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Die Wahrheit · 1904-02-26 · Heft 9 (26.2.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit Serie h. Im Anhänge an diese theoretischen Definitionen mag jedoch ein Bersvie! angeführt weiden, in welch scharssinniger Weise Friedmann die schwierigsten dunkelsten Stellen der Propheten streng historisch löst und begründet. Dies hat er beispielsweise in seiner berühmten Schrift „Sstubabel, Erläuterung der Weissagung „Siehe, es gelingt meinem Knechte (>-T3y run) Jes. 52, 13 und 53", (Wien, 1890) getan. Er hat darin, wie noch niemand vor ihm, nachgewiesen, wie alle die königstreuen Propheten keine größere Hoffnung für Israel als die Wiederherstellung des Davidischen Thrones hegten. Friedmann hat im Vorworte vom Messianismus, dem Davidsreiche geurteilt: „Von Uebel war dieses künstliche Wahngebilde; es hatte die Köpfe verwirrt und die Gemüter gefangen gehalten, noch lange, nachdem das Makkabäerreich zerstört worden war. Die schönsten Denkmäler in der heiligen Schrift, von der Kultur und der Geschichte unserer Vorfahren wurden entstellt, weil man darin ein Zukunftsgebilde zu sehen glaubte. Es erging unseren Exegeten, wie dem naiven Manne, der die Fragmente eines uralten Baues in ferner Höhe sieht und sich den Kopf zerbricht, was für Gebäude man hier aufzuführen beabsichtige. Solche Fragmente eines alten Baues liegen hier vor; ob es mir gelungen ist, zu erkennen, welche Bewandtnis es mit diesem Ban hatte, bleibt dem Leser überlassen. Es genügt mir, fremden Gemütern gesagt zu haben: „Hier soll gar nichts gebaut werden, es sind nur die Ueberbleibsel eines alten Gebäudes." Diese so merkwürdige Abhandlung, ein Beweis von außerordentlichem Scharfsinne, die reifste Frucht seines Denkens, kennzeichnet Friedmanns hohe Geistesrichtung, sein Streben nach Wahrheit und Aufklärung. F r i e d m a n n zeigt, daß die zitierte Weissagung nichts mit der messianischen Idee zu tun hat, sondern die poetische, streng wahrheitsgetreue Darstellung der den Zeitgenossen bekannten Schicksale von Sstubabel ist, welcher den Grundstein zum Baue des Tempels zu Jernsalem unter Cyrus, als dessen Statthalter, der einzige Erbe aus dem Hause Davids, legte. Die merkwürdigen Lebensereignisse dieses Daviden werden aus mosaikartigen Bruchstücken und Andeutungen, vornehmlich der späteren Propheten, zu einem lebensvollen Bilde vereint und erklärt. Fried mann, der Meister und Kenner des jüdischen Schrifttums hat einfach und schlicht — man muß sagen zu bescheiden — gezeigt, wie unsere alten Propheten als Prediger ihrer Zeit von den Anschauungen der Tagesgeschichte erfüllt waren, und aktuelle Ereignisse erklärten, wobei sie in den trüben Zeiten des nationalen Niederganges Mahn- und Trostworte spendeten. Unsere Propheten waren allezeit pnLi norrn wss, „Propheten der Wahrheit und des Rechtes". __ E. M. Die Orgel beim jüdischen Gottesdienste. Herr Rabbiner Dr. Stier hat gegen die Einführung der Ritus der Neuen Synagoge für die im Bau begriffene Synagoge Rykestraße prinzipiell nichts einzuwenden. „Die Gemeinde errichtet," so schreibt er weiter, „seit ungefähr einem Jahrzehnt die dritte Synagoge. Vor dieser Zeit war der alte Ritus, da er in zwei von den damals bestehenden drei Synagogen eingeführt war, vorherrschend. Da durch den Bau der Synagogen Linden- und Lützowstraße und Einführung des neuen Ritus sich das Verhältnis zu ungunsten des alten Ritus verschoben hat, halte ich es für gerechtfertigt, dem Wunsche des nicht unbeträchtlichen, konservativ gerichteten Teils unserer Gemeinde entgegenzukommen und für die im Ban befindliche Synagoge den Ritus der Synagoge Kaiserstraße zu empfehlen. Die Antwort auf die Frage: ob mit oder ohne Orgel, müsse von den Anschauungen jener abhängig gemacht werden, auf deren Besuch dort gerechnet wird. Ich habe zu wenig Fühlung mit den .Glaubensbrüdern jenes Viertels und kann darüber nicht entscheiden." Herr Rabbiner Dr. Weiße hält es vor allem wünschenswert, daß man die religösen Empfindungen derjenigen berücksichtige, für die die neue Synagoge in erster Linie bestimmt ist. „In einer Zeit, wo die religiöse