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Die Wahrheit · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrheit Leite 7. soziales Sein unter dem Drucke der ihm ungünstigen Gesinnungen scharf beobachtet. Er hat die Induktion als die sicherste Führerin auf dem Felde des menschlichen Erkennens proklamiert und so bewirkt, daß das Urteil über die Bedeutung und die Eigentümlichkeiten von Völkern und Stämmen nicht den Antipathien und Sympathien preisgegeben werde. - Franzos hat den jüdischen Stamm in seiner balbasiatischen Heimat erkannt und gezeichnet wie keiner vor ihm. Mit Liebe und Hingebung hat er dargestellt, wie sein Volk in Halbasien denkt, fühlt, schafft, sich entwickelt, wie es handelt, wie es lebt. Diese Peripherie, innerhalb welcher das Volkstum sich bewegt, hat er klar geschildert, namentlich den Partikularismus und den Üniversalismus, das Abschließen gegen die Nation, in deren Mitte es lebt, und andererseits die kosmopolitische Gesinnung, tue sich doch mit echter Vaterlandstreue paart Er hat den jüdischen partikularistischen Verstand und das universalistische jüdische Herz mit seinen Gegensätzen dargelegt. Auch im Osten, so wie bei uns, sind die Gesetzeslehrer und Gesetzesdeuter mehr partikularistisch und werden es durch ihre Beschäftigung, welche ihnen die Geistesrichtung ausprägt, während die Hagadisten, Redner und Erzähler, zu deren glänzendsten Vertretern Franzos gehört, mehr den Universalismus des jüdischen Stammes : herauskehren. Der Enthusiasmus und die Verstandesschärfe, der Scharfsinn und die konsequente Zähigkeit des jüdischen Stammes hat in Franzos einen gründlichen Vertreter gesunden. Er ist oft, wie unsere alten Talmudisten, kurz, gedrängt, straff und stramm in seinen Ausdrücken, er begeistert sich rasch und denkt rasch; und daher ist er manchmal zu beweglich, abrupt; er bildet Syllogismen, ohne die Mittelglieder anzugeben, und ..zieht manchmal die französische Wortfolge der deutschen vor. Eine Idee hat er scharf ausgesprochen, wie es vor ihm schon Iellinek gesagt hat: „Die Vervollkommnung des .Jüdischen Stammes ist daher in der Isolierung und in der Absperrung unmöglich; die Gesellschaft gewinnt aber auch durch die Vorzüge, die er ihr als ein belebendes Element zuführt." Das ist der größte Ruhm von Franzos, seine Macht und seine Stärke: Er hat geschrieben für die Aufklärung und Erhebung seines Volkes. M. Die Orgel beim indischen Gottesdienste. Die Berliner Gemeinde baut eine neue Synagoge in .der Rykestraße und da verschiedene Meinungen laut wurden, ob in derselben der neue oder alte Ritus, mit oder ohne Orgel, beobachtet werden sollte, wurden von den Berliner Rabbinen schriftliche Gutachten über diese Frage eingeholt, die wir bei dem großen, allgemeinen Interesse dieses Themas im Nachfolgenden wiedergeben. Herr Rabbiner Professor Dokor Maybaum schreibt: Aus Ihre Aufforderung zu einem schriftlichen Gutachten -darüber, ob sich für die zurzeit im Bau begriffene Synagoge in der Rykestraße die Einführung des Ritus der Neuen Synagoge oder desjenigen der Synagoge Kaiserstraße empfiehlt, und in letzterem Falle, ob mit oder ohne Orgel, beehre ich mich, in nachfolgendem zu erwidern. Ich schicke voraus, daß es .sich bei diesem Gutachten unmöglich darum handeln kann, fest- . zustellen, ob einer der in Ihrer Anfrage genannten Riten religiös zulässig sei oder nicht; denn da diese Riten in den Synagogen der hiesigen Gemeinde tatsächlich eingeführt sind, und da ferner die Orgel selbst von dem konservativen Mitgliede -unseres Rabbinatskollegiums in seiner früheren Gemeinde nicht verpönt worden ist, so kann die religiöse Zulässigkeit des einen wie des anderen für unsere Verwaltung nicht mehr zweifelhaft sein. Ich fasse Ihre Anfrage lediglich als eine Frage der -Opportunität auf, und indem Sie von mir ein Gutachten einfordern, setzen Sie offenbar voraus, daß ich infolge meiner 22jührigen Erfahrung in hiesiger Gemeinde am besten wissen .müsse, was dem innersten Bedürfen des in Frage stehenden Teiles unserer Gemeinde entspricht. Und darin haben Sie recht. Der Rabbiner, der mindestens allsabbathlich mit der Gemeinde in Berührung tritt