Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 7. ■ -As-, LM,Ä' VH . :.r.?w.“'’;A." v Seite 10. Die Wahrheit Es war also Esther nicht entgangen, daß Eduard sein Auge auf die anmutige Rosl geworfen habe, daß es aber dem Windbeutel, der mehr brauchte, als ihm seine Mutter Kele geben konnte, auch um das schöne Geld zu tun war, das Awrom seiner Tochter als Mitgabe für den oft rauhen Lebensweg bieten wollte. Gegen diese Verbindung Mayer-Eduard mußte angekämpft, dem Schwätzer Eduard durfte das anmutige Kind Awroms nicht ausgeliefert werden. Esther befürchtete, Eduard könne mit seinem Geschwätz leicht den Sinn Awroms betören, da er sich so sehr nach einem Doktor als Schwiegersohn sehnte. Nun fehlte dem guten Eduard zum Doktor freilich noch sehr viel. Eingeweihte behaupteten, er hätte überhaupt noch keine strenge Prüfung abgelegt. Aber vermochte dies auch der einfache, ehemalige Leinwandhändler zu erfassen? Wie leicht konnte der Bochur Mayer mit dem schweren Geschütz seiner talmudischen Dialektik die Festung erobern, und dann war wieder etwas geschehen, was schon zu den Ueberlieferungen der Gasse zu gehören schien, ein nichts ahnendes Frauenherz war an einen nicht geliebten Mann verkauft worden. Esther fühlte sich stark genug, ihre Rosl. wie sie diese zu nennen pflegte, vor solchem Geschicke zu behüten. In ihren Gedanken wurde sie jetzt durch ein lautes Gelächter gestört, das aus einem Winkel der Stube zu ihr herübertönte. Dort bildete den Mittelpunkt der Unterhaltung der junge Lehrer, über dessen Fähigkeiten als Vorbeter sich Awrom so günstig ausgesprochen, während Mayer sein „Leienen" streng verurteilt hatte. Der junge Mensch war aus Deutschland in das Ghetto unserer Killah gekommen und hatte sich bald durch sein freundliches und humanes Wesen, durch seine liebevolle Art, wie er die ihm anvertraute Jugend behandelte, durch seine mehr als gewöhnliche Bildung die Neigung der meisten Killahleute erworben. Man bedurfte in dem sonst so dumpfen und dunklen Ghetto eines Mannes, der in das ertötende Einerlei der Gasse Abwechslung, in das Dunkel, das sie einhüllte, etwas Licht und Freudigkeit brachte. Auch Esther fühlte sich zu dem jungen Manne hingezogen, fast hätte man sagen können, sie liebte ihn. Sie pflegte zu sagen: „Wäre ich um 40 Jahre jünger, ich wüßte nicht, ob ich nicht in meinen Grundsätzen wankend und die Ehelosigkeit aufgeben würde; ich würde vielleicht — Mordechai sogar heiraten, vorausgesetzt, daß er mich wollte." Mit einer gewissen Selbstironisierung sprach sie die letzten Worte, denn die weibliche Eitelkeit war diesem ältlichen Mädchen stets fremd gewesen. „Ich weiß," sagte sie, „daß ich keine Venus von Milo bin, nicht einmal eine Verwandte von ihr." Daß Mayer Bochur dem jungen Lehrer nicht hold war, wissen wir bereits. Aber Mayer sah etwas voraus, was bestimmt schien, seine Kreise zu stören. Er ahnte, daß Mordechai Rosl nicht ganz gleichgiltig sei, und daß sich auf Esthers guter Stube die Beziehungen Beider zu einander immer mehr befestigten. Auch Esther fühlte dies, und sie war entschlossen, hier die Vorsehung zu spielen, die Herzen der Beiden einander näher zu bringen. Ihr Herz, das so vielem entsagen mußte, war einer Verbindung zwischen Rosl und Mordechai besonders geneigt, sie wollte den Kampf mit Mayer aufnehmen, und es sollte sich wieder zeigen, ob der weibliche Witz nicht stärker sich erweisen werde, als der nüchterne männliche Verstand. Herz und Geist traten in den Kampf miteinander. Wer wird als Sieger aus diesem Turnier hervorgehen? „Worüber lacht ihr?" rief sie jetzt der Mädchen- und Jünglingsschar zu, über die Mordechai mit seiner hohen Gestalt hervorragte. „Das will ich Ihnen sagen, liebe Esther," begann Mordechai. „Ich habe mir erlaubt, über das neueste Bündnis zwischen Mayer Bochur und dem zukünftigen Doktor Eduard einige unmaßgebliche Bemerkungen zu machen. David und Jonathans Freundschaft ist nichts gegen diesen zärtlichen Bund. Talmud und moderne Naturwissenschaft, Glaube und allerneueste Bildung haben sich hier zusammengefunden, und da sage man noch, es gebe keine Versöhnung zwischen diesen Extremen. Undwelche Macht liegt in einem guten Essen, in einer wohlbesetzten Tafel! Wahrlich, Doktor Eduard hat da Wunder gewirkt undgezeigt, wie der Magen imstande ist, Gegensätze zu versöhnen.. Die Frömmigkeit Mayers hat kapituliert vor dem Genie Eduards^ und ich glaube, die Beiden führen noch etwas Großes 'im. Schilde, sie wollen im Vereine