Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 9 Die Wahrheit Seite 7 ein egoistischer Kleinkrämer sein kann oder daß ein solcher Hamster den „Faust", „Tasso" mnßte geschrieben haben? Ich weiß nicht,- schmerzt es.mich mehr, daß Goethe ein so großes Geniewar, oder daß das große Genie einen solchen Privatcharakter oder vielmehr Privatnichtcharakter hatte. Ich weiß nicht, hasse ich Goethen und mißgräme ihm seine Werke, oder liebe ich ihn um seiner Werke willen und verzeihe ihm seine Fehler?" Das ehrenvollste und schönste Zeugnis gibt aber in dieser Beziehung Börne niemand anderer als Grillparzer, welcher ihn im Jahre 1836. persönlich kennen gelernt batte. „Börne" — schreibt er in seinem Tagebuche — „war gewiß ein ehrlicher Mann, und das politisch Aufreizende in seinen Schriften, oder vielmehr das aus den höchsten Grad Gesteigerte derselben, kam wahrscheinlich nur daher, daß er die Deutschen für so dickhäutig hielt, daß man mit Prügeln dreinschlagen müsse, um nur die Spur eines geringen Eindruckes zurückzulassen. Er glaubte, ohne Gefahr für die Ruhe Deutschlands sich seinem Tyrannenhaß humoristisch überlassen zu können. Es ging aber dabei, wie bei Patienten von harten Naturen. Man verstärkt die Dosen und steigert die Mittel; lange Zeit ohne Erfolg. Bis endlich die letzte Arzenei wirkt und nun zugleich die Wirkung der früheren sich bis zum Uebermaße Luft macht. . . . Bis auf seinen wunderlichen Haß gegen Goethe fanden wir uns! recht gut zusammen. Aber auch dieser Haß war nur gegen Goethes sogenannten Aristokratismus gerichtet. Als eben damals in Deutschland ein neuer Faust erschien, den der Verfasser Börnen zuschicke, zeigte sich in der Indignation über dieses Gegenübertreten der hohe Wert, den Börne auf den größten unserer Dichter legte." Und noch am 12. Jänner 1866 fällte Ferdinand Kürnberger folgendes scharfe Urteil in einem Briefe an Simon Engländer: „Was haben Sie auf einmal gegen unseren Börne? Heißt das auch, Menschen und Zeiten wie ein Denker ansehen, wenn Sie dieses großes ringende Herz ansschließlich vor das Forum des „Geschmacks" ziehen? Schreit man geschmackvoll, wenn man Zahnschmerzen hat? Beurteilen Sie den Mann aus dem Zustande der politischen Bildung, der politischen Leidenschaften oder Philistereien seiner Zeit, nicht der Ihrigen, zu welcher er am Ende doch auch nicht mitgeholfen hat. Haben Sie über Börne immer so gedacht? Und ist es denkbar, das Orakel der Zwanzigerjahre in den Vierzigern zu verhöhnen? Ist es denkbar, dem Adam vorzuwerfen, daß er nicht mir Dampfpflügen und Säemaschinen gebaut hat? Um so verdienstlicher, wenn eres mit den Nägeln seiner Finger getan hat. Messen sie den armen, jüdischen Publizisten mit dem Maßstabe dieser größten und berühmtesten seiner zeitgenössischen Politiker und er wird Ihnen noch um manches größer scheinen als alles, was sich damals für Staatsmann hielt und dafür gehalten wurde." Laut- und klanglos verhallen noch immer die Worte des Dichters der „Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters": „Der Adler wiegt sich wieder, Im freien Element, Die Schranken stürzen nieder, Auch die, die Euch getrennt. Hirschgraben, Judengasse, La Chaise und Fürstengruft, Was sind sie? Schatten, blasse. Verweht in Morgenluft!" Es ist erreicht! Ein Phantasiebild von Adolf Steinschneider. (Schluß.) Ihr Weg führte sie au mehreren Hotels vorüber; man sah dort weder Portier noch Lohndiener, wie in den früheren Jahren, in den Vorhallen. Auf die Frage nach der Ursache antwortete Herr Harckopf: „Leider kommen fast gar keine Fremden jetzt her. Der Ruf, den die gottverdammten Judenblätter über uns und unsere gesegneten Verhältnisse allüberall verbreitet, hat die auswärtigen Reisenden abgeschreckt