Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 7. Die Wahrheit Morn Hartmann. Eine Epigone des hohen Rabbi Löw. „Sah ich eine Persönlichkeit wie Moriz Hartmann an, so versetzte sich meine Phantasie willig und gleichsam von selbst in jene Jahrhunderte, — wo die seinen Köpfe des Südens, tolerante Mauren und gelehrte Juden, mit einem Hohenstaufen oder Abenceragen an den lichtumflossenen Höfen zu Palermo oder zu Granada die Symposien einer schönen Menschlichkeit hielten, und aus den Ruinen der griechischen Bildung neue Blüten lockten, und heiteren Lebensgenuß übten und verfeinernde Künste trieben und die Natur erforschten und Wissen verbrei-! teten, als noch die halbwilden Völker der nordischen Wald- und Nebellande im papstumnachteter Barbarei die Knochen der Heiligen anbeteten und ihre Metaphysik mit Scheiterhaufen erleuchteten. Die milden Herzen und verständigen Sinne jener hellenischen Semiten waren die wirklichen Kirchenväter der europäischen Humanität.. Wenn Moriz Hartmann in die Gruppe Heine gehört, allerdings als ein schwächerer Heine, so ist er das letztere nur darum, weil er einen Fuß näher auch bei der Gruppe Börne hat. Zwar nicht als Raisonneur, aber als Charakter. Er trägt seine Rüstung, die Börne auswendig und Heine gar nicht trug, inwendig. Und wahrlich, es gehörte die ganze Rüstung jener tieferen, jüdischen Energie dazu, um in einem unaufhörlichen, fast dreißigjährigen Wanderleben Bücher zu schreiben, wie sie Heine an einem stationären Schreibtische ausgearbeitet, und keineswegs leichtere Ware! Sturmglocken, wie sie ..der Krieg um den Wald" läutet, hätte Heines Hand nicht ziehen, Heines Ohr nicht aushalten können. Töne, wie sie der „Pfaffe Mauritius" gelegentlich anschlägt, können an den Zorn Schaddais und an den Schmerz des Jeremias erinnern! Selten hat ein Viveur, ein Feuilletonist, j ein leichtlebiges, liebenswürdiges Naturkind, die Klippe der Frivolität, man könnte sagen mit soviel Eleganz, umschifft. Zu einem hartköpfigen Streiten, Systemreiten, Theoretisieren, Verranntsein in Prinzipien und Doktrinen war Moriz Hartmann allerdings viel zu viel Poet und Hellene, und in Wollust der Harmonie ging ihm jedes Entstement unter. Hätte man ihn und Börne politisieren gehört, — alle Welt hätte geglaubt, wie feuerspeiend Börne und wie mild, wie gelassen, wie wellenlinig Moriz Hartmann die Sache nahm, sie stehen sich gegenüber wie ein Held und ein Epikuräer. Es kam zur Aktion — und sie standen Seite an Seite. Wie heldenhaft litt dieser Epikuräer für seinen politischen Glauben! Welche Opfer brachte er ihm! Wie trat er allen, auch den blutigsten Gefahren des politischen Märtyrertums, dicht und ernsthaft unter die Augen! Derselbe Volksvertreter, der das ganze Pathos der Paulskirche scheinbar im Humor seiner „Reimchronik" verpuffte, geht mit Robert Blum in die Höhle des Löwen, der aber ein Tiger ist und nur die Blutgier, nicht die Großmut des Löwen hat. Derselbe Feuilletonist, der im „Tagebuch aus Languedoc und Provence" den Schaumwein des Franzosentums aus seinen süßesten arabisch-griechischen Kelchen schlürft, ist im deutsch-französischen Kriege ein felsenfester Deutscher, unverführt von französischen Freunden und Freundinnen, lachenden Reminiszenzen und lockenden Souveniers! Derselbe schmerzgefolterte Kranke, der nur aus giftigem Morphium gefährliche Ruhe saugt, wird plötzlich gesund, als seine Gattin krank wird, und pflegt die übermenschlichheroische Pflegerin in ihrem Typhus-Delirium selbst! - Wahrlich, in unserem edlen Toten hat die Natur ein Meisterstück von jüdischer Energie und hellenischer Elastizität geschaffen! Ein Meisterstück, das ihr sobald nicht wieder gelingen möchte. Selten stand ein schönerer, jonischer Tempel auf einem stärkeren, makkabäischen Unterbau! Möge seine Biographie — und innen und außen bietet er das Material einer solchen — den Hellenen im Juden, den Juden im Hellenen, die ganze Eigentümlichkeit seines Genius, seiner Liebenswürdigkeit