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Die Wahrheit · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 8. Die Wahrheit daran erinnere, daß die Besitzergreifung von Palästina durch die Erwerbung der Höhle Machpela von feiten Abrahams erfolgt ist. Dieses patriarchalische Erdbegräbnis war also das Erste, von diesem patriarchalischen Friedhose hat die Geschichte des Volkes Israel ihren Anfang genommen . . . . Man müßte die jüdischen Friedhöfe kassieren und von Staatswegen diktieren, daß sich alle Juden nach ihrem Tode verbrennen lassen — das wäre vielleicht ein probates Mittel, das Judentum endgiltig aus der Welt zu schaffen, Aber solange jüdische Friedhöfe existieren, solange wird das Judentum immer von neuem erblühen, werden die jüdischen Gemeinden immer von neuem erstehen." Damals schrieb ich m meiner Erregung: Ich habe bisher mit Spinoza die Zirkumzision und den Sabbat für diejenigen Institutionen angesehen, deren Beobachtung den ewigen Bestand des Judentums verbürgt. Aber daß man die herkömmliche Beerdigung als ein Lebenselement des Judentums bezeichnen könne, davon hatte ich keine Ahnung. Ohne ein Anhänger der Leichenverbrennung zu sein, glaube ich aber nicht, daß das Judentum in den bei der Feuerbestattung aussteigenden Rauchwolken ersticken würde. Wenn wir die modernen jüdischen Friedhöfe betrachten, so glauben wir uns rein ins alte Egypten versetzt, überall erblickt man Steinpyramiden, Steinobelisken, Steinsärge, aber leider nirgends oder nur vereinzelt Hieroglyphen, denn Hieroglyphen sind die jüdischen Lettern in den Augen des modernen Juden. Ueberall sehen wir nur deutsche Inschriften, nur hie und da rauchen auf kleinen Denksteinen hebräische Inschriften auf. Ja, die Todten erhalten das moderne Judentum! Nur die Jahrzeiten und die Seelenandachten an den Feiertagen locken die modernen Juden aus einige Momente in den Tempel und damit ist die Zugehörigkeit zum Judentume aus einige Zeit erledigt. Der konservative Jude wird wohl nie und nimmer die Leichenverbrennung propagieren, aber er wird auch nie und nimmer in der Beerdigung den Lebensquell des Judentums erblicken. Das ist die Thora einzig und allein. Uebrigeus darf man nicht vergessen, daß es Zeiten gegeben hat, in denen sogar Juden bei lebendigem Leibe verbrannt wurden, eine Bestattungsart, die gewiß selbst die eifrigsten Agitatoren der Leichenverbrennung verdammen werden. Und dennoch ist das Judentum dabei nicht zugrunde gegangen, es ist vielmehr aus den unter Feuer und Rauch und Jammergeschrei zusammenstürzenden lebendigen Menschenpyramiden dem Phönix gleich verjüngt wiedererstanden. Liebe zur Lehre und Liebe zum Volke, das sind die wahren Lebensquellen des Judentums, — nicht der Todtengräber. Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß Karl Blind, der eifrige Agitator der Feuerbestattung, der seltsamen Ansicht huldigt, daß bei den Juden die Erdbestattung aus dem Grunde üblich ist, weil ihnen bis zur babylonischen Gefangenschaft die Unsterblichkeitslehre kaum bekannt war. Die unsterblichkeitsgläubigen Inder. Griechen, Römer, Germanen wendeten sich dagegen dem Gebrauche der Leichenverbrennung zu. (Siehe Karl Blind, Sonnendienst und Feuerbestattung in germanischer Vorzeit, Neue Freie Presse 9. Juni 1899). Gewiß eine seltsame Anschauung, falsch in doppelter Hinsicht, in psychologischer und historischer. Warum sollte gerade den Juden der Unsterblichkeitsglaube bis zur babylonischen Gefangenschaft fremd gewesen sein, wenn die Forschungsreisenden diesen Glauben selbst bei den tiefftstehenden Naturvölkern vorgefunden haben? Und wie kann der Unsterblichkeitsglaube gerade einem Volke unbekannt geblieben sein, das seine Kinderjahre in Aegypten, dem klassischen Todtenlande, verlebte? Vielleicht irrt Blind absichtlich aus agitatorischen Gründen. Er sucht wahrscheinlich die Kirche für die Leichenverbrennung dadurch zu gewinnen, indem er behauptet, daß die Beerdigung für das Judentum deshalb typisch ist, weil ihm der Unsterblichkeitsglaube in der Vorzeit