und verhindert den Fremdenzuzug, aber ich hoffe, daß die Wahrheit auch anderwärts siegen wird, und die Fremden wieder scharenweise nach unserem Eldorado kommen werden." Sie traten in eine Kirche ein. Eine gläubige Menge war da versammelt, auf der Kanzel predigte ein Geistlicher mit fanatischer Begeisterung. „Das Reich Gottes ist gekommen, der Antichrist verjagt, christlich fromm ist die Bevölkerung geworden, nachdem sie nicht mehr in Berührung ist mit jener unreinen Rasse, doch, andächtige Zuhörer, wieget Euch nicht in sorgloser Ruhe. Noch ist das Werk nur halb getan, noch gibt es ketzerische Kirchen hier, die abgeschafft werden müss n?" „Ich habe." sagte der Gast, „vor einiger Zeit für einige tausend Gulden österreichische Staatsrente gekauft, die ich hier wieder verkaufen möchte." „Gut," sagte Herr Hartkops, „ich führe Dich zu einem christliche Wechsler, da es jüdische nicht mehr gibt." Bei diesem fragte er nun nach dem Kurs, zu welchem die Papiere angenommen werden. „Ich kann," sprach der Wechsler, „Ihnen prompt keinen Kurs anbieten und muß erst in Budapest anfragen, nachdem hier keine Börse ist." Der telegraphische Bericht kam: „Kurs der Mai-Rente 72*/.,." ..Wie, höre ich recht?" ruft erstaunt der Gast. „Ist der Staatskredit so herabgesunken? Stand doch der Preis, als ich die Rente seinerzeit ankaufte, 101. Es war doch mittlerweile kein Krieg, keine Revolution oder sonstige Katastrophe!" Achselzuckend antwortete der Wechsler: „Auch daran sind die Juden schuld, die selbst von der Fremde aus uns schädigen, unsere Verhältnisse an den auswärtigen Börsen, wo sie dominieren, als deroute schildern, das Vertrauen zu Oesterreich untergraben, so daß draußen alle unsere Staatspapiere in großen Massen abgestoßen werden und hereinströmen, daher der gedrückte Kurs." Mißmutig mußte der Amerikaner die Papiere mit Verlust hergeoen. Sie traten in ein Kaffeehaus und bestellten zum Kaffee Zeitungen. Der Marqueur bringt das „Deutsche Volksblatt", die ..Deutsche Zeitung", die „Reichspost", den „Kikeriki" und Blätter ähnlichen Kalibers. ..Ich möchte auch die Journale anderer Richtung lesen. Die „Neue Freie Presse", das „Neue Wiener Tagblatt" und dergleichen." ..Diese Judenblätter gibt es bei uns nicht." bemerkte Herr Harikopf. ..Bei Strafe der Konzessionsentziehung ist es den öffentlichen Lokalen verboten, dergleichen aufzulegen." ..Aber woher haben denn die antisemitischen Blätter ihren Stoff, wenn keine Juden mehr hier sind?" „Die helfen sich schon, sie bringen verschiedenen Tratsch aus Wien und Umgebung, oder sie lassen sich von auswärts berichten, wo irgend in einem weltentlegenen Ort ein Jude einen Betrug ausgeübt hat, oder sie berichten mit behaglicher Schadenfreude von einer Judenverfolgung mit Totschlag und Plünderung in irgend einem Winkel Europas, oder wenn sie keine solche Korrespondenzen erhalten, so ersinden sie Geschichten mit aller Schauerlichkeit von Ritualmorden. Nur Vergani ist unzufrieden, es fehlen die Banken, bei welchen er früher um Inserate und Pauschalien bettelte, außerdem ist er gekränkt, weil er bei der Aemterverteilung leer au^gegangen ist. Doch tröstet er sich mit dem bedeutenden Vermögen, welches er sich während der Jahre mit seinem Ehren;onrnale erworben hat. Ein eigenes, palastartiges Haus hat er erbauen lassen, an dessen Front mit goldenen Lettern eingemeißelt ist: „Antisemitenhof". „Wie geht es im Gemeinderate zu?" fragte der Gast. „Sehr gemütlich. Da die Scheinliberalen bei den Wahlen sämtlich durchgefallen find, gibt es keine Opposition mehr. Alle Anträge, sie mögen noch so widersinnig sein, werden ohne Debatte angenommen, daher zum Zeitvertreib allerlei Witze und Ulks aufgeführt werden, wobei die Galerie mithilft und