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Die Wahrheit · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 7. uns wahrhaftig nicht vorbildlich sein kann und uns im Gegenteil in dem Entschluß zur Einführung der Orgel bestärken muß. Ich empfehle daher für die zurzeit im Bau begriffene Synagoge in der Rykesträße den Ritus der Kaiserstraßen-Synagoge mit Begleitung der Orgel. Ich bin mir bewußt, damit das Rechte zu empfehlen, nicht blos im Hinblick auf die Jugend, sondern auch in steter Rücksicht auf das Alter. Volksversammlungen in ihrer unkontroüierbaren Zusammensetzung machen auf mich keinen Eindruck. Ich bin lange genug im hiesigen Lehramte, um die Stimmung meiner Gemeinde zu kennen, und nur meine Ueberzeugung bringe ich zum Ausdruck, unbekümmert um der Parteien Gunst oder Abgunst." Offener Krief an Herrn Dr. phil. Salomon Kren berge r, Obmann des zionistischen innerösterreichischen Distriktskomitees. Geehrter Herr Doktor! In dem hier erscheinenden „Organ für die Interessen der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten" befindet sich in Nr. 4, 1. Jahrgang, ein mit der Ueberschrift „Auch eine „Wohltäterin" gezeichneter Artikel. Es ist ein Pasquill, wie. es im Buche steht, und ich lasse es nach dem auch Ihnen nicht unbekannten Worte des großen Preußenkönigs, der solche Machwerke damit jedermann sie lesen sollte, niedrighängen ließ, hier folgen: „Auch eine „Wohltäterin". In Fünfhaus (Wien) besteht seit einem Jahre eiu Verein zur Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder. Das ist gewiß eine schöne und gute Einrichtung. An der Spitze steht Frau Regine Landeis. Man muß anerkennen, daß sie als Werberin viel leistete. Aber ihre Tätigkeit als „wohltätige" Dame, die noch nicht lange zurückreicht, hat sie offenbar betäubt und ihr eine allzu große Meinung von sich beigebracht. Sie wird von einem ganzen Stab „Getreuer" umringt und als Frau „Präsidentin" angesprochen. Mit Herablaffung und voll Selbstbewußtsein nimmt sie diese Huldigungen entgegen, führn wirkt aber ihre Einbildung schon störend; denn die werte Dame weiß nicht, was Wohltätigkeit ist, und ihre Umgebung, namentlich ein recht beschränkter Vereinsmeier, ist auch nicht fähig, sie darüber aufzuklären. Die Frau „Präsidentin" und ihr Anhang machen die Wohltat zur Last. Sie meinen, daß ihre paar Gulden und die wenige Zeit, die sie der Ausspeisung der Schulkinder widmen, sie schon berechtigen, die Kinder zu quälen. Sie maßen sich an, über die Sitten und das Benehmen der Schützlinge auch außerhalb der Speiseanstalt Kontrolle üben zu dürfen. Die Frau „Präsidentin" rühmt sich, daß die armen Kinder bei ihrem Eintritte in Angst geraten. Wohltat — ein Schreckmittel. Das ist die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete der Armenpflege. Und welche Worte die Frau „Präsidentin" im Munde führen kann, soll hier gar nicht erwähnt werden, weil man sich schämen muß, daß niemand bisher die Frau gehörig zurechtwies. Sie will aber auch nun in andere Kreise übergreifen. Da wird man ihr schon auf die Finger klopfen! Und auch den Terrorismus als Entgelt für ihr Wohltun werden alle Einsichtsvollen nicht länger dulden. Das Schönste aber ist, daß der Frau „Präsidentin" gleich nach dem ersten Jahre ihrer wahrhaft humanen Wirksamkeit feierlich ihr Bild bekränzt überreicht wurde und hiebei der „Festredner die Geschmacklosigkeit beging, zu sagen, der Dame sollte eine Krone geweiht werden. Kann der geistige Verfall des Protzentums noch ärger sein?" „Emeth". Nun, geehrter Herr Doktor, werden Sie mich ja fragen, was denn Sie damit zu tun haben! Ich will Ihnen daher auch gleich unumwunden meine Antwort geben. Der Artikel ist — ich will nicht gerade behaupten von Ihnen geschrieben, aber daß er ihnen schon vor feinem Erscheinen bekannt gewesen, werden Sie mir gegenüber nicht bestreiten. Denn Sie haben sich in einem an meine Frau gerichteten Schreiben geweigert, das Erscheinen zu inhibieren. Aber, geehrter Herr Doktor, wenn man mit „Emetli" — Wahrheit zeichnet, muß man auch ganz wahr sein und nicht die „bessere Hälfte" vergessen. Gestatten Sie daher, daß ich ergänze. Anläßlich der zionistischen Chanukafeier für die armen Kinder in den Bezirken 12—15 war auch die von „Emeth" genannte