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Die Wahrheit · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8. Nr. 8. H ' . .1 t .. t: " .... . ‘ - -Ä'l-' * H- Die Wahrheit Cs »st erreicht! Ein Phantasiebild von Adolf Steinschneider. Man zählt das Jahr 1910. „Das unheilvolle, judenliberale neunzehnte Jahrhundert ist in den Orkus hinabgesuuken, und strahlend ist am Firmamente das Gestirn des christlich befreienden, antisemitischen zwanzigsten Jahrhunderts aufgestiegen." Herr Johannes Hartkopf, ehrsamer Gärber und Gemeinderat der Stadt Wien, wendet sich mit diesen dithyrambischen Worten an einen nahen Verwandten, welcher seit mehr als 25 Jahren in Amerika ansäßig, nun gekommen ist, um seine Vaterstadt wiederzusehen, und bei Harlkopf gastliche Aufnahme gefunden hat. Enthusiastisch fährt letzterer fort: „Uns ist großes Heil widerfahren, zerbrocken sind die Fesseln, frei sind wir geworoen von der verhaßten Rasse, die uns so lange unterdrückt und ausgesogen hat. Wien ist judenrein geworden, ihr Anblick beleidigt unsere Augen nicht mehr." „Wo sind sie denn hingekommen?' fragte der Gast. „Die Reichen sind nach London. Paris oder Roni überfiedelt, manche auch nach Budapest, und die Armen wurden mit den Mitteln ihrer Glaubensgenossen Rothschild, Hirsch und anderer nach Palästma oder nach Argentinien verpflanzt, wo sie in Gesellschaft der aus Rußland und Rumänien ausgewanderten Juden Kolonien bilden. Wohl gab es herzzerreißende Szenen, wenn nach der vom Reichsrate beschlossenen Austreibung die zahlreichen Famili.n, Männer, Weiber und Kinder, in die weite Ferne ziehen und Hab und Gur zurücklassen mußten, aber das muß ich sagen, und die Weltgeschichte wird uns das Zeugnis nicht versagen, daß wir mit aller Humanität vorgingen, daß wir menschlich handelten, daß wir nicht nachahmten das Beispiel, welches vor einigen Jahren die russischen Antisemiten gaben durch Niedermetzelung und Abschlachtung von hunderten von Juden. Nicht eine Mordtat wurde begangen. Keinem Einzigen wurde ein Haargekrümmt. Wohl nahmen wir ihnen all die Habe weg, welche sie durch Ausbeutung und durch Bewucherung der Christen erworben hatten, aber das war doch unser Recht!" .Und seid Ihr glücklich?" fragte der Gast weiter, „blühen seitdem Euere Gewerbe und Geschäfte? .Noch," war die Antwort, „haben sich die heilsamen Folgen nicht eingestellt, eher ist momentan eine gewisse Stagnation eingetreten, aber es ist nur eine Uebergangsperiode, wir ertragen sie geduldig, der erhabene Gedanke an das, was wir errungen haben, verleiht uns Standhaftigkeit, bessere Zeiten zu erwarten. Wir hatten einen langen, schweren, zähen Kampf zu bestehen, unsere Bestrebungen wurden beschimpft, verdächtigt, verächtlich gemacht, wir hatten als Widersacher nicht nur die Judenmeute und ihre Presse, sondern auch jene romantischen Schwärmer, welche an den Vorurteilen und hohlen Phrasen des Jahres 1848, an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit festhielten, an diesen Worten leeren Schalls, welche nur den Juden Vorteil, den Christen aber Bedrängnis brachten. Nach und nach ist es endlich gelungen, durch unsere Beharrlichkeit der heiligen Sache zum Siege zu verhelfen und die gesamte Bevölkerung für uns und unsere Ideen zu gewinnen. Bei allen Wahlen in den Gemeinderat und andere Vetretungskörper siegten unsere Parteigenossen, so daß nicht nur die Abgeordneten dieser Richtung die Majorität haben, sondern auch Männer unseres Sinnes im Rate der Krone sitzen. So ist es dahin gekommen, die so schädlichen Staatsgrundgesetze zu unseren Gunsten mit Zweidrittel- Mehrheit abzuschaffen und die Vertreibung der Juden aus Wien zu dekretieren." „Wer sind denn die jetzigen Minister?" „C, lauter bewährte, erprobte Gesinnungsgenossen. Dr. Lueger, gesegnet sei sein Name," wobei er den Hut lüftete, „ist Minister des Aeußercn, da kann er nach Herzenslust an Ungarn, dem Judenlande, sein Mütchen kühlen, und er hat es durchgesetzt, daß jeder Jude aus Ungarn, der die