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Die Wahrheit · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrheit Leite 9. Floridsdorf. (E h r u n g.) Eine besondere Ehrung wurde dieser '.Tage dein Bezirksrabbiner Herrn Dr. R o s e n m a nn in Floridsdorf Zuteil. Die unlängst durch denselben vorgenommene Einwechnng des neuen israelitischen Tempels in Stockerau wurde seitens des Srockerauer Minjan-Vereines zum Anlaß genommen, die vielfachen Verdienste des .Herrn Bezirksrabbmers anzuerkennen. Am 3. d. M. erschien beim Herrn Bezirksrabbiner eine dreigliedrige Deputation, bestehend aus den Herren: Bernhard Schneider, Obmann des Stockerauer Minjan-Vereines, Emanuel Edlhvfer, Mitglied des Kultusausschusses, und Fleischmaun senior, Obmann der Stockeraner Chewra Kadischa, und überreichte demselben einen silbernen Ehrenpokal mit einer sinnigen Widmung versehen. Als Sprecher der Deputation fungierte Herr Edlhvfer. Jglau. (M a n d a t s n i e d e r l e g u n g.) Dem Vorstände des Jglauer israelitischen Frauenvereines, zu Händen der Bizeprüsidentin, Frau Josefine Lieblich, Bankdirektorsgattin, ist nachfolgendes Schreiben zugegangen: „Hochgeehrte Vorstandsdamen! Mein schwankender Gesundheitszustand, der mich schon den zehnten Winter ans Zimmer fesselt und nieine Arbeitskraft empfindlich beeinträchtigt, mahnt mich mit unerbittlichem Ernst, das Amt einer Präsidentin des Jglauer israelitischen Franenvereines, welches ich mehr als ein Vierteljahrhundert hindurch zu bekleiden die Ehre habe, in Ihre Hände zurückzulegen. Indem ich nun aus dem Vereinsvorstande mit dem heutigen Tage scheide, danke ich Ihnen, verehrte Damen, ans tiefstem Herzensgründe für die unvergeßlichen Beweise rückhaltslosen Vertrauens,' die Sie mir eine so lange Reihe von Jahren zuznwenden die Güte hatten, die Versicherung hinzufügend, daß die Erinnerung an die ungezählten Stunden gemeinsamer Arbeit im Dienste einer humanitären Sache zu den teuersten Erinnerungen meines Lebens zählen wird. Mit innigsten Dankesgrüßen an die'geehrten Bereinsmitglieder verbinde ich die Bitte, mir auch fernerhin ein freundliches Gedenken zu bewahren, und .zeichne Ihre hochachtungsvoll ergebene Dr. Johanna Unger. Jglau, 24. Jänner 1901." Brody. Einer unserer Besten ist nicht mehr! Am 29. Jänner, 5 Uhr morgens, hat Herr Jul. M. Landau, der kaum das 63. Lebensjahr -erreichte, zu leben und zu leiden aufgehört. Sein Ableben erregte allgemeine Teilnahme unb stürzte seine vielen Freunde und Verehrer in tiefe Trauer. Der Verblichene war ein edler Charakter, ein ausgezeichneter Mann, der zu den Zierden unserer Stadt gerechnet werden konnte. Aus einer gelehrten, angesehenen Rabbinerfamilie entstammend, zeichnete er sich auch selbst durch Frömmigkeit und Rechtschaffenheit aus; er war ein Jude im besten Sinne des Wortes, würdig seines Namens Jehuda „kschmau ken hu". Obwohl' Mitglied vieler humanitärer Anstalten hat er im öffentlichen Leben nie eine Rolle gespielt, da er Ehrenstellen weder anstrebte noch annahm; trotzdem war er wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit, und Bescheidenheit in den weitesten Kreisen der Stadt hochgeschätzt. Das einzige Ehrenamt als Vorstand und Präsident des hiesigen israelitischen Spitales bekleidete er eine lange Reihe von Jahren, und in dieser Eigenschaft hat er in Bezug auf Pflege der armen Kranken sehr - viel geleistet. