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Die Wahrheit · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Zeile 4. Die Wahrheit Nr. 8 Zustandekommen gefördert. Von den Gegnern des Planes wird ferner der Einwand erhoben, das; man durch das öffentliche Hervortreten die Negierungen kränken könne, das; man deshalb alles vermeiden müsse, was als Schreien ausgelegt werden wurde. Dabei vergißt man wieder vollständig, daß die Regierungen jetzt nicht sowohl die Führenden, als vielmehr die Geleiteten sind, die sich von den Strömungen im Volksleben treiben lassen, soweit diese öffentlich zum kräftigem Ausdrucke gelangen. Man erinnere sich nur daran, wie der Justizminister Schönstedt bei der Interpellation Peltafohn sich auf die „Imponderabilien", auf die öffentlichen Meinungsäußerungen berufen hat, um die Nichtanstellnng und Nichtbesörderung jüdischer Richter und Beamten zu begründen. Und läßt sich nicht auch jetzt die bayrische Regierung von der ultramontanen Landtagsmehrheit rreiben? Haben nicht im Königreich Sachsen die Antisemiten das eine religiöse Einrichtung der Juden hemmende Schächtverbot durchgesetzt? Ist dort nicht jetzt dein Landtage eine neue Judenordnungs- Borlage zugegangen, die den Wünschen der antisemitischen Konservativen entgegenkommt? Was will man da noch abwarten? Jetzt gilt es, laut hinauszurusen, das; auf diesem Wege das Judentum vogelfrei wird; jetzt gilt es, eine innere Organisation so stark auszubanen, daß nian sich scheut, auf jener Bahn weiterznschreiten! Nun sagt nian, wir Juden allein können nichts durchsetzen; wir müssen uns aus die liberalen Parteien stützen und diese für unsere Sache eintreten lassen. Das; von den Nationalliberalen solches nicht zu erwarten ist. darüber braucht man nicht zu reden; die freisinnigen Fraktionen aber halten nicht zusammen und sind leider arg geschwächt, so daß sie trotz bestem Willen ihrerseits uns nichts nützen können. Uns bleibt nur die Flucht in die Oeffentlichkeit. Und fürchtet man ein freies, vielleicht allzu freies und lautes Wort? Das beste Korrektiv für die Oeffentlichkeit ist die Oeffentlichkeit selbst: da werden ungebührliche Aeußernngen sofort zurückgewiesen werden. Wir brauchen kein Unrecht still zu ertragen; wenn wir verleumdet werden, müssen wir das Unwahre sofort widerlegen, frei und offen hervortreten mit dem, was wir sind, was wir wollen. Dann kann uns niemand vorwersen, daß wir ein Geheimbnnd sind, daß wir Jntriguen spinnen und hinterlistige Pläne aus Gewinnung von'Macht und Reichtum verfolgen. Es wird den günstigsten Eindruck machen, wenn wir deutlich sagen: Das sind wir; das verlangen wir! Den Parteien gegenüber folge der deutsche Jude seiner persönlichen Ueberzeugung; wir haben auch kein Bündnis mit der Sozialdemokratie! Was inan mit lauten Rufen erreicht, hat der Bund der Landwirte gezeigt; der schreit immer, nicht nur bei den Wahlen, und wo er nicht die Regierung für sich gewinnt, sucht er das Volk hinter sich zu haben. Die Börse hat auch nur durch fortwährendes berechtigtes Schreien gegen das Börsengesetz es bei der widerstrebenden Regierung dahin gebracht, daß jetzt Modifikationen vorgeschlagen werden. Mit dem Schreien allein ist es natürlich nicht abgetan; wir müffen vielmehr aus dem Gebiete der Phrase heraus, niüffen umfassendes, authentisches Material für die Beschwerden der Juden über verfaffungswidrige Vorgänge schaffen. Das wird die Vereinigung deutscher Israeliten ermöglichen, wenn sie allumfassend erscheint und systematisch wirkt. Der Plan des Judentags ist fallen gelassen worden; wenn sich aber der Verband der Israeliten Dentschlands konstituiert haben wird, sollen alle zwei. Jahre in einer Versammlung der Delegierten des Verbands die alle deutschen Juden betreffenden Angelegenheiten öffentlich besprochen werden. Eine weitere Aufgabe des Verbands ist die literarische Abwehr des sogenannten „wissenschaftlichen Antisemitismus", die Förderung der jüdischen > Apologetik; ferner Vorbeugung bei solchen Ausweisungen würdiger ausländischer Juden, durch welche Ausweisungen gleichzeitig deutsche Interessen verletzt werden, auch in Fällen von Verweigerungen von Naturalisationsgesuchen, deren Genehmigung auch für die jüdischen Gemeinden in Deutschland von besonderem Werte sind — last not least — die Stärkung und Hebung des Selbstbewußtseins der deutschen Juden sowie die Verhinderung des Abfalls und der Zersplitterung. Politische Parteifragen müffen von dem Verbände unbedingt ausgeschlossen bleiben; er soll keine politische Vereinigung im allgemeinen Sinne sein, sondern sich ausschließlich mit solchen politischen Dingen befassen, welche die Juden speziell betreffen. Das haben schon die jüdischen Gemeinden und auch der Gemeiudebund tatsächlich bei häufigen Gelegenheiten geübt. Auch um Kultusangelegenheiten und um die innere Verwaltung der Gemeinden hat er sich nicht zu kümmern, ebensowenig um die Vorgänge im Ausland, welche andern Organisationen überlaffen bleiben müssen. Damit