Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063220--02911-3069626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8. Die Wahrheil Lette 5. Die Ritnalmord-Hetze der antisemitischen Presse ist aber j nicht nur eine Gefahr für die Juden, sie untergräbt auch alle Rechts-! begriffe der Bevölkerung und zerstört den Glauben an die Ge-! rechtigkeit der Justiz, an die Objektivität'der Behörden, an die | Unbestechlichkeit der öffentlichen Funktionäre. Wäre es nicht im I „Deutschen Volksblatt" ganz ungeniert hernnsgesagt, so würde! man es für unmöglich halten, daß der Mut der schreibenden j Agenten des Antisemitismus so iveit geht, die Prager Polizei- I behörde zu verdächtigen, sie führe aus Voreingenommenheit für j die Juden die Recherchen nach dem Mörder in nicht gehöriger j Weise! Die Polizei wird beschuldigt, sie treffe Maßnahmen, um > die Wahrheit über die Juden zu vertuschen, und unterlasse die! notwendigsten Schritte, die zur Eruierung der den Juden nner- | wünschten Tatsachen führen würden! Und das wird in einem i Rechtsstaate geduldet.... * * * i *! Aus Prag kommt auch die Nachricht, daß Dr. B a x a eine! huldigende Adresse an den Zaren gerichtet bat, in welcher er * seine und seiner Gesinnungsgenossen Wünsche für den Sieg! Rußlands über Japan zum Ausdrucke verleiht. Dr. Baxa war bisher nur dadurch bekannt, daß er mit fanatischem Enthusiasmus für den Ritualmord und gegen die Dynastie Habsburg zu plaidieren liebt. Hiezu gesellt sich offenbar auch die leidenschaftliche Zuneigung für Rußland. Natürlich ein Staat, auf dessen Ruhmesblättern mit unauslöschlichen blutigen Leitern der Name „Kischenew" eingegraben steht, muß in einem Baxa die Gefühle der Liebe und Verehrung erwecken. In der „Neuen Freien Presse" war dieser Tage folgendes Inserat zu lesen: Junger Israelit, aus sehr guter Familie, sucht eineu einflußreichen Taufpaten. Vermittlung honoriert. Unter „Hohe Protektion Nr. 97" au das Auk.-Bur. dieses Blattes. 18097—0 Die Gesinnung, die aus diesem Inserate spricht, verrät sich von selbst so deutlich, daß sie kaum einer weiteren Kennzeichnung bedarf. Die Gemeinheit, welche in dem Abfall von der jüdischen Religion ganz unverhüllt ein Geschäft erblickt, bei dem eine Provision zu erlangen ist. brandmarkt sich selbst genügend. ^Jn dem Inserate mag vieles wahr sein: der Wunsch, einen „hohen Protektor" zu finden, der dem Gesinnungslumpen zu einer einträglichen Stellung verhilft, ist gewiß echt; auch die Bereitwilligkeit hiefür eine entsprechende Provision zu zahlen, soll nicht bezweifelt werden. Aber daß der Mensch, der sich an den Pranger stellt, „ans sehr guter Familie" ist, möchten wir gerne als eine dicke Lüge betrachten dürfen. Wir wünschen einer „sehr guten Familie" andere Sprößlinge. Konservatives oder modernes Judentum? Ich fühle mich in erster Linie verpflichtet, Herrn Doktor Tänzer für die Bereicherung meiner volkskundlichen Kenntnisse zu danken, da es mir bisher tatsächlich nicht bekannt war, daß selbst in unseren Alpenländern Laubhütten errichtet werden, in denen sich an den betreffenden Festtagen Gemeindemitglieder zu Kiddusch u. s. w. zu versammeln pflegen. Doch nun zur Sache selbst. Mit meinem Artikel..Judentum und Entwicklungslehre" bezweckte ich keinesfalls, Herrn Dr. Tänzer anzugreifen, meine Pfeile richteten sich vielmehr gegen das moderne Judentum selbst. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß das moderne Judentum nicht lebensfähig ist, und daß gar keine Reform seinen Untergang aufzuhalten vermag, denn das dürfen die Rabbiner nicht übersehen, daß ihnen der wichtigste Faktor zu einer erfolgreichen Lehrtätigkeit fehlt — die Autorität. Reformen aus religiösem Gebiete fetzen ein religiöses Bedürfnis voraus. Der moderne Jude, der nun alles Jüdische von sich sorgfältig abgestreift hat, kennt keine rabbinische Autorisation. Ihm fehlen, wenn ich vom Glauben schon ganz absehe, die Kenntnis des Judentums, die Liebe zum Judentnme und die belebende Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Judentums. Herr Dr. Tänzer ist ein Optimist, er erwartet von religiösen Reformen ein Heil für das Judentum. Er konstatiert, daß die moderne Wissenschaft und das moderne Leben dem Judentnme in seiner heute noch immer offiziellen, Gestaltung gefahrdrohend gegenüberstehen. Herr Dr. Tänzer erwartet somit von einer Umgestaltung des offiziellen, d. i. des biblischralruudischen Judentums eine Rettung des Judentums. Das biblisch-talmudische Judentum muß sich somit der modernen Wissenschaft und dem modernen Leben anpassen, um vor dem Untergänge bewahrt zu werden. Das Merkwürdige bei der ganzen Sache ist aber der Umstand, daß die Reformen für den Neologen überflüssig und für den Konservativen unbrauchbar sind. Als vor einigen Jahren in Berlin darüber debattiert wurde, ob es nicht opportun wäre, den Sabbatgottesdienst aus den Sonntag zu verlegen, bemerkte Herr Dr. Bernfeld nicht mit Unrecht, daß das ganze Projekt gar keinen Sinn habe, denn derjenige, welcher für den Sonntagsgottesdienst kämpft, besucht am Samstag gewiß nicht die Synagoge und wird es wahrscheinlich auch an Sonntagen nicht tun. Also blos viel Lärm um nichts. Selbst der freidenkende Jude wird am Sabbath nicht rütteln wollen. „Ohne Sabbath kein Judentum," ist keine leere Phrase. Der große und freisinnige Joseph Israels, dessen 80. Geburtstag vor wenigen Tagen von der ganzen Kunstwelt gefeiert wurde, antwortete einem neugierigen Kollegen aus seine Frage, warum er am Samstag nicht arbeite, kurz und bündig: Ich bin doch Jude!" Allerdings steht Israels zum Judentume uicht blos in einem platonischen Verhältnisse, denn nur ein warmfühlender Jude konnte einen „Ben Ami" schaffen. Herr Dr. Tänzer ist entschieden im Jrrtume, wenn er glaubt, daß die moderne Wissenschaft und das moderne Leben dem Judentume in seiner heute noch immer offiziellen Gestaltung gefahrdrohend gegennbersteben. Den Wahrheitsbeweis könnten ihm die 551 Wiener Täuflinge des Jahres 1901 erbringen. Ich bin überzeugt, daß kein Einziger aus „religiösen Motiven" aus dem Judentume ausgeschieden ist. Als vor einigen Jahren Herr Dr. Hermann Fialla angesichts der Wiener Massentausen (es schieden aus dem Judentume 1897 453, 1898 434, 1899 482, 1900 559, 1901 551 Personen) an den sel. Professor Lazarus mit der Bitte herantrat, er möge etwas tun, um die Wiener Wassersucht einzudümmen, bemerkte der weise Mann ganz richtig: „Wo gäbe es eine Autorität für einen Menschen, der seinen Glauben abschwört, sogar offiziell verflucht und eine Religion annimmt, an die er nicht glaubt?" Es ist also eine unleugbare Tat'ache, daß das moderne Judenium innerlich krank ist. Daher die vielen Medikamente seitens der Rabbiner, die es mit dem Judentume ernst meinen. Das Reformrezept des Herrn Dr. Tänzer dürste sich nicht als heilbringend bewähren. Ein Verdienst des Herrn Dr. Tänzer ist es aber doch, daß er wenigstens die Diagnose gestellt hat, daß das moderne Judentum krank ist; sein Verdienst bleibt ungeschmälert, trotzdem er nicht das richtige Medikament gefunden hat. Zu bedauern sind nur diejenigen Lehrer des Judentums, welche das moderne Judentum für gesund halten. Im Jahre 1901, also in dem Jahre, in welchem 551 Personen aus dem Judentum schieden, hielt ein Wiener Rabbiner eine Rede, in welcher er gar den Friedhof als den Lebensquell des Judentums bezeichnete. Er sagte da u. a.: „Die Geschichte des Judentums und der jüdischen Gemeinden ist eine Geschichte der Friedhöfe. Tie Friedhöfe waren gewissermaßen das Protoplasma, das Grundgebilde, aus welchem die Gemeinden sich entwickelten oder um welches sie sich konzentriert haben. Die Friedhöfe waren das Frühere, die Gemeinden das Spätere. So widersinnig diese Behauptung auf den ersten Blick scheinen mag, so wird ihre Richtigkeit einleuchten, wenn ich