und zu vielen Mitgliedern derselben unzählige seelsorgerische Beziehungen unterhält, hat hierin ein zutreffenderes Urteil, als der auch von den besten Absichten bestelle Laie, der das religiöse Leben der Gemeinde nur aus der einseitigen Parteibewegung kennt. Aus dieser meiner intimeren Kenntnis der Gemeinde heraus glaube ich für die Synagoge in der Rykestraße die Einführung des Ritus der Kaiserstraße empfehlen zu sollen. Der Ritus der Neuen Synagoge wäre für diesen Teil unserer Gemeinde ein zu großer Sprung, während der Ritus der Kaiserstraße, der nicht blos die Struktur der Gebete nicht ändert — das tun ja auch die Riten in den neuen Synagogen nicht — sondern auch den Inhalt der Gebete unangetastet läßt, dem Standpunkte dieser Gemeindemitglieder am adäquatesten sein dürfte. Was dieser Gottesdienst neues enthält, bezweckt lediglich die Kürzung und Beseelung desselben, erstere durch die sofortige Rezitierung der Tefilla, letztere durch Einfügung einiger deutscher Gebete und Lieder; und das ist es gerade, ivas diese Mitglieder erhoffen und erwarten, wenn sie aus der Winkelsynagoge ausziehen, um sich an dem Gottesdienst zu erbauen, den ihnen die Verwaltung der ..großen Gemeinde einrichtet. Dagegen glaube ich aus derselben Kenntnis der Gemeinde heraus unserer Verwaltung raren zu müssen, diesen Gottesdienst ja nicht ohne die Begleirung der Orgel einzuft'rhren. Gegen die Orgel bestanden von vornherein nur sogenannte Imponderabilien, die heutzutage, wo unsere Gemeinde seit fast einem halben Jahrhundert die Orgel besitzt und wo sie in den meisten größeren Gemeinden Deutschlands eingesührt ist, vollkommen überwunden sind. Ich verweise dafür nicht nur auf die Tatsache, die jeder meiner Kollegen bezeugen kann, daß viele Besucher der Alten Synagoge und der Synagoge Kaiserstraße der Predigt zuliebe auch die Orgelsynagogen häufig besuchen, sondern auch die vielfach gemachte Beobachtung, daß selbst die konservativsten Mitglieder regelmäßig den Sabbatgottesdienst der Orgelsynagogen besuchen, wenn sie ihren Wohnsitz in der Nähe derselben aufgeschlagen haben. Und sollte selbst bei dem einen oder anderen eine abgünstige Stimmung gegen die Orgel noch vorhanden sein, die Rücksicht ans ihre Kinder, die von dieser Stimmung nichts wissen, und die durch den musikalischen Gottesdienst angezogen und sestgehalten werden, wird auch sie dazu führen, sich mit der Orgel zu befreunden. Für die Verwaltung aber, die eine neue Synagoge ohne einen geregelten Gottesdienst in modernem Sinne nicht eröffnen kann, muß für die Einführung der Orgel schon die eine Erfahrung sprechen, daß in großen Synagogen ohne dieses gewaltige, die Massen beherrschende Instrument die Ordnung nicht herzustellen ist. Das wird mir jeder Besucher der Alten und selbst der Kaiserstraßen-Synagoge bezeugen, sosorn er die vorgeschriebene Ordnung der Responsorien in unserem alten Gebetbuche kennt. Bei der Kedusche z. B., wo Vorbeter und Gemeinde abwechseln sollen, werden von den Betern trotz wiederholter Vermahnung auch die nur für den Vorbeter bestimmten Stücke rezitiert, dasselbe geschieht an den hohen Festtagen bei den Stücken £>,-6*6 na», -ri imxrr und ähnlichen responsorischen Stücken. Bei der Begleitung des Gesanges durch die Orgel ist das ausgeschlossen. Die Gemeinde merkt sehr bald, daß sie nur mit dem Chor mitzusingen hat, und die Orgel übertönt und deckt damit jede Abweichung von der Ordnung. Aus diesem Grunde entschließen sich jetzt auch konservative Gemeinden, wie die zu Beuthen in Oberschlesien, zur Einführung der Orgel, und es ist in dem letzten Jahrzehnt keine große Synagoge in Deutschland erbaut worden, wo nicht auch die Orgel eingesührt worden wäre. Der Hinweis der Gegner aus Wien, Hannover u. s. w. ist nicht stichhaltig, da diese Gemeinden nachweislich die Orgel einsühren wollten und nur aus Rücksicht aus ihre verdienten Rabbiner, die sich mit ihr nicht befreunden konnten, von ihrer Einführung vorläufig Abstand nahmen. Die gottesdienstliche Ordnung in diesen Synagogen, soweit sie an Größe den unsrigen gleichen, ist aber auch so primitiv, daß sie

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