Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 8. Berlin. Das Konzert, welches die „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland" anläßlich des 100. Geburtstages Salomon Sulzers am 6. März zu veranstalten gedachte, findet erst am 24. April statt. Lodz. Mit Rücksicht auf das Gesuch einiger zum Christentum übergetretener Juden, aus ihren Pässen die Bemerkung „vom jüdischen Glauben ausgetreten" auszuschließen, ist, wie die Blätter meiden, vom Dirigierenden Senat, an den sich die Betreffenden infolge der Ablehnung ihres Gesuches wandten, konstatiert worden, daß in den den Konvertiten verabfolgten Päffen ibre frühere Religion angeführt werden müsse, da die geistlichen Konsistorien nach Vollziehung der Taufe eines Juden verpflichtet sind, die örtliche Gouvernements-Obrigkeit oder diejenige Behörde, von der der vorgeschriebene Attest für den Uebertritt zur Orthodoxie erteilt worden, davon zu dem Zweck zu benachrichtigen, damit er in dem Stande verzeichnet werde, welchem er nach feinem Uebertritt angehört, und unter dem Namen, den er bei der Taufe erhalten. Feuilleton. Königin Esther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Mit einem ungemein zärtlichen Blicke wandte sich nun Mordechai Rosl zu, die noch immer an Esthers Seite saß: „Fräulein Rosl, was sagen Sie zu dem Bündnisse, das Mayer und Eduard geschlossen? Soll nicht durch diese Allianz eine Festung erobert werden, die durchaus nicht gewillt ist, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben?" Rosl errötete noch mehr, aber ermutigt durch Esthers Blick begann sie: „Die Garde stirbt, aber ergibt sich nicht, da müssen noch ganz andere Verbündete kommen, als jene Beiden, um ein Herz zu erobern, das nicht ihnen, sondern einem ganz anderen gehört. Fürchtet nicht, Mordechai, durch Tücke wurde noch nie ein gutes Herz gewonnen, Liebe wurde noch nie durch Bosheit besiegt; nicht die Falschheit, die Treue wird aus diesem Kampfe siegreich hervorgehen, wenn nur die Kämpfer standhaft bleiben; ich bleibe standhaft!" Also sprach Rosl und ihr leuchtendes Auge war auf Mordechai gerichtet. Er verstand Rosls Worte und sagte: „Ich dürfte nicht Mordechai heißen, wenn ich nicht aushielte in diesem Kampfe. Nehmen Sie mich als Bundesgenossen, ich will von Ihrer Seite nicht weichen!" „Aber im Kampfe ist auch die Schlauheit immer eine sehr erwünschte Bundesgenossin gewesen, so nehmet mich als Dritte in Eueren Bund auf," fügte Esther hinzu: Ihr könnt auf mich vertrauen, ich werde Euch nicht verlassen. . Rosl, du bist mein Kind, ich habe dich erzogen, und ich will dir die Mutter ersetzen in diesem schweren Kampfe, der dir nun bevorsteht. Es soll sich wieder zeigen, wer stärker ist, der treue Sinn oder die falsche Tücke, die schon soviel -Unheil angerichtet hat, besonders in unserem Ghetto, wenn es galt, Menschenherzen zu vereinigen. Das hohle Geschwätz soll nicht über die aufrichtige Gesinnung siegen." ..Ach, da finde ich ja alles beinander, was unsere Gasse an Schönheit, und Jugend und Geist aufweist!" Diese Worte kamen aus dem Munde eines jungen Mannes, der raschen Schrittes Esthers gute Stube betrat. „Seid mir alle gegrüßt, vor allem Sie, Esther, guter Genius unserer Gasse, und Sie, Rosl, Licht und Schönheit des Ghettos, Holdeste der Huldinnen, und Sie, Mordechai, Lehrer der Jugend, Vorbeter und Verkündiger des Gotteswortes, und Ihr alle, Ihr Schönen, die Ihr Euch hier sammelt, wie die Sterne um die Sonne. Es wäre in der langweiligen Gasse wahrlich nicht auszuhalten, wenn dieser Zirkel hier nicht wäre. Bildung und Schönheit, hier sind sie vereinigt, man erinnert sich an Rachels und Henriette Herzens Salons, die Ihnen allen bekannt sein dürften. So nehmet auch mich in Eueren Kreis auf, Ihr sollt wahrlich keinem Unwürdigen Gastfreundschaft geboten haben. Seid mir nochmals herzlichst