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung der hiesigen Bevölkerung. Fast die gesamte Judenschaft gab dem Hingeschiedenen das letzte Geleite. Vor der großen Synagoge gab Rabbi Abraham Kluger dem allgemeinen Sckmerze in seinem rührenden . „Ussxsä" Ausdruck. — Möge daher auch der Herr dem in ein besseres Jenseits Heimgegangenen den ewigen Frieden, und der schwer heimgesuchten, trauernden Familie seinen göttlichen Trost verleihen! M. Markstein. Szered a. W. Am 24. Jänner fand in der hiesigen Kultusgemeinde die Neuwahl des Präses und der Repräsentanz statt. Den Wahlakt leitete Herr Moritz Steiner. Mit großer Befriedigung wurde die Wiederwahl des verdienstvollen, langjährigen Präses, Herrn Julius Freund, ausgenommen. Ferner wurden die Herren Josef Weiß und M. Fuchs zu Vorstehern und Herr M. Steiner zum Kassier gewählt. Budapest. Im herrlichen Ungarn, das von der edlen, ritterlichen, ungarischen Nation bewohnt wird, und das die Heimstätte der Freiheit geworden, wo Jedermann der Segnungen der Glaubens- und Gewissensfreiheit teilhaftig wird, hat der Judenhaß, wie er früher geheißen, und der Antisemitismus, wie er sich jetzt nennt, nie festen Fuß fassen können. 'Um so beklagenswerter ist es, daß im Herzen des Landes, die Blüte der Nation, die Jugend, von dem giftigen Reptil — Antisemitismus genannt — angefressen wurde. Unter der Spitzmarke: „Unsere liberale Universitütsjugend" bringt das „M—tt" Folgendes: „Anläßlich des Rektorbankettes, - bei welchem Graf Stefan Tißa, Berzeviczy, Ploß und Apponyi die Jugend in erhebenden Worten zur Förderung fortschrittlicher, humaner und patriotischer Gesinnung begeisterten, brachten liberale Blätter spaltenlange Berichte über die die höchsten Ideale der Menschheit fördernden Bestrebungen unserer Universitätsjugend, die alle Geister unbekümmert um Klasse und Rasse vereint und veredelt, und die in der Verwirklichung der hehrsten . Ziele ihre Befriedigung sucht. So schrieben die liberalen Blätter. Dem entgegen steht die tiefbetrübende Tatsache, daß unsere Universitätsjugend zum weitaus größten Teile reaktionär ist. Das Ergebnis der Donnerstag stattfindenden Wahlen des Universitätsklubs wird diese Behauptung eklatant beweisen. Der Sieg des radikal-klerikalen Kandidaten ist sicher, der in seiner Programmrede unter dem stürmischen Beifalle seiner Parteigenoffen alle liberalen Universitätshörer, besonders aber solche jüdischer Konfession, in der ärgsten Weise zurückwies, der ihnen den Eintritt in den von der Regierung subventionierten Klub unmöglich gemacht hat, und der einen Rassen- und Konfessivnshaß in die geheiligte Stätte der Wissenschaft trägt .und jede fortschrittlich aufgeklärte Richtung mit Füßen tritt. So steht es in Wahrheit um den Liberalismus unserer vielgepriesenen Jugend, den unsere liberalen Blätter so weihevoll besungen haben." I>. X. 8. Budapest. (Spenden und Legate.) Baron Peter Herzog de Csete hat dem Bürgermeister Halmos 2000 X zur Verteilung an hauptstädtische Arme ohne Unterschied der Konfession übergeben. — Anläßlich des Ablebens der Frau Manfred v. Weiß haben die Beamten, Werkführer und Arbeiter der Fabriken der Firma Manfred Weiß einen Unterstützungsfond für Arbeiter, deren Witwen und Waisen gegründet, welcher den Namen der Verewigten tragen soll und welcher gleich am ersten Sammeltage die Summe von 5000 Kronen ergeben hat. — Herr Manfred Weiß hat anläßlich des Ablebens seiner Gattin dem Bürgermeister Halmos 2000 X behufs Verteilung an Arme ohne Unterschied der Konfeffion übermittelt. — Der am 17. Februar v. I. verstorbene Ritter Ignaz von Wechselmann hinterließ unter