ist auch jede Erörterung der zionistischen Frage ausgeschlossen. Ich resümiere nun dahin, daß in dem zu schaffenden „Verbände der Israeliten Deutschlands" eine Zusammenfassung der Hauptelemente der deuschen Juden auf folgender Grundlage aufzubauen ist: die jüdischen Gemeinden als solche, als eigentliches bestimmendes Prinzip, eine Anzahl hervorragender Glaubensgenoffen, die den einzelnen Verwaltungen fern stehen, deren Rat und Einfluß aber dem Verbände wünschenswert sein muß, ferner die bestehenden großen jüdischen Organisationen, die bereits Bedeutendes geleistet und deshalb bei der Regelung der Gesamtverhältnisse mitzusprechen haben. Bei diesem Aufbau sind Sie Alle znr Mitarbeit berufen; helfen Sie uns bei diesem großen und heilbringenden Werk und beginnen Sie damit, daß Sie nun in die Beratung des Ihnen vorliegenden Entwurfs der Satzungen eintreten!" Zu dem vorgelegten Statutenentwurf wurden mannigfache Aenderungen vorgeschlagen und nach längerer Debatte erhielt der geschäftsführende Ausschuß von der Versammlung den Auftrag, den Statutenentwurf endgiltig festzustellen und zur Beschlußfassung über dieses neue Statut eine „Hauptversammlung" in Berlin einzuberufen. Diese Versammlung ist für Sonntag den 24. April d. I. in Aussicht genommen und dürfte als konstituierende Delegiertenversammlung das hoffnungsvolle Werk zu gedeihlichem Ziele führen. Aus der Woche. In Prag ist ein junges Mädchen als das Opfer eines bisher noch unbekannten Mörders mit durchschnittenem Halse tot aufgefunden worden. Die Polizei sucht den Mörder; die antisemitische Presse hat bereits den — Ritnalmörder gefunden. Mit einer an Wahnwitz grenzenden Niederträchtigkeit wird feit dem Tage, an welchem die Nachricht von dem Verbrechen bekannt wurde, dasselbe zu einer schändlichen, gefährlichen Hetze gegen die Juden ausgebeutel. Natürlich steht das Wiener „Deutsche Volksblatt", welches sich so unvergängliche und unvergeßliche Verdienste um die Möglichkeit des Justizmordes von Polna erworben, auch diesmal an der Spitze der Hetzblätter. Mit einer Verwegenheit, die jeden Gedanken an Recht, Gesetz und den — Staatsanwalt zurückdrängt, haranguiert das Verganiblatt Tag für Tag seine Leser gegen die Juden, indem es ihnen die Ueberzeugung suggeriert, daß in Prag ein Ritualmord verübt wurde nach dem Muster von Polna. Das grauenhafte Märchen, für das soviel Blut — jüdisches Blut — vergossen wurde, wird wieder zu neuem Leben erweckt und die christliche Bevölkerung aufs neue zum erbitterten Hasse gegen die Juden gestachelt. Zu der Brutalität der Hetze gesellt sich in diesem Falle noch die besondere Perfidie: Die antisemitische Presse begnügt sich nicht allein damit, den Glauben an den Ritualmord zu propagieren, sie beschuldigt die „jüdische" Presse der Fälschung und Irreführung, weil sie diese Mordtat nicht vom Standpunkte des Ritualmord-Glaubens aus verfolgt wissen will! Das ist denn doch der Gipfelpunkt der Infamie, die sich nebenbei auch das fadenscheinige Mäntelchen der Naivität umzuhängen versteht. Das „Deutsche Volksblatt" meint: „Gibt es wirklich keine jüdischen Ritualmorde, warum denn die Vehemenz, mit der bei jedem iiuffteriösen Morde das Thema von der Undenkbarkeit eines Ritualmordes abgehandelt wird? ' Hätte die „jüdische" Presse vielleicht die „Denkbarkeit" des Ritualmordes behandeln sollen, als das „Deutsche Volksblatt" in blödsinniger Verbissenheit ans dem Funde einer — Mumie Kapital für den Ritualmord schlagen wollte? Oder hätte sie dieses Thema bei jener Gelegenheit behandeln sollen, als Gemeinderat Schwer, welcher als Redakteur des „Deutschen Volksblattes" in Polna sich die Rolle eines Untersuchungsrichters anmaßte, in Wien eine — später als unverschämte Lügnerin entlarvte — Dienstmagd zu sich ins Haus nahm, um sie als das Opfer eines Ritualmordversuches zu spaltenlangen Anklageartikeln gegen die Juden auszuschroten? Oder sollten die „jüdischen" Blätter vielleicht aus dem Grunde die „Denkbarkeit" des Ritualmordes zugeben, weil aus den unanfechtbaren Zeugnissen von Päpsten hervorgeht, daß die Judenfeinde früherer Zeiten selbst davor nicht zurückschreckten, christliche Kinder abzuschlachten, um die verbrecherische Tat den Juden in die Schuhe schieben zu können? Man muß zugeben, daß diese historische Tatsache für den Ritüalmord spricht. Aber für den Ritualmord begangen von Judenfeinden! Wenn dem „Deutschen Volksblatte" mit diesem Zugeständnisse gedient ist, wohlan so soll nicht mehr geleugnet werden, daß der Fanatismus der Antisemiten auch heute solch grauenhafter Verbrechen fähig ist. Eine Partei, zu deren Führern ein Mechaniker Schneider zählt, der in öffentlichen Vertretungskörpern in der schamlosesten Weise den Raub und Mord an Juden verherrlichte, ist zumindest vor dem Verdachte nicht gefeit, daß sie Subjekte in ihrer Mitte zählt, die eines Verbrechens fähig sind, wenn sie hoffen dürfen, dadurch eine Gefahr für die Juden heraufzubeschwören.

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