Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit Seite 5. Israels in das Land der Heilslehre (Leere) zu führen; doch erstseit jüngster Zeit wird in ihren maßgebenden Kreisen bittere Klage darüber geführt, daß man dem Judentume nicht genug Liebe predigt, also nicht bezeugt! Was Wunder, wenn es keinen besonderen Reiz verspürt, in das Reich der Alleinseligmacherei hinüberzusegeln. Also die Lieblosigkeit, der wir allerseits begegnen, macht des Pudels Kern aus, daß von Israel noch immer die Rede sein kann, „sonst würden seine Söhne alle schon längst, der qualvollen Bitternisse satt, denen sie auf ihrem harten Lebensgange begegnen, sich in den christlichen Mantel gehüllt haben. Und diese Hoffnung wäre der Verwirklichung um so näher, als es eine nicht wegzuleugnende Tatsache ist, daß dem Judentume jegliches Band fehlt, das es im jetzigen Zeitalter einen würde. Viele Jahrhunderte ist der Rabbinismus und Talmudismus das Band gewesen, welche seine Glieder zusammenhielt. Als das Volk eines Gesetzes, welches sie Gottes Gesetz nannten, während es nur eine Verunstaltung des Gesetzes Mosis und seiner Heilsgedanken war, haben sie da mit Gott gerungen, daß er ihre Gerechtigkeit anerkannte und ihnen zum Lohne dafür ihr Land und ihre Herrschaft zurückgäbe." So läßt sich eine Missionsschrift vernehmen, die auf jüdischem Gebiete ihre Netze ausbreitet. Also unser Gesetz, das wir befolgten und auch jetzt noch in seiner ganzen Ungeschwächtheit befolgen, wäre nur eine durch den „Rabbinismus und Talmudismus" erfolgte Verunstaltung, die in Wahrheit mehr dem Christentume zuftele, wenn man eine genaue Analyse ihres Religionsgesetzes vornehmen wollte. Noch heutzutage zehren sie an diesem Gesetze, das sie genug dreist mißachten und verunglimpfen. Hätte das Christentum je solche Erfolge erzielt, wenn es nicht auf der Grundlage des mißhandelten und mißachteten Gesetzes Mosis aufgebaut worden wäre? Hat ferner der Stifter der christlichen Religion dem Rabbinismus und Talmndismus weniger angehangen als Israel, und bei alldeni spricht er von unserem Gesetze mit der größten Hochachtung und Verehrung. Und dies mit Recht und Vorbedacht; denn wenn dem Judentume alle Größe abgesprochen wird, woher sollte dann das Christentum die Sprossen zu seiner Leiter nehmen? Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ging eine neue Umwandlung im religiösen Leben Israels vor sich. „Von dem Herz und Geist aushöhlenden Formenwesen ermüdet, folgten da bald große Massen der Juden der Aufforderung, in das Kulturleben der Völker einzutreten, und die alte jüdische Orthodoxie kämpft seitdem mit dem modernen Kulturjudentum der Reform einen verzweifelten Kampf. . . . Aber Jahr für Jahr verliert der Talmudismus an Boden unter den ganzen Juden der Welt. Wo irgend unter sie die neue Kultur dringt, wo immer sie in das moderne Staatsleben hineingezogen werden, wo sie insbesondere das allgemeine Bürgerrecht erhalten, da zieht sie dies mit unwiderstehlicher Gewalt an und wandelt sie völlig um." Wer da bisher noch glaubte, daß es dem Artikelschreiber um die reine Wahrheit zu tun sei, der hat sich durch seine jeder Wahrheit hohnsprechenden Expektorationen überzeugen können, daß im Missionslager mit ganz anderen Waffen gekämpft wird. „Das neue Kulturleben, an dem wir regen Anteil nehmen, hat das Judentum der Reform zugeführt." Wer so sieht, hat eine schwarze Brille an. Die Kulturarbeit schließt keineswegs die Festhaltung an dem ererbten Glauben aus. Das angebliche „Formenwesen" besteht noch immer, es ist nicht in die Rumpelkammer gewandert, in die sie unser