Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, H/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnseitionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Möhängige Heitfchrift für Mische Antere^en. Erscheint jeden Ireilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“; Bezugspreis-:!! i Ganzjährig . . . K. 12 — Halbjährig . . . K.!! Für Cultnsbeamte: s l Ganzjährig . . . K. 10 — j Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fes Ar. 8.Wien. 19. Februar_1904. Inhalt: Gesamtorgauisation der deutschen Inden. — Aus der Woche. — Konservatives oder modernes Judentum? — Die Orgel beim jüdischen Gottesdienste. — Es ist erreicht! — Erklärung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Kantoren-Zeituuq: „Es ist eine alte Geschichte." - Inserate. Gejamtorganisation der deutschen Inden. Wir österreichischen Juden können wahrhaftig von unseren Glaubensgenossen in Deutschland so manches lernen, vor allem aber täte uns ihr feines Verständnis für die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses aller im Interesse der Allgemeinheit wirkenden Elemente not und die rastlose Energie, die sie betätigen, um einen einmal gefaßten Plan zur Ausführung zu bringen. Diese beiden unschätzbaren Eigenschaften haben, trotzdem im ..deutsch-israel. Gemeindebund" und im „Zentralverein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens" bereits zwei ausgezeichnete Organisationen bestehen, zur Gründung des „Verbandes der deutschen Juden" geführt, der alle bestehenden Organisationen zusammenschließen und an Stelle der fehlenden staatlichen Organisation eine freiwillige Organisation setzen soll, mit welcher als legitimierte Vertretung aller Israeliten Deutschlands von nun ab zu rechnen wäre. Auch bei uns wurde vor Jahren durch die Gründung des „allgem. österr. israel. Bundes" ein Anlauf nach dieser Richtung genommen, aber statt der erhofften Erfolge, kamen mannigfache Enttäuschungen und auch der demnächst erscheinende Bericht des Bundes wird das Urteil, das die Oeffentlichkeit sich über diese Organisation mittlerweile gebildet hat, wenig beeinflussen. Die Ursachen der bisherigen Mißerfolge haben wir an dieser Stelle schon des öfteren erörtert; sie liegen nicht nur in unseren eigentiimlichen österreichischen Verhältnissen, die jeder Zentralisation abhold sind, sondern viel mehr noch in der, wie uns dünkt, irrigen Anschauung der Bnndesleitung über den Wirkungskreis des Bundes und in der Art und Weise, wie er die von ihm eingeleiteten Aktionen durchführt. Im Gegensätze zu der bei uns beliebten Geheimnistuerei wurde gerade bei der eben vorgenommenen Gründung der Gesamtorganisation in Deutschland allgemein der Oeffentlichkeit das Wort gesprochen und auch die Notwendigkeit der scharfen Abgrenzung der Eompetenzsphären der einzelnen Organisationen als Grundlage des Erfolges anerkannt. Das eingehende Referat, das Professor Martin Philippson- Berlin, der eigentliche Urheber des Projektes, in dem engeren Ausschüsse erstattete, bietet nach verschiedenen Richtungen überaus lehrreiche Mitteilungen und gibt auch vollste Auftlärung über Ziele und Zwecke der neuen Organisation, daher wir es im Nachfolgenden auszugsweise wiedergeben. 'Aach einigen einleitenden Bemerkungen sagte der Redner folgendes: „Wir leben in einer Kampfzeit, in der sich alle Jnteressenkreise enger zusammenschließen, um das, was sie näher angeht, gegen Schädigung zu wahren und durch eigene Verbände ihre wesentlichsten Interessen zur Geltung zu bringen. Wir sehen, wie dies dem „Bunde der Landwirte" geglückt ist, wie aber auch religiöse Gemeinschaften durch geschlossenes Auftreten in der Oeffentlichkeit versuchen, ihren Bestrebungen Anerkennung zu verschaffen, so der Katholikentag, der Protestanten-Berein, der evangelische Bund u. a. m. Ein einziges Element ui Deutschland, das schwächste, am wenigsten durch offizielle Organisation geeinte, das deshalb den Zusammenschluß besonders nötig hatte, hat diesen bisher beständig abgelehnt — das ist die deutsche Judenheit! Sie ist ohne jede Vertretung nicht nur der Regierung gegenüber, sondern auch im Reichstage geblieben, weil sie es verkannte, wie gerade einer schwachen Minderheit der Bevölkerung ein fester Zusammenschluß zu statten kommt. Diese Scheu, in der Oeffentlichkeit berechtigte Ansprüche geltend zu machen, mag auf Bescheidenheit zurückzuführen sein, aber eine übertriebene Bescheidenheit wird in allen Fällen allgemein nur als Schwäche beurteilt und ist nur geeignet, die Gegner zu Angriffen zu ermuntern. Wenn trotzdem der Gedanke eines Zusammenschlusses der deutschen Juden vielfach aus Bedenken stieß, war dabei auch die wohlbegründete Abneigung mit im Spiel, den zahllosen Vereinen einen neuen hinzuznfügen. Man wandte gegen den Plan einer Vereinigung ein, daß eine solche für die deutschen Inden bereits im „Central-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", bezw. auch in dem „Deutsch- Jjraelitiichen Gemeindebund" vorhanden sei, daß es deshalb keiner neuen Veranstaltung bedürfe. Dabei verkannte man aber, daß gar kein neuer Verein begründet, sondern nur für die bereits bestehenden und segensreich wirkenden großen jüdischen Organisationen in Deutschland ein fester Zusammenschluß durch einen Zentral-Verband, und für die fehlende staatliche Organisation eine freiwillige Organisation geschaffen werden soll, mit der als einer legitimierten Vertretung aller deutschen Israeliten von da ab allgemein zu rechnen wäre. Zu einer solchen Vertretung würde der Deutsch-Israelitische Gemeindebund als Zusammenfassung der meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland berufen sein, wenn er nicht durch die historische Entwickelung des jüdischen Gemeindewesens gezwungen wäre, seine Tätigkeit auf Verwaltungsaugelegenheiten zu beschränken, und wenn nicht seine Stellung als mittelbare Verwaltungsbehörde den Regierungen gegenüber es ihm unmöglich machte, in Fragen politischer Art irgend welche Verantwortung zu übernehmen. Aus diesem Grunde scheint dazu der Central-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens besser geeignet, zumal er in vielen Fällen sich bei der Verteidigung der Rechte der Juden bewährt und durch die Sammlung einer großen Zahl von Mitgliedern der Einigung vorgearbeitet hat. Dennoch nimmt ihn seine spezielle Tätigkeit zu sehr in Anspruch und reichen seine Organijatiosweise und Legitimation nicht dazu aus, als eine Vertretung des gesamten deutschen Judentums mit derjenigen Wucht aufzutreten, welche die Zeit- Verhältnisse erfordern. Dies vermag nur ein Zentral-Verband. der den Zusammenschluß aller großen jüdischen Organisationen, insbesondere der sämtlichen Gemeinden darstellt, in dem aber auch alle jüdischen Notablen Sitz und Stimme haben, die bis jetzt noch den Gemeinde-Verwaltungen fernstehen. In dieser Erkenntnis haben auch die Vorsitzenden des Zentral- Vereines sich für die große Gesamtorganisation entschieden und deren