Neigung überaus gering ist und vielleicht gerade deshalb die religiösen Gegensätze starke sind, muß sehr darauf geachtet werden, daß die religiösen Empfindungen nicht verletzt werden. Ich glaube, Ihre Anfrage so nufzufassen, daß Sie keine religionsgesetzliche Auseinandersetzung über den doch seit Jahrzehnten in der hiesigen Gemeinde eingeführten neuen Ritus und die Orgel wünschen, sondern nur die Meinung darüber hören wollen, welche religiösen Einrichtungen den rings um die Rykestraße wohnenden Glaubensgenossen am meisten entsprechen. Nach dem Eindruck, den ich durch meine hier gemachten Erfahrungen gewonnen habe, erscheint mir der Ritus der Kaiserstraße ohne Orgel als der religiösen Anschauung der meisten Bewohner dieser Gegend am ehesten entsprechend. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache bestätigt, daß alle in dieser Gegend befindlichen kleinen Synagogen sogar den Ritus unserer ältesten Synagoge beibehalten haben. Es ist vielleicht auch schon deshalb angemessen, den genannten Ritus einzuführen, da die Anhänger der Orgel keine religiösen Bedenken haben, eine Synagoge, in der die Orgel fehlt, zu besuchen, während die prinzipiellen Gegner der Orgel gegen deren Einführung religiöse Bedenken erheben, die sie vom Besuch eines mit diesem Instrument ausgestatteten Bethauses fernhalten würden. Es ist nicht zu verkennen, daß viele Vertreter dieser letzteren Ansfassung zu den regelmäßigen und treuesten Besuchern des Gottesdienstes gehören, und daß ihre Anschauung, besonders auch für die neue Synagoge, Berücksichtigung verdient. Schließlich möchte ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Orgel im Judentum nicht die Bedeutung verdient, die ihr rechts und links beigelegt wird. Sie ist ein äußeres Mittel zur Hebung des Gottesdienstes, das die einen für überaus wichtig und wirksam halten, während die anderen es aus religiösen und geschichtlichen Gründen ablehnen zu müssen glauben. Das Niveau der religiösen und liberalen Gesinnung kann keineswegs nach der Neigung oder Abneigung der Einrichtung der Orgel gegenüber beurteilt werden." Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher befürwortet aus Grund eigener religiöser Ueberzeugung den Ritus der Kaiserstraße. „Das daselbst eingeführte Gebetbuch ist dasjenige, das seit vielen Geschlechtern in den deutschen und polnischen Gemeinden im allgemeinen Gebrauch ist, insbesondere auch derjenigen, auf welche die Synagoge als auf ihren festen Stamm wird zu rechnen haben. Aber auch die selteneren Besucher sind aus dem Elternhause, dem Religionsunterricht, dem Gottesdienst ihrer Jugendzeit mit ihm vertraut und es ist mit seinen Gebeten und seinen Erinnerungen in jeder Beziehung geeignet, sie zur Andacht und zur verständnisvollen.Teilnahme am Gottesdienst zu führen. Ferner empfehle ich ganz analog dem Ritus der Kaiserstraße die Weglassung einer Orgel. Die religiösen Gründe, die gegen ihre Verwendung in der Synagoge seit jeher geltend gemacht wurden, sind die Tatsache, daß sie seit Jahrhunderten als eine spezifische Einrichtung der christlichen Kirche gilt und daß an Sabbath und Feiertagen das Spielen musikalischer Instrumente überhaupt unterbleiben soll. Tie Berechtigung dieser religösen Gründe ist von anderer Seite bestritten und die Orgel ist in vielen Gemeinden eingesührr worden. Aber sie hat nicht aufgehört, eine Streitfrage der Parteien zu bleiben. Sie hat vielfach zu heftigen Kämpfen und Spaltungen geführt und in den meisten Orten, in denen sie eingeführt ist, haben sich nicht nur die alten Synagogen ohne Orgel erhalten, sondern es sind auch, einem vielfach vorhandenen Bedürfnis entsprechend, neue, neben und nach ihnen, errichtet worden. Und diese bilden auch in den großen Gemeinden die Mehrzahl und haben in der Regel die meisten Besucher. Die religiöse Richtung, der ich angehöre, die von dem Seminardirektor Dr. Frankel in Breslau s. A. begründete historische Schule, hält es nicht für gerechtfertigt, daß, wie es von orthodoxer Seite geschehen ist, die Teilnahme am Gottesdienst in einer Orgelsynagoge verweigert

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