begrüßt!" Es war Eduard, Keles Sohn, der zukünftige Doktor, der sich mit diesem Wortschwall einführte, während er betäubenden Ambraduft rings um sich verbreitete. Schön gekräuselt war sein Haar, und sein Anzug nach dem neuesten Schnitte. Seine Hemdbrust leuchtete im weißen Glanze, und seine Kravatte war nach neuester Mode gebunden. Er bestrebte sich, immer poetisch zu sprechen, denn er meinte damit der literarisch veranlagten Esther besonders zu gefallen. Diese aber hatte sich von ihrem Sitze erhoben, und indem sie mit unnachahmlicher Grazie Eduard die Hand reichte, sprach sie, lächelnd im Kreise umblickend: „In meinem Hause ist jeder willkommen, der hier nichts anderes sucht, als Anregung für Geist und Herz. Ich bin keine Rachel, dazu fehlt es mir an deren Geist, und keine Henriette Herz, dazu fehlt es mir an deren Schönheit. Einen Heine haben wir hier auch nicht, es sei denn, daß Sie, lieber Eduard, heimlich Gedichte machen, die vielleicht einmal denen Heines an die Seite gestellt werden. Dichten Sie wirklich? Sagen Sie es, keiner und keine von uns sollen es verraten." Ein leises Kichern wurde in einem Winkel der Stube hörbar. Mordechai wollte gehen, die Stunde des Gebetes sei gekommen. Eduard aber überschaute den ganzen Kreis, und auf Esthers Frage eingehend, sagte er mit selbstgefälligem Lächeln: „Gedichte, wer macht diese heute nicht, wer würde sein liebevolles Herz nicht ausströmen lassen in poetischen Ergüssen? Doch, was die holde Muse im stillen Kämmerlein erdacht und erdichtet, es bleibe hier verschlossen. Kein profanes Auge soll es sehen, kein vorlauter Mund es sagen, kein unberufenes Ohr es hören. Meines Herzens Sehnen, das ich in Worte gebracht, sei nur der Einen, der Holden geweiht." Also schwätzte Eduard weiter, und sein Auge ruhte dabei unwillkürlich zum Lachen reizend auf Rosl. Wer es nicht wußte, der mußte es jetzt erkennen, sie war die Angebetete dieses Liebe girrenden Seladons. ..Bewahren Sie nur," begann sie leise und schüchtern, „getreulich auf, was Sie in stillen Stunden gedichtet. Die böse Welt könnte es verhöhnen und verunheiligen." „Für alles kommt seine Zeit," spöttelte Esther, ..auch für die Veröffentlichung von Liebesgedichten." Und dabei dachte sie sich: Der ist kein schwer zu besiegender Gegner. Kannst ruhig und getrost sein, liebe Rosl, diesen Ritter werfen wir in den Staub und schreiten triumphierend über ihn hinweg. Wo ist Mayers Verstand geblieben? Er ist ihm wohl mit dem Magen durchgegangen. Und nochmals wandte sie sich an Eduard, der inzwischen sich an Rosls Seite geschoben und mit selbstgefälligen Worten sie bestürmte: „Gemach, Herr Eduard, lassen Sie uns noch ein wenig unsere Rosl, was später kommen wird, wissen wir nicht, aber jetzt gehört sie noch uns. Erzählen Sie uns ein wenig von der großen Stadt, in der Sie studieren" — dabei lächelte die Schlaue spöttisch — „und was Sie studieren, wann Sie Doktor werden wollen, und was Sie sonst noch Interessantes wissen." Eduard, in dieser unliebsamen Weise gestört, begann etwas gezwungen: „Sie, liebe Esther, treffen doch immer das Richtige. Was immer in der Zukunft Schoße liegt, wissen wir schwachen Menschenkinder nicht," — dabei warf er einen seiner süßlich-zärtlichen Blicke, die ihn so überaus naiv erscheinen ließen, auf Rosl. — „Auch ich hoffe zuversichtlich auf mein Glück, doch die schwarzen und die heiteren Lose, sie liegen noch im Zeitenschoße." „So ungefähr sagt ein gewisser Schiller," warf Esther ein, der das Gerede Eduards doch etwas zu bunt und langweilig wurde. Bis jetzt hatte dieser Doktor der Zukunft nnr von sich gesprochen, von seinen Dichtungen, seiner Hoffnung. Mordechai hatte diesem Wortturnier lächelnd zugehört, er sagte sich, diesen Haman müsse er nicht fürchten. Mit dem nahm er es noch auf. Und ihm stand die kluge Esther zur Seite. (Fortsetzung folgt.)