eine berra incognita war. Ob ein solches Vorgehen zu entschuldigen ist, überlasse ich dem Urteile meiner Leser. Wie anders Henry George. ..Das Fehlen irgend eines' Hinweises aus ein zukünftiges Leben in den mosaischen Büchern ist auffallend; aber es ist unmöglich, daß den Juden zur Zeit Moses der Glaube an ein zukünftiges Leben unbekannt war. Es kann vielmehr den Juden nichts vertraute gewesen sein, als die Lehre von der Unsterblichkeit. Das Fortleben der Seele, das Gericht, nach dem Tode, die Belohnung und Strafen des' zukünftigen Lebens waren der beständige Gegenstand ägyptischen Denkens und ägyptischen' künstlerischen Schaffens. Dem sozialen Reformer Moses muß der Todtenkultns als ein Hilfsmittel der Unterdrückung des Geistes und als ein Hindernis des wahren Fortschrittes erschienen sein; er sah die Macht des Priestertums, welche sich über das Grab hinaus erstreckte, daher das Verbot, daß kein Priester bei einem Todten weilen dürfe. Aus einem Lande kommend, in. welchem die feierlichen Todtengebrüuche als hochheilig betrachtet wurden und in welchem die Konservierung des Körpers nach dem Tode die „Leidenschaft" des Lebens war, inmitten eines Volkes, welches selbst damals die Ueberreste seines großen Vorfahren Josef mit sich führte, damit er bei seinen Vätern ruhen möge, besiegte er dennoch das letzte, natürliche Sehnen und entzog sich dem Anblicke und der Teilnahme der Menschen, um allein und unbewacht zu sterben, damit die abgöttische Empfindung, immer bereit hervorzubrechen, ihm nicht im Tode die abergläubische Verehrung zolle, auf welche er im Leben verzichtet hatte. ..Kein Mensch kennt seine Grabstätte bis auf den heutigen Tag." Und so gelangten wir auf dem Umwege des Todes zu der Lichtgestalt unseres Volksbildners und Volkserziehers Moses, dessen Lehren in Liebe zu Gott und in Liebe zu den Menschen münden. Das moderne Judentum ist innerlich krank, weil es an Moses vergessen hat. Also zurück zu Moses, der in ruhiger, gemessener Rede seine Lehre dem Volke mit der Wahl vorträgt, zu wählen das Leben oder den Tod, den Segen oder Fluch. Wählen wir also das Leben und den Segen! I. Robmsohn. Die Orgel beim indischen Gottesdienste. (Fortsetzung.) Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig schreibt: „Ans Ihre geschätzte Aufforderung erlaube ich mir, Nachfolgendes zu unterbreiten. llm meinen Standpunkt diesbezüglich genauer zu kennzeichnen und zu begründen, muß ich etwas weitläufiger sein, als mir selbst lieb ist. Ich scheide die Frage und behandle 1. die Orgelfrage und 2. die Ritusfrage. 1. Wie alles, was in die Welt der Erscheinungen tritt, unterliegt auch der Kultus dem Gesetze der Umbildung und Entwicklung; mit zunehmender Kultur trat auch in Israel, wie bei allen anderen Völkern, die Kunst in den Dienst des Heiligen und des Heiligtums. Der Mosaismus kennt für die Zeit der Wüstenwandekung nur das Opfer allein als Ausdruck für das Verhältnis der Volksgemeinschaft mit ihrem religiösen Denken und Empfinden zu Gott. David und Salomo legten den Grund zu einheitlich nationalem Leben durch Erhebung Jerusalems zum Mittelpunkte des Staates und des Kultus. In jene Zeit gehören wohl auch die ersten künstlerischen Anfänge im Dienste des Heiligtums. Auch in den Prophetenschulen fand die Musik, weil ihr begeisternde Kraft inuewohnt, rege Pstege. Vollständig entwickelt aber tritt die synagogale Musik erst nach dem babylonischen Exile, sicherlich angeregt von der mächtigen Kultur Babels und später Griechenlands, aus. Die Leviten, geordnet nach musikalischen Abteilungen unter Sangmeistern, stehen in großen Massen im Dienste des Heiligtums, und die Bedeutung der Sänger und der Musiker für das Heiligtum steigt so sehr, daß ihnen zuletzt geistliche Gewandung zuerkannt werden mußte. Mit der Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums durch die Römer trat, wie fiir das politische so auch für das religiöse Leben, die bedeutsamste Wandlung ein: arm ist Israel geworden und iHtt

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