Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Die Wahrheit . . _. _;_, Nr. 9 welchen in ergreifender Weise patriotische Gebete für den Sieg der russischen Waffen, für das Wohl des Czaren und seiner Familie verrichtet wurden. Das zweite Telegramm berichtete: Eine der ersten Taten des Kommandierenden Alexejew bestand darin, daß er aus der Stadt, die er bezog, die Juden austreiben ließ . . . Arme, russische Juden! Sie lieben trotz alledem und alledem das Land, in dem sie leben, dessen Erde die Gräber ihrer Eltern birgt, wo die Wiege ihrer Kinder stand, und man lohnt ihre Vaterlandsliebe mit grausamem Haß, mit unmenschlicher Verfolgung! Professor Adolf Karnak und Lektor M. Friedman«. Der berühmte freisinnige, evangelische Kirchenlehrer Professor Adolf Harnak in Berlin hat soeben seine „Red en und Aussätze" (Gießen, I. Rickerffche Verlagsbuchhandlung 1904) erscheinen lassen. Es gibt kein glänzenderes Zeugnis für seine vorurteilsfreie Welt- und Menschenanschauung als die großzügig konzipierte Rektoratsrede, welche er am 15. Oktober 1900 an der Berliner Universität gehalten hat, und an deren Schluß hat er, an die Studenten gewendet, das wissenschaftlich größte Wort geprägt: „Der Dienst der Wahrheit ist Gottesdienst, und in diesem Sinne sollen Sie ihn treiben." Gegenüber einem so hohen Meister des Denkens und des Forschens soll nun eine Ansicht ausgesprochen und begründet werden, die nicht mit seiner Anschauung übereinftimmt. Der erste Aussatz im ersten Bande dieses epochalen Werkes enthält einen Vortrag „Legenden als Geschichtsquellen'. In geistvoller Weise erzählt er, wie Legenden geformt und gemodelt werden, und daß ihnen immer, sei es in der profanen, sei es in der Kirchengeschichte, eine tendenziöse Absicht unterliegt, die mit tendenziösem Inhalte erfüllt wird. An die Geschichte wird die Legende geknüpft. Hieran schließt Harnak (Seite 11 und 12) folgende Bemerkung: „Vor allem ist es die religiöse Ueberlieferung der Nationen, welche dieser Art von Geschichtsbetrachtung nicht entbehren kann. Dies zeigt sich sogar bei den polytheistischen Völkern, aber in ungleich kräftigerer Weise bei den monotheistischen. Die Ueberzeugung, daß ein Gott sei und daß dieser Gott die Geschichte leitet, fordert eine einheitliche Betrachtung der Weltgeschichte; ja man kann geradezu sagen: daß wir an eine Weltgeschichte glauben und eine einheitliche Weltgeschichte zu schreiben versuchen, ist eine Folge des Monotheismus. Zu den ältesten Weltgeschichtsschreibern gehören die a l t t e st a m e n t l i ch e n P r o p h e 1 e n. Aber während ihr Auge gen Himmel schaute, schrieb ihre Feder kindliche Züge. In all den großen geschichtlichen Konzeptionen religiöser Art von den Geschichtsbildern der ältesten jüdischen Propheten ab bis zu jenem „teste David cum Sibylla“ steckt mehr Vernunft, als die Schulweisheit sich träumen läßt. Sie sind als g e s ch i ch t l i ch e B e r i ch t e kindisch und unwahr, aber gewaltig und wahrhaftig als Ausdruck des Urteils über den Gang der Geschichte und als Anweisung, wie man sich zu ihr zu stellen hat. Hier offenbart sich die Legende in ihrer ganzen Macht; denn indem sie die Geschichte deutet und durch erschütternde Propheten diese Deutung den Zeitgenossen einprägt, wird sie selbst ein wirksames Element in der Geschichte, wirft sie sich dem Strom des gemeinen Geschehens entgegen, sucht ihn auszuhalten oder in neue Bahnen zu leiten. Der Prophet, der die Niederlage Israels als Züchtigung deutet, der sich Assur oder Babel entgegenstemmt, weil er an ihren definitiven Sieg trotz des Augenscheines nicht glaubt, ermutigt und rettet durch seine paradoxe Gesch'ichtsd e u t u n g sein Volk. Er bricht die Macht der Geschichte durch die Macht der Legende. Man sagt wohl, solche Geschichtsdeutung sei subjeküv. Als ob es überhaupt eine lehrreiche Geschichtsschreibung geben könnte, die nicht subjektiv wäre. Nur dem sehenden Auge und dem Urteilenden Geiste erschließt