmigt. Die Osias H. Schorr'sche Stiftung für Rabbinatskandidaten (17 Plätze k K 600.—) wird auf Grund der Vorschläge des Rektorates der isr. theologischen Lehranstalt an 17 Hörer des Seminars verliehen. Dem Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis wird pro 1904 die budgetierte Subvention von X 4000.— bewilligt und gleichzeitig dem Vereinsvorstande für seine hingebungsvolle Tätigkeit der Dank des Kultusvorstandes ausgesprochen. Dem Vereine zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird entsprechend dem Anträge des Vertreter-Kollegiums ein Beitrag von 400 Mark bewilligt. Herr Vizepräsident Dr. Gustav Kohn referiert namens des Vertreter-Kollegiums über die Regulierung der Religionslehrer-Gehalte. Nach längerer eingehender Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Berger, Dr. Rappaport und Theodor Ritter v. Taussig beteiligen, wird beschlossen, die Angelegenheit zur neuerlichen Beratung an das Vertreter-Kollegium zurückzuleiten. Schluß der Sitzung halb 2 Uhr nachmittags. Wien. (Predigte n.) Freitag-Abends, den 26. d. M. im Stadttempel, Samstag Früh im Leopoldstädtertempel und im Gemeindetempel XVIII. Bezirk. Wien. Montag, den 22. d. M. fand im Stadttempel, wie alljährlich am Vorabende des eine Gedächtnisandacht für die im Laufe des Jahres verschiedenen Mitglieder der Chewra Kadischa statt, welcher der Vereinsvorstand unter Führung des Vizepräsidenten Dr. Markus Spitzer und zahlreiche Vereins- und Gemeindemitglieder beiwohnten. Auf der Galerie waren auch viele Damen anwesend. Nach Aufführung des Sulzer'schen Requiems durch Oberkantor Singer unter Assistenz des Chores hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann die Gedächtnisrede, die mit einem Seelengebete für die verstorbenen Mitglieder schloß. Wien. (Jüdisches M u s e u m.) Mittwoch, den *2. März 1904, 7V2 Uhr abends präzise, findet im Festsaale des österreichischen Jngenieur- und Architekten-Vereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Oberrabbiner Dr. Immanuel Löw-Szegedin: „Botanische Streifzüge. Zur Geschichte der Kulturpflanzen aus der jüdischen Literatur," statt. Wien. (Js r a e litis che A l lia nz zu Wien.) In der am 20. Februar abends G1/^ Uhr abgehaltenen Vorstandssitzung hielt der Präsident Herr David Ritter v. Guttmann dem Hingeschiedenen Mitglieds des Beirates Herrn Sigmund Trebitsch einen ■ warmen Nachruf. Herr Wilhelm P a p p e n h eim referierte über die vorliegenden Subventionsgesuche inländischer Kultusgemeinden und Vereine und es wurden über Antrag des Präsidiums den Gemeinden Horn (N.-Oe.), Laa a. Th., Krems a. D., Korneuburg, Liesing, ferner Babschitz und Jistebnitz in Böhmen, Freudental in Schlesien, Spalato für das laufende Jahr zur Erhaltung