messionistischer Artikelschreiber hineinzaubern möchte. Wohl ist es wahr, daß das moderne Staatsleben dem Juden als Menschen Schliff und Gewandtheit verliehen, Freiheitssinn und Freiheitsgedanken in ihm erweckten; daß die verliehenen Bürgerrechte hie und da aus Unkenntnis und Zügellosigkeit im religiösen Leben Risse gemacht; aber keineswegs haben sie die Gemeinschaft völlig umgewandelt, wie sie sich so gerne einreden möchten. Wir wußten stets die kulturellen Elemente unserer Religion anzupassen, ohne je einen Deut von derselben auszugeben. „Es ist heute sehr schwer zu sagen, was eigentlich noch den religiösen Inhalt des neueren Judentums ausmacht. Mit dem alten ist man wohl ziemlich fertig und das auch dort, wo noch allerlei altes beibehalten wird, weil man nichts besseres an seine Stelle zu setzen weiß." Liebe, Gerechtigkeit, Sittlichkeit sind wohl genug schwerwiegende Dinge, die unsere Religion lehrt und die den Inhalt des Judentums ausmachen, und wenn man die Augen nicht mit Gewalt schließen will, werden diese Elemente in mehr oder minderer Zahl in jeder jüdischen Familie anzutreffen sein. Dies ist eine Folge des altererbten jüdischen Gesetzes, und wir weisen jedes Unterfangen von vornherein ab, uns anstatt des alten, bereits durch Jahrtausende erprobten, religiösen Gesetzes ein minderwertiges, wenn noch so verlockendes zu geben. Hätten unsere Freunde diesen religiösen Inhalt, wie sie ihn in seiner ganzen Intaktheit von ihrem Stifter erhalten, bis auf den heutigen Tag bewahrt, sie würden mit mehr Liebe, aber auch mit weniger Unverftorenheit vom Judentume reden. Wer sich zur Höhe dieses reinen, erhabenen Glaubens nicht zu erheben vermag, wer im Judentume den Stamm nicht sieht, an dem die Ranken ihrer Religion sich klammern, wer da vergißt, daß mit dem Judentume erst die Reinheit des Glaubens in die weite Welt sich hinausgewagt, wer unserem Gesetze nicht die volle, ihm gebührende Achtung zollt, der kann von der Erhabenheit des christlichen Glaubens uns noch viel weniger Ueberzeugung beibringen, wie sehr man auch seine Kraft daran setzen mag. Wir werden dem modernen Kulturleben die erforderliche Achtung gewähren und dabei mit unverwandten Blicken auf unser religiöses Erbe achten, damit unsere „lieben Freunde" in unserem religiösen Leben nicht wirre werden, damit sie endlich einsehen, wie vergeblich sie sich bemühen, uns mit etwas zu beglücken, wornach wir kein Verlangen tragen. Dr. S. Partos, Duna-Földvar. Kant über Mendelssohns „Jerusalem". Am 12. Februar wird der 100jährige Todestag Kants nicht nur in Königsberg sondern auch in zahlreichen anderen Städten gefeiert werden. Es dürfte daher nicht ohne aktuelles Interesse sein, zu erfahren, wie Kant über Mendelssohns apologetische Schrift „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judentum" dachte. In einem Briefe vom 16. August 1783 schreibt Kant über dieses Werk an Mendelssohn: „Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfteiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfteiheit zu jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigt und drücken kann, von der ihrigen absondern, welches endlich in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen mnß. ♦ ." Auch Mirabeau war von Mendelssohns „Jerusalem" so entzückt, daß er ausrief: „Le Jerusalem de Mendelssohn merite d’etre traduit dans toutes les langues de TEnrope.“ „Mendelssohns „Jerusalem" verdient in alle europäische Sprachen übersetzt zu werden." Nebenbei fei bemerkt, daß dieses Werk auch heute noch eine Fundgrube vornehmer, jüdischer Apologetik ist. Brüx. Dr. B i a ch.