Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 9 . Die Wahrheit wird. Sie sieht in der Einführung einer Orgel nicht sowohl eine Nachahmung des christlichen Kultus, wie eine Bekundung des religiösen Liberalismus. Aber auch sie — und darin findet sie die Zustimmung selbst bei Rabbinern, die der religiösen Tradition sehr frei gegenüberstehen — hält die Orgel für eine dem jüdischen Gottesdienst wesentlich fremde Einrichtung und den Wunsch nach ihr nur beachtenswert als ein Symptom des geminderten religiösen Sinnes unserer Zeit, der, im Bewußtsein seiner eigenen Schwäche, von den Tönen der Orgel religiöse. Anregung und weihevolle Stimmung erwartet. Aber auch dieses berechtigte Bedürfnis wird noch besser als durch eine Orgel, durch einen wohlgeordneten Gottesdienst und einen gut geschulten Chor, dem die Gemeinde sich anschließen kann, befriedigt. Große Gemeinden mit einer zahlreichen, gebildeten Mitgliederschaft, wie Wien, Hamburg, Hannover, Köln, Amsterdam, London, haben in ihren Synagogen ohne Orgel einen schönen, erhebenden, vielbesuchten Gottesdienst. Und die Alte Synagoge hier, wie diejenige in der Kaiserstraße, zeigen an jedem Sabbath, wie an den hohen Feiertagen, daß es dieses künstlichen Hilfsmittels nicht bedarf, um eine zahlreiche Schar von Besuchern selbst aus entfernten Stadtteilen in ihre Räume zu führen und ihnen religiöse Erbauung und Erhebung zu gewähren." (Schluß folgt.) Glossen nn modernen Mteratnrgeschichte. Den Epochen der Aufregung folgt die Epoche der Organisation, gleich wie das aufgelockerte Blütenleben eines Jünglings in das verfestigende und abschließende Mannesalter Übertritt. Was dann verloren ist, ist verloren, und was gewonnen ist, ist gewonnen. In einem solchen Moment des ernsthaften Abschlusses muß jeder die Grundlage, auf der er sich dann befindet, als die eigentliche Basis seines Weiterlebens betrachten. und darin ein felbstbereitetes Schicksal erkennen, das ihn trägt und zwingt. So geht es im Geschichtsleben der Völker, wie im persönlichen Leben der Helden, welche für ihre Völker gefochten haben. Beide halten zu Zeiten nute, um ihre Wunden ausbluten und verbinden zu lassen, und in diesem Heilungsprozeß so viel gesundes und positives Leben, als nur irgend hat gerettet werden können, gewissermaßen als eine neue Organisation anzuschließen. Genug des Ruhms, wenn man dann als Anteil an seiner Zeit nur eine ehrenvolle Narbe aufzuweisen hat! Nicht nur Gesetze und Rechte, auch literarische Urteile erben sich wie eine erbliche Krankheit fort, und wehe dem Schriftsteller, der etwa von dem Verfasser einer stärker gelesenen Literaturgeschichte eine ungünstige Zensur erfahren hat. Da wir nämlich selbst wenig, will sagen wenig Gutes, lesen, es vielmehr vorziehen, unsere Urteile fertig aus der Hand des Kritikers zu übernehmen, so ziert der Autor, wenn es hoch kommt, in mehr oder weniger elegantem Einband irgend ein Gestell unserer Bücherei; daher kommt es, daß so viele falsche Urteile landläufig und unausrottbar sind. Seit dem nun gar der Anttsemiüsmus auch in der Literaturgeschichte mit wenig Witz und viel Behageu sich breit macht, können sogar Freiheiten geboten werden, wie sie H. Treitschke zuerst geboten, ja seine Jünger belieben es, „den Faust zu überfausten, ohne mehr — als Goethe zu sein." In unzähligen Variaüonen ertönt das Lied: „Man hielt arglos für deutsche Aufklärung und deutschen Freisinn, was in Wahrheit jüdischer Christenhaß und jüdisches Weltbürgertum war." Umsonst mochte selbst K. Bleibtteu, einer der deutschradikalen Wortführer erklären: „Da wir in nichts mit unserer Meinung hinterm Berge halten wollen, so sei hier das Bekenntnis abgelegt, daß wir von allem über das literarische Judentum Gesagten einzig Heine ausnehmen und uns in keiner Hinsicht der antisemitischen Heine-Verunglimpfung anschließen.... Heine aber einen „Bördelldichterschimpfen, ' zeigt von "grober Unwissenheit