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Die Wahrheit · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8. Die Wahrheit kraftlos; alle Freuden waren ihm genommen und aller Jubel war verstummt — „freue dich nicht, wie sich die Völker freuen", das ist der Grundgedanke geworden, der alles öffentliche und private Leben beherrscht. Des Mittelpunktes beraubt,' zerstreut in allen Landen, allenthalben eine schwache Minorität bildend, fehlten auch die materiellen Mittel, die die Pflege der Musik und Kunst heischt. So entwickelte sich jener eigenartige Zustand, der für das jüdische Gotteshaus während des Mittelalters charakteristisch, wurde, der es zur ..Judenschule" machte. Das Bethaus war Lehrhaus und Verfammlungsstätte zugleich für alle öffentlichen Gemeiuveangelegenheiten; man beriet und stritt im Gotteshause, und betete man, dann klagte die Not und schrie der Schmerz. Das ist das Gepräge des mittelalterlichen Gottesdienstes in Israels Gotteshäusern. Länger als die Weltgeschichte die Grenzen des Mittelalters zieht, dauerte es für Israel. Erst mit der Mendelssohn'schen Zeit beginnen die mittelalterlichen Schatten zu schwinden. Mit dem Eintritte der Juden in das .Kulturleben erwachte auch naturgemäß der Wunsch, geordnete Verhältnisse in die Synagoge hineinzutragen und die Andacht durch gefälligere Formen zu fördern. Dieser Wunsch schuf die Orgelfrage. Man ist namentlich in strengorthodoxen Kreisen gerne geneigt, die Einführung der Orgel auf das Streben der sogenannten Reformer zurückzuführen, der Synagoge ein christlich-kirchliches Gepräge zu geben. Israel den Christen gleich zu machen — Irrtum ist's und völlige Verkennung des Sachverhaltes! Man mag sich zur Richtung des fei. Geiger stellen, wie man wolle; man mag sich noch so ablehnend gegen einzelnes, was er angestrebt hat, verhalten — — eine Vorliebe fürs Christentum wird ihm keiner zuschreibeu dürfen! Denn wie keiner hat er, ein rüstiger Kämpfer, mit feinem wissenschaftlichen Rüstzeug dem Christentum die tiefsten Wunden beigebracht, weswegen er auch der von christlicher I Seite bestgehaßte jüdische Theologe war. Die Orgel kam in die Synagoge, weil in den Vertretern jener Zeit einerseits das Streben erwachte, alles, was geeignet erschien, in den Angen der Nichtjuden Spott und Hohn zu erwecken, aus dem Gotteshause zu bannen und dem Gottesdienste mehr Würde und Weihe zu verleihen; andererseits aber sollte der Kultus zum Mitträger der Kultur werden, der Lebensfülle und Lebenskraft der Zeit sollte die Erkennntnis und Schönheit des Heiligtums an die Seite gestellt werden, Leben und Gotteshaus sollten in Israel sich nicht feindlich gegenüberstehen, sondern eins sein! Und diese Gesichtspunkte sind für unsere Frage auch heute noch maßgebend! Von diesen Gesichtspunkten aus begreifen wir es, daß die Orgel in den Gotteshäusern der bedeutendsten Gemeinden unseres engeren und weiteren Vaterlandes unentbehrlich geworden ist, sowie daß selbst strengkonservative Gemeinden, wie Lissa und Krotoschin, Ratibor und Beuchen, die Orgel in ihrem Gotteshause einzuführen planen; von diesen Gesichtspunkten ans verstehen wir es, wenn auch gut konservative Rabbiner, wie Werner in München, Kroner in Stuttgart, Prager in Kassel, die anfänglich sich ablehnend gegen die Orgel verhielten, diese Opposition aufgaben und allmählich die Bedeutung der Orgel für die Synagoge würdigen lernten. Und wer nur einigemale an dem Gottesdienste in unserer Kaiserstraßen- Synagoge teilgenommen hat, — wer da weiß, welche Liebe und Anhänglichheit, für die ich nicht genug zu danken vermag, von Seiten des Publikums jener Synagoge mir entgegengebracht wird, der wird diese Ausführungen nicht als Ausfluß irgend einer Animosität hinstellen wollen! — Wer das Branden und Brausen des sich drängenden und brechenden Stimmengewirrs, das sich dort zuweilen bemerkbar macht, und das bald schüchterne, bald laute: Pst! St! eines Herrn Synagogenvorstehers und einzelner Synagogendiener gehört hat; wer, von menschlicher Teilnahme erfüllt, die Qual bemerkt hat, mit der mancher Kantor, ängstlich mit der Stimmgabel bewaffnet, den Ton für den nächsten Anfang sucht; wer da bemerkt, daß auch der Chor, lange ehe er in Aktion treten kann, zu , stimmen" genötigt ist: der wird von reiner Liebe zu unserem Gotteshause