sich die Geschichte" H a r n a k, ein so klardenkender Forscher, der so formvollendet eine Rede gehalten, wie die „Zur gegenwärtigen Lage des Protestantismus" (Band 2, S. 131), in der er die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung verficht, oder, um mit dem Worte unserer österreichischen Staatsgrundgesetze zu sprechen, „Die Wissenschaft und ihre Lehren sind frei", ein solcher Forscher wird auch eine andere Meinung zugeben. Nein, unsere Propheten haben keine Legenden erzählt. Sie haben nur die Tatsachen der Geschichte mit poetischen Worten aber streng wahrheitsgetreu geschmückt. Seit mehreren Jahren liest Herr Lektor Friedmann im Wiener Beth- Hamidrasch über ..Die Könige und die zeitgenössischen Propheten". In klarer, durchsichtiger Weise erklärt er Satz für Satz, Wort für Wort der Propheten und weist mit stutzender Gelehrsamkeit infolge seiner riesigen Belesenheit in den hebräischen Schristen von den Zeiten Esras bis zur Zeit nach Abfassung des babylonischen Talmuds nach, daß sämtlichen Schilderungen der Propheten stets historische Ereignisse zu Grunde liegen, die als den Zeitgenossen bekannt, nur erwähnt zu werden brauchen und keiner Begründung bedürfen, um von denselben sofort verstanden zu werden. Was sie erzählen, sind keine Legenden, sondern wahre historische Tatsachen. Das Judentum der Bibel kellnt auch nicht den Begriff der Legende, sondern nur den der Tradition, wie dieser auch später sich erhalten und erweitert hat. F r i e dm a n n veröffentlichte im Jahre 1893 in diesen Blättern eine glänzend geschriebene Abhandlung „Zur Geschichte der Traditionen". Es sei hieraus die Einteilung der Traditionen hervorgehoben, wie sie F r i e d m a n n zum erstenmale vorgenommen hat, und die zugleich die Genesis der Traditionsbildung klar und durchsichtig beleuchtet. F r i e d m a n n schreibt: „Betrachten wir nun die jüdische Lehre, so läßt sich auch hier, oberflächlich genommen, von einer vierfachen Tradition sprechen. Nennen wir zuerst die historischen Tatsachen, welche die heilige Schrift nicht meldet, die jedoch eine Basis der religiösen Praxis bilden und für uralt und gleichen Ursprungs mit dem schriftlichen Gesetze gelten. Als Beispiel diene die Annahme, daß der erste Tischri der letzte Schöpfungstag gewesen, an welchem der Mensch als letztes Schöpfungswerk ins Dasein gerufen worden; ferner, daß schon Moses die Neumondsweihe, Kidusch-ha-Chodesch, wie auch die Einführung des Schaltjahres zum Ausgleich des Sonnenmit dem Mondjahre vorgenommen hatte. Hiezu gehören auch die vielen Tatsachen, die von Agadisten erzählt werden, von denen die Schrift nichts erwähnt, wie z. B. aus dem Leben Abrahams in Ur-Kasdim, aus dem Leben Moses nach seiner Flucht aus Aegypten, und ähnliches mehr. Ferner Erzählungen von frommen Männern, die gleiches wie die Propheten Eliah und Elischa an Wunderwerken vollbracht hatten, welche Männer aber nach Abschluß der heiligen Schrift gelebt haben. Als dogmatis che Tradition muß die Lehre von der Auferstehung der Toten, wie überhaupt das ganze Gebiet der Eschatologie bezeichnet werden, welch letzteres die Schrift mit Schweigen übergeht. Als rituelle Tradition gelten unsere üblichen Riten überhaupt. Unser ganzer Synagogenritus, wie auch der größte Teil der Speisegesetze beruhen auf Tradition. Endlich in Bezug auf die hermeneutische Tradition braucht man nur die Hermeneutik des Talmud und Midrasch zu nennen, die sieben Regeln des Hillel, die dreizehn des Rabbi Jsmael und die zweiunddreißig des Rabbi Elieser bar Rabbi Jassi-Haglili; fast alle diese Regeln haben traditionellen Ursprung und Charakter. Ob diese Traditionen der Schrift an die Seite gestellt werden können, bildet einen Streitstoff der jüdischen Gelehrten. Vieles wird allgemein als rabbinisch anerkannt und ist der Schrift nicht an die Seite zu setzen; hiezu gehört vorzüglich alles das, was nach Abschluß der Schrift von dem Sophrim, später von den Rabbinen eingeführt wurde."