Dame anwesend, und zwar auf die besondere Einladung eines dem zionistischen Frauenvereine angehörenden Mitgliedes, in der löblichen Absicht, ein Zusammengehen der beiden Vereine bezüglich der armen jüdischen Kinder anzubahnen. Und nun beging Frau Landeis das große Verbrechen, den anwesenden Damen den guten Rat zu erteilen, beider Auswahl der Kinder zunächst die Besseren an den Jausen teilnehmen zu lassen, namentlich aber nicht solche, deren Schulzeugnisse mit den Sittennoten 3 und 4 „geschmückt" sind. Und um ihren Worten Beweiskraft zu geben, demonstrierte sie ad oculos, was sie auszusetzen hatte. Eine der anwesenden „Pädagoginnen" hatte darauf keine bessere Antwort als die, daß. die Zionisten gerade die schlechtesten Kinder aussuchen, um sie wenigstens zu „guten Zionisten" zu machen. Auf. diese merkwürdige Auffassung hin hatte Frau Landeis nur die Antwort: „Dann, meine Damen, habe ich hier nichts mehr zu suchen," und ging. Sie, geehrter Herr Doktor, sind als „scharfsinniger Pädagoge" bekannt und ich bin fest überzeugt, daß eine derartige Pädagogin auch Ihren Beifall nicht finden kann. Dies beweist auch, daß der Artikel, der ja ein wenig post festum. gekommen, die Chanukafeier und damit die eigentliche Ursacheeinfach lotschweigt. Aber, o Jammer! Ein Blatt, das den Interessen des jüdischen Proletariats dient, muß par ordre du muffci ein Pasquill bringen gegen eine Frau, derenBemüh ungen ganz allein es zu verdanken ist, daß täglich^ 50—60 Kinder der all er ärmsten jüdischen Proletarier gespeist und wenn es nottut, auch g e k l e i d e t w e r d e n. Es ist wahr, daß die Aufnahme des Artikels in besagtes Blatt ein wenig gegen Ihren Willen geschehen und erst, nachdem die Redaktion der „Welt" die Aufnahmeeines solchen „Kaffee-Tratschs verweigert hatte. Und dem stand ich — wie ich Ihnen verraten will — nicht ganz fern. Meine Frau hatte zufällig von der Sache Kenntnis erhalten und auf meine Veranlassung wurde sie bei der Redaktion der „Welt" durch weitere Aufklärung und um einen chillel haschem zu verhüten, vorstellig. Und nun, geehrter Herr Doktor, noch ein Wort mit Bezug auf das Pasquill als solches. Frau Regina L a n d e is dagegen zu verteidigen, hieße, ihm eine unverdiente Ehre antun. Aber der Schlußsatz wirkt ein wenig verblüffend. Man bemängelt die Bemerkung, es sollte Frau Landeis eine Krone geweihtwerden. Muß ein recht schlechter Berichterstatter gewesen sein, der das verbrochen hat. Sollte nicht vielleicht die auch Ihnen gewiß nicht unbekannte „Lesser-sohernto^" gemeint gewesen sein? Und wenn ja, sollte sich diese Frau Landeis nicht mindestens ebensosehr verdient haben, wie Sie, geehrter Herr Doktor, die zwei zionistischen Ehrendiplome, mit denen Sie sich vor noch nicht langer Zeit „überraschen" ließen?? Allerdings gibt es ja auch unter uns Fünfhauser Zionisten eine ganze Anzahl, die nicht der Ansicht Ihrer Verehrer sind. Denn weder war — vom zionistischen Standpunkte betrachtet — Ihr Vorgehen gegen die „jüdische Toynbeehalle", die Sie bekanntlich boykottieren wollten, weil eine Anzahl Nichtzionisten in deren Vorstand sind, ein großes Verdienst zu nennen, noch ist es eines, daß Sie sich zum Mitwisser oder vielleicht gar zum Verfasser eines gewöhnlichen „Weiberlratschs" hergegeben haben. Und damit habe ich die Ehre, mich zu empfehlen. Wien, 3. Februar 1904. Hermann Berliner. ß Gemeinde- und Uereinsdote. Wien. Am 31. Jänner fand die Generalversammlung des Tempel-' Vereines „Beth. Ilakneset" in. Untere Viaduktgasse, statt. Bei derselben wurde statt des bisherigen Obmannes, Herrn Dr. B. Straffer, der bekannte Advokat und Verteidiger, Herr Dr. Leo Ehrenthal, zum Präses, die Herren Dr. Josef Auerbach und Adler zu Vizepräsidenten, die Herren Dr. Löw und Ornstein zu Schriftführern, Herr Nathan Spiegel zürn Kassier und Herr M. Markus zum Kontrollor gewählt. Wien. Der „Lehrerverein im II. Bezirk" veranstaltet Samstag, den 13. Februar 1904 im Kursalon der Stadt Wien (I., Parkring) eine Wohltätigkeits-Akademie mit anschließendem Tanzkränzchen. Mit Rücksicht darauf, daß das Reinerträgnis Lehrerwitwen und Waisen zugeführt wird, wäre diesem edlen Unternehmen weiteste Förderung zu wünschen.

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