österreichische Grenze überschreitet, mit einem Täfelchen auf der Brust kenntlich gemacht sei. Außerdem steht er im diplomatischen Verkehre mit Rußland und Rumänien, um sich genau über die Methode zu informieren, nach welcher man die Juden auch aus allen österreichischen Provinzen austreiben könne. Kultusminister ist Pater Scheicher, um alle Schulen Oesterreichs, auch die Hochschulen, christlich religiös umzugestalten. Geßmann ist Minister des Innern, um die Landesbehörden im klerikalen Sinne zu dirigieren. Kriegsminister ist Dr. Pattai, der in früheren Jahren eine Lobeshymne auf den Krieg ausbrachte. Für Ehren-Schneider ist eine neue Würde geschaffen worden, wie sie in England besteht, er ist Großsiegelbewahrer, da er für Siegel und Stampiglien und außerdem für Anfsuchen von Ritualmorden so viel Talent bewiesen hat. Du siehst, es ist alles in guten Händen." „Wie stehts mit dem Nationalitätenstreit?" „Der wütet noch immer in gleicher Stärke wie früher. Es ist der Kamps Aller gegen Alle. Im Reichsrate werden wahre Schlachten geliefert. Man geht daran, aus England Meister der Boxkunst zu bestellen, um für die Argumente schlagende Beweise zu schaffen. Jede der Nationen zerfällt in mehrere Fraktionen die sich untereinander herumstreiten. Nur eines ist für uns von großem Werte: im Judenhasse sind sie alle einig, manche offen, manche versteckt." „Ich möchte nun," sprach der Fremde, „eine Wanderung durch die Stadt machen, die ich so lange Jahre nicht gesehn, um die Veränderung anzuschauen, die das jetzige System hervorgehracht hat." ..Gerne", sagte Herr Hartkopf, und sie machten sich auf den Weg. Sie durchschritten meurere Straßen und fanden beinahe an jedem Haustore Vermietungsanzeigen. „Warum", fragte der Gast, „gibt es denn so viele leerstehende Wohnungen?" „Das sind alle jenen, in welchen Juden gewohnt haben, mehr als 20.000. Sie kamen auf den Franz Josefs-Quai und in die anstoßenden Straßen. Hier waren wieder die meisten Gewölbe gesperrt, nur hie und da eine Schusterwerkstätte oder ein Greißlerladen. „Also auch diese Lokale leerstehend? fragte der Fremde. „Ja, auch da hausten die Juden. Einige Heißsporne im Gemeinderate beantragten, sie niederzubrennen, um das zurückgebliebene Contaginm zu zerstören und neu herzustellen. Doch der jetzige Herr Bürgermeister bemerkte, daß die Finanzen der Stadt es nicht erlauben, doch werde er veranlassen, daß sie desinfiziert werden. Schon sind auch Aufforderungen nach Belgien, dem gutkatholischen Lande, gerichtet worden, um dortige Kapitalisten dafür zu gewinnen, geschäftliche Ansiedlungen hier zu gründen." Sie gelangten auf den Schottenring bis zur Börse, deren Tore geschlossen waren. Auf die Frage des Gastes sagte Herr Hartkopf: „Diese Gifthütte, wie sie ein preußischer Minister einst nannte, wurde gleich beim Beginne unserer Aera geschlossen. Die Juden, welche Tag für Tag um Millionen hier spielten, sind in alle vier Winde zerstoben." „Und was machen die großen Banken, die doch ohne Börse keine Geschäfte betreiben können." „Auch diese, von wucherischen Juden geleitet, sind hinweggefegt worden und haben sich nach Budapest hingezogen, wo sie ihr Ausbeutesystem fortsetzen können. Hingegen hat sich hier eine katholische Bank etabliert, geleitet von Prälaten und dem hohen Klerus, welche nur christliche Bankgeschäfte betreiben." Ihr Weg führte sie zum Stefansplatze: Da kam eine große Anzahl anscheinend den besseren Ständen angehöriger Männer aus der Kirche, welche mit Gebetbüchern versehen waren. „Das sind" erklärte Herr Hartkops, ..lauter Staatsbeamte, die durch die jetzigen Gesetze verpflichtet sind, täglich vor Beginn der Amtsstunden die Frühmesse zu hören, und jener Mann dort, der die Kirchentüren schließt, das ist ein Volksschullehrer, welcher Meßnerdienste verrichtet, da nach dem seit zwei Jahren wieder hergestellten Konkordat die Lehrer zu diesen ihren früheren \ Funktionen wieder herangezogen wurden."

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