Anderem der Pester Chewra Kadischa ein Legat von 1000 X und dem Pester isr. Greisenasyl ein Legat von 6000 X. Nach durchgeführter Berlassenschaftsabhandlung wurde das erste Legat auf 1250 X, das letztere ans 7500 X erhöht. Da das Berlassenschaftsgericht die Legate nur nach der Ausstellung der Stiftungsurkunden und deren Genehmigung seitens der Regieniug ausfolgt, haben die beiden genannten Institute an den Magistrat das Ersuchen gerichtet, die betreffenden Srifmngsurkunden, behnfs Genehmigung dem Minister des Innern zu unterbreiten. Budapest. Zum Andenken an den vor einem Jahre gestorbenen Philantropen und weltberühmten Architekten Ignaz Ritter v. Wechselmann, der zu Gunsten des Waisenfonds der ungarischen Lehrer zwei Millionen Kronen hinterließ, veranstaltete am jüngsten Sonntag der israelitische Landeslehrerverein eine imposante Gedenkfeier, welcher nebst den Familienmitgliedern des Verblichenen, in Vertretung des Nnterrichtsministers königl. Schulinspektors und Ministerialrat Dr. Victor Molnür, ferner Hofrat Sigmund Kohner, Hofrat Dr. Reumann, Baron Schoßberger u. v. a. beiwohnten. Bei diesem Anlasse wurde ein Komitee gebildet, welches beschloß, dem großen Philantropen ein imposantes Denkmal zu stellen. Paris. Die Hauptstadt Frankreichs ist seit einiger Zeit um eine Spezialität reicher. Eine hebräische Schauspielgesellschaft hat den Maraissaal zu einem Theater umgeftaltet und gibt daselbst allabendlich Vorstellungen in hebräischer Sprache. Es werden auch Shakespeares Meisterdramen in guter hebräischer Nebertragung zur Aufführung gebracht. 8. Frnillelon. Königin Hsther. Eure Ghettogeschichte von Dr. Max Grüufetd. (Fortsetzung.) Ihre Bücher, so pflegte sie zu sagen, seien ihr das, was den Modedamen die Toiletten, diese wechselten ja auch mit der Zeit, und so auch der Geschmack an den Werken der Literatur. Rosl verehrte in Esther ihre wahrhaft mütterliche Freundin. Das Mädchen, früh von der Mutter verlassen, fand an ihr die zärtlichste Beraterin und Freundin. 2o alt wie Rosls Mutter gewesen wäre, wenn sie gelebt hätte, war zur Zeit, in der unsere Geschichte spielt, Esther. Und man kann auch sagen, unter allen Mädchen des Ghettos war Rosl Esther das liebste. Esther schützte Awrom als den zärtlichsten Vater, sie war die Freundin seiner Gattin gewesen und übertrug nun ihre ganze Zärtlichkeit aus Rosl. Sie hielt es als ihre Wicht, das Mädchen nicht nur gleichsam in ihrem Sinne zu erziehen, sondern auch zu behüten, und vor jedem voreiligen Schritte zu bewahren. Denn Esther, die Menschenkennerin, kannte die Schwäche Awroms; sie wußte, dieser sei Einflüsterungen leicht zugänglich und lasse sich sehr schnell beeinflussen. Mayer Bochur aber wurde von Esther besonders gefürchtet, denn ihn bewunderte Awrom als Lamdon, als unfehlbaren Gelehrten; was dies bei einfachen Naturen von der Art Awroms bedeute, verstand Esther nur zu gut. Solche Leute lassen sich durch eine gewisse Scheingelehrsamkeit, schöne Worte, glänzende Phrasen blenden. Was man nicht selbst besitzt, das schätzt man besonders, diesen Erfahrungssatz hatte Esther nur zu oft bestätigt gesunden. Sie merkte, Mayer hatte es aus Rosl abgesehen. Er verkehrte viel mit Eduard, der eigentlich der größte Gegensatz Mayers war. Aber solche Extreme pflegen sich zu berühren. Und dann war der stets mit gutem Appetit ausgestattete Mayer zu allem zu haben, wenn man seine Gelehrsamkeit rühmte und ihm nebenbei gut zu essen gab.

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