erfüllt und von dem Wunsche geleitet, alles, was die Andacht Seite 7. stört und schädigt, zu scheuchen, unserer Jugend, welcher gute Musik und guter Gesang integrierende Bestandteile einer guten Bildung geworden sind, das Gotteshaus lieb zu machen, zu dem Gedanken geführt: Hier täte eine Orgel not, die all diesen Ucbelständen Abhilfe leisten könnte! Aber noch ein anderes ist es, was für die Orgel spricht. Die Entwickelung unseres Gottesdienstes hat dahin geführt, daß eine Betätigung des Individuums, eine Anteilnahme von seiten der Gemeinde unmöglich geworden ist! Früher hat der Jude gebetet, laut gebetet und damit sich betätigt. Das laute Beten in der Synagoge geht nicht mehr an. Mit Recht! Jetzt aber hört er nur. Er hört Kantor oder Chor singen, den Thoravorleser den Abschnitt aus der Schrift vorlesen oder den Rabbiner predigen. Der Synagogenbesucher aber bleibt völlig passiv und, da er auch nicht mehr so viel beten kann, beten will, wie dieses die Alten taten, nimmt er gern jede Gelegenheit zur Unterhaltung mit dem Nachbar wahr. Diesem kann einzig und allein der Gemeindegesaug abhelfen; der Gemeindegesang aber kann sich nur dort einbürgern, wo die Orgel die vorlauten Stimmen zurückweist, die weniger angenehmen deckt und den weniger geschulten Elementen Anleitung zum Singen gibt. Man wende mir nicht ein: Die Einführung des Gemeindegesanges ist eine Utopie! Solcher Behauptung stelle ich die meine entgegen: Was in der kleinsten Dorfkirche möglich ist, muß auch bei uns möglich sein, nur müssen sich alle hierbei in Frage kommenden Faktoren vereinen und der Frage den erforderlichen Ernst und die erforderliche Selbstbeherrschung entgegenbringen. Aus' dem Gesagten ergibt sich für mich, daß gerade in der Synagoge, die in der Rykestraße gebaut wird, eine Orgel notwendig erscheint, umsomehr, als bisher das Publikum jener Stadtgegend seine Andacht das Jahr hindurch au Gebetsstätten verrichtet I hat, die die Ordnung zu fördern und dem Gottesdienst ein freundliches, unserem großstädtischen Leben angepaßtes Gepräge zu verleihen, in ihren Pflichtenkreis nicht zogen. Das aber ist die unabweisbare Pflicht unserer Gemeinde, die tonangebend und mustergiltig für Israels Gemeinden sein soll! Sollten in der dortigen Stadtgegend einzelne sich finden, die an einem Gottesdienst mit Orgel aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollten (nach meinem Dafürhalten dürften solche nur in geringer Zahl vorhanden sein), da der orthodoxe Teil unserer Gemeinde sich der Adaß-Jisroelgemeinde angeschlossen hat! Auch der Umstand, daß die gottesdienstlichen Veranstaltungen unserer Gemeinde zu den hohen Festtagen, die zum größten Teil den Orgelgottesgottesdienst ausgenommen haben, des ungeteilten Beifalls von seiten unserer Gemeindemitglieder sich erfreuen, bestätigt diese meine Ansicht; sollten aber dennoch einzelne an einem Orgelgottesdienst nicht teilnehmen wollen, so werden diese immer Gelegenheit finden, ihr religiöses Bedürfnis zu befriedigen; denn kleine Vereine werden innerhalb unserer Gemeinde stets bestehen, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie zu den hohen Feiertagen immer ihr Publikum finden werden und es andererseits nie an Elementen fehlen wird, welche selbst die alte Synagoge nicht befriedigen würde. 2. Betreffs des Ritus für die Rykestraßen-Synagoge kann ich mich kürzer fassen: Während es sich bei der Orgelfrage im besten Falle um Gewohnheit und Opportunität handelt, denn als rituell verboten erscheint auch unseren konservativen Gemeindemitgliedern die Orgel nicht, handelt es sich bei der Frage nach dem Ritus um gewisse Prinzipien, die nur denen, die sich im Suchen und Ringen um sie gemüht, verständlich sind, um Prinzipien, die aus ten Wehen trüber Zeiten geboren, im schweren Kampfe errungen worden sind — solche Prinzipien können und sollen nicht jenen, die ihnen ferne stehen, aufgedrängr werden! — es hieße schwere Kämpfe erneuern, denen man besser aus dem Wege geht! Darum halte ich den Gottesdienst, der sich in der Kaiserstraßen- Synagoge eingebürgert hat, einen Ritus, der auf altem Grunde steht, doch hier und da auch ein neueres Gepräge trägt, auch für die in der Rykestraße zu erbauende Synagoge am geeignetsten." (Fortsetzung folgt.)

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