und naivem Ungeschmack, abgesehen davon, daß sogenannte moralische Maßstäbe nicht zur Künstbeurteilung aüsreichen und für des Dichters Persönlichkeit das Wort des Theologen Hagenbach gilt: Wenn wir geniale Geister beurteilenmüssen wir beobachten, ob unser Verständnis auch genüge, und ob sie bei all ihrem Fühlen, nicht in den erhabensten Tugenden uns überlegen seien. Sobald wir diesen Standpunkt festhalten, stimmt ja allerdings Dührings scheinbar so sinnlose These, daß man große Dichter nach ihrem Charakter, besonders ihrer Wahrheitsliebe beurteilen müsse; dann aber wird sogar Heine mit Ehren bestehen können, der trotz vieler häßlicher Züge ini ganzen doch nur gegen die ..zahlungsfähige Moral' des Philistertums gefrevelt und sonst manches Edlere, sogar Heldenmut im Leiden betätigt. Uebrigens benahm sich bei seinen Lebzeiten das Judentum wenig anständig gegen feinen heutigen Nationalheros, und das Gemeinste, was je über ihn geschrieben wurde, stammt vom Pariser Mitjuden Weill. Auch nährte Heine, ähnlich wie Lasfalle und Marx, eine innerliche Animosität gegen feine Rasse, und nur vollkommene Verleumdung kann die Tatsache vertuschen, daß ihn, ähnlich wie den wirklich „patriotischen" Lassalle, warme Liebe für deutsches Wesen erfüllte. Daß sein ehrliches Bestreben, ein guter Deutscher zu sein, sich dabei nicht mit den damaligen elenden politisch-sozialen Zuständen einverstanden erklärte, mögen sogenannte Konservative ihm zum ewigen Verbrechen anrechnen. Wir Unbefangenen verkennen nicht, daß zorniger Spott auf den „deutschen Michel" nur den wirklich Faulen und Morschen galt. Zur Ehrenrettung und Mohrenwäsche Heines haben wir weder Zeit noch Luft. Aber daß er deutsch fühlte und dichtete, liegt so klar zu Tage, daß Dührings unbestechliche Wahrheitsliebe sich zu der Behauptung verstieg, Heine müsse irgendwo germanisches Blut in den Adern gehabt haben." Der neueste Kompilator und Registrator der „Geisteskultur Westeuropas vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart" im VJJLJL. Bande der von H. Helmolt herausgegebenen „Weltgeschichte" (Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut) bietet uns daselbst folgende Blütenlese: „Heine verstand sich auf die kleinen Künste der Verführung und hatte den scharfen Blick des Fremdlings für die Schwächen des Volkes, von dessen geistigen Säften er sich nährte. Ein gewisser Mangel an Ehrfurcht und Schamhaftigkeit paarte sich bei ihm mit einer fast naiven Verlogenheit; Verleumdung und Selbstschändung sagten ihm zu." Noch gefährlicher scheint dem Wiener (?) Professor der aus eine allerdings sonderliche Art moderne Literaturgeschichte macht, Ludwig Börne, der „Ahnherr dieser Z w i 11 e~r* Literatur" zu sein: „So oft sich meine Gegner in der Gefahr sehen, an Börne zu scheitern, um mit ihrem Verstände Schiffbruch zu erleiden, werfensie ihren Notanker Baruch aus." . . . „Löb Baruch, genannt Ludwig Börne", jeanpaulisierender Stilverderber, vaterlandsloser, bornierter Goethe-Hasser, Journalist und ähnliche Nachahmungen oder Uebertreibungen sind die Blüten solcher kritischer Leistungen. Möge vielleicht bei dieser Gelegenheit auf einige unverfälschte Urteile Unverfälschter — hingewiesen werden, die wir im Zusammenhänge in einer in diesen Blättern ^bereits erwähnten Schrift*) begegnen. Der Dichter des „grünen Heinrich", Gottfried Keller, beschäftigte sich nach dem Erscheinen der „Briefe aus Paris" lange mit dem Gedanken, ein Seitenstück zu liefern und schrieb damals wie folgt „Briefe aus der Schweiz": „Börne ist ein ordentlicher Goethefeind. Von der Seite, wie er ihn angreift, muß man ihm freilich vieles zugeben. Es ist Goethen aber auch von keiner anderen Seite beizukommen. Ich weiß nicht, was mich eigentlich an ihm ärgert. Ob daß einer, der den „Faust", „Tasso", „Iphigenie" geschrieben, so *) „Aus dem Lager der Goethe-Gegner." Bon Dr. M. Holzmann, B. Behr 1904. Berlin.