und seiner Tüchtigkeit der eingehendsten Charakteristik wert finden, zu welcher hier nur den Ton angeben, nicht das Spiel der ganzen Tonart gefügt werden konnte." An diese treffende Charakteristik des Epigonen des sagenhaften hohen Rabbi Löw wurden wir unwillkürlich erinnert, als uns der Zufall dieser Tage auf den Tisch brachte: ..Moriz Hartmanus Jugend. Jnaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Bern. Vorgelegt von Otto Wittner aus Leipzig. Wien 1903. Im Verlage des Verfassers. Druck von Johann N. Bernay, Wien." Mit emsigem Fleiße und glücklichem Spürsinne entwirft uns der junge Literarhistoriker aus bisher ungedruckten Briefen, Familienpapieren und ganz verschollenen Zeitschriften ein liebevolles Bild der Abstammimg, Kindheit und ersten Eindrücke des Enkels des greisen orthodoxen Rabbi Spitz in Jungbunzlau, seines Aufenthaltes auf der Prager Universität und später in Wien, wo der bildschöne Jüngling ein kümmerliches Dasein fristete, um bei erstbester Gelegenheit seinen Exodus nach Leipzig zu vollziehen, womit das Buch leider abschließt. Möge uns der Verfasser in kürzester Frist ein vollständiges Bild des viel zu wenig gewürdigten und gekannten, deutschböhmischen Dichters schenken. Möge damit der eine Teil des bereits vor drei Jahrzehnten von Ferd. Kürnberger vergebens geäußerten Wunsches in Erfüllung gehen; der andere Teil scheint ohnehin nach wie zuvor in weite Ferne gerückt. Noch immer verkaufen sich nicht die gesammelten Schriften (Verlag von Cotta) „so gut als es ihr gutes Recht tväre. Wahrlich traurig! Den ehrliebenden Verleger, der einem toten Dichter aus seinen eigenen Werken ein Denkmal setzt, läßt man im Stiche, pfropft aber Erzpuppen auf Erzpuppen, wenn der Denkmalpfennig erpreßt wird von reklaiuefüchtigen Aufsehenmachern, welchen man die Türe zu weisen zu schwach ist. Kart Gmit Fra«;os. Die literarische Würdigung des am 28. Jänner in Berlin verblichenen Karl Emil Franzos ist in voriger Nummer dieses Blattes in ausführlicher Weise erfolgt, und deshalb möge an dieser Stelle blos seiner Verdienste um das Judentum gedacht werden. Franzos' Kulturbilder aus Galizien und der Bukowina, aus Südrußland und Rumänien haben ethnographische Studien über den jüdischen Stamm zu Tage gefördert, welche mit seltener Schärfe und überaus klarer Darstellung den moralischen und physischen Druck schilderten, dem die Juden in Hälbasien unterworfen sind. Als er unter dem Titel ..Aus Halbasien" seine Feuilletons in der „Neuen Freien Presse" über dieses Thema begann, waren erst einige schwache Anzeichen des Antisemitismus bemerkbar, aber seine Erzählungen bildeten einen beredten Protest gegen die ungerechtfertigte Bedrückung des Judentums und seiner Bekenner. Seine Romane und Novellensammlungen haben in formvollendeter Weise nur ein Ziel vor Augen gehabt: Die Erhöhung des Judentums, und so hat er uneingestanden viel Isüickusoli haschem beigetragen. Franzos war ein Dichter von Gottes Gnaden, und wenn Fritz Mauthner in seinem Büchlein „Nach berühmten Mustern" ihn in gleicher Weise, wie unsere berühmtesten Schriftsteller in deutscher Sprache, persiflierte, so war es ein ehrendes Zeugnis der Anerkennung für das seltene Erzählertalent von Franzos. Wenn Kompert und Bernstein, von reinem Idealismus erfüllt, Israels Leben in der Kleinstadt schilderten und mit wahrheitsgetreuem, poetischem Hauche umgaben, so hat Franzos Beitrüge zum Ausbau einer Wissenschaft geliefert, welche die ethnische Erkenntnis erweiterten und für die soziale Praxis verwertbar sind. Mit Kopf und Herz hat er gegen die Vorurteile polemischer und die Voreingenommenheit apologetischer, die Urteile verwirrender Schriftsteller gekämpft. Seine novellistischen Studien haben einen größeren Kreis um sich gezogen, sie haben die mannigfachsten Offenbarungen des jüdischen Stammes in der Geschichte verfolgt, die verschiedenen Phasen seines Eigenlebens l untersucht, sowie sein individuelles häusliches, korporatives und