Herzen unterwerfen und Geister besiegen." „Wenn sie nicht von dem Witze eines Weibes besiegt werden," warf Esther ein, und umarmte bei diesen Worten die neben ihr sitzende, hold errötende Rosl. ..Wir werden diesem Faust Eduard und seinem Mephistopheles Mayer noch beikommen." ..Jeder Balak findet seinen Bileam," bemerkte der bibelfeste Mordechai. „Wenn es Bileam Mayer nur nicht geht, wie dem biblischen, dem seine Eselin erst die Augen öffnen mußte." Man lachte wieder über diese Scherze. Auch Mordechai war nicht geneigt, das Schlachtfeld Eduard zu überlassen. Er hatte eine tiefe Neigung zu Rosl gefaßt, und nur sie, das hatteer sich vorgenommen, sollte sein Weib werden. Er merkte es,. Awrom werde nicht so leicht für diese Verbindung zu gewinnen sein, aber was vermag nicht die Liebe? Sie versetzt Berge und überschreitet Abgründe. (Fortsetzung folgt.) Niederösterreichische Eseompte-Gesellschaft. Die diesjährige General-Versammlung der Niederösterreichischen Eseompte-Gesellschaft findet am 27. Februar d. I., um. 6 Uhr abends im Gebäude der Gesellschaft, Wien,I., Freinng 8, statt. Auf der Tagesordnung stehen die üblichen Verhandlungsgegenstände. Deponirungs-Termin vom 4. bis 13. Februar. K. k. priv. wechselseitige Brandschaden-Verficherungs- Anstalt in Wien. Die Jahresversammlung fand am 29. d. M. bereits in den Räumen des neuen Anstaltshauses, I., Wollzeile 39 statt. Aus dem Jahresberichte sind nachstehende Gebahrungs-Resultate zu entnehmen. In der Gebäude-Bersicherungs-Abteilung hat sich die Versicherungs-Summe auf 1.894,091.488 X und in der Mobilar-Versicherungs-Abteilung aus 332,591.144 X erhöht. Der Gesamt-Versicherungsstand beider Abteilungen erhöhte sich daher im Jahre 1903 um 32,488.385 X und beträgt 2.136,682.632 X. Die Zahl der Versicherungen ist von 147.933 aus 149.645 gestiegen. Die Prämien-Einnahme beträgt in der Gebäude-Versicherungs-Abteilung 1,745.179 X 61 b, in der Mobilar-Versicherungs- Abteilung 488.987 X 59 h und in der ganz selbstständigen Hagelschaden- Versicherungs-Abteilung 34.274 X 89 5, daher zusammen 2,288.441 X 89 h,. d. i. gegen das Vorjahr mehr um 36.804 X 45 h. An Schadenvergütungen toutben für Gebäude 878.991 X 75 h, für Mobilien 158.340 X 39 d und für Hagelschaden 37.686 X 46 8 zuerkannt. An gesetzlichen Feuerwehrbeiträgen wurden 36.775 X 05 d, an Feuerwehren und Gemeinden zur Anschaffung von Löschgerätschaften freiwillige Beiträge in der Höhe von 18.270 X und als Remuneration für besonders erfolgreiche Löschhilfe bei Bränden 11.980 X 56 1i verausgabt. Die Betriebsrechnung weist folgende Gebahrungsüberschüsse aus: in der Gebäude-Versicherungs- Abteilung 299.555 X 06 h, in der Mobilar-Versicherungs-Abteilung 67.936 X 58 h. und in der Hagelschaden-Versicherungs-Abteiluug 17.329 X 76 b. Die Ueberschüsse in der Mobilaruud Hagelschaden- Versicherungs-Abteilung fallen statutengemäß den Reseröefonden zu, dagegen wurden den Mitgliedern der Gebäude-Versicherungs-Abteilung nicht nur der in dieser Abteilung erzielte Ueberschuß von 299.555 X 06 h, sondern in Gemäßheit des § 15 der Statuten noch ein weiterer Betrag von 48.139 X 79 U aus dem Abteilungs-Reservefond, sohin im Ganzen 3,407.694 X 85 b, das sind 20°/g ihres im Jahre 1903 vorgeschriebenen, normalmäßigen Versicherungsbeitrages rückerstattet, beziehungsweise auf ihre Beitragsleistung im Jahre 1904 gutgeschrieben. Die Anstaltsfonde betragen zusammen 8,284.706 X 63 h, d. i. gegen das Vorjahr mehr um 11.176 X 35 h; auf den Reservefond der Gebäude-Versicherungs- Abteilung entfallen 6,682.069 X 04 b, auf jenen der Mobilar-Versicherungs- Abteilung 996.636 X 30 h und auf jenen der Hagelschaden-Versicherungs- Abteilung 606.001 X 29 h. Die Anstalt ist infolge einer Statutenänderung nun berechtigt, die Versicherung der gegen Brandschaden bei ihr mit dem vollen Bauwerte versicherten Wohngebäude auf Grund eines besonderen Uebereinkommens und gegen Leistung einer Zuschlagsprämie auch auf jenen Schaden auszudehnen, welcher dem Versicherten durch die infolge eines Brandes eingetretene. zeitweise Unterbrechung der Benützbarkeit der vermieteten Räume unmittelbar und nachweislich erwächst. Diese Versicherung gegen Mietzins- (Ertrags-) Entgang ist jedoch auf die Haupt- und Residenzstädte Wien und Budapest, ferner auf die Landeshauptstädte, sowie auf jene größeren Städte beschränkt, in welchen sich Gebäude befinden, die einen Zinsertrag durch Vermietung abwerfen und der Hauszinssteuerpflicht unterliegen.