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Die Wahrheit · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 7 Herr Gregorig, einer der Führer der Wiener Radau- Anüsemiten, der intime Gesinnungsgenosse der Vergani, Schneider, Purscht rc., ist als Verläumder!!!! aus dem Bürgerklub ausgeschlossen worden. Den Vorwand'hiezu gab der Umstand, daß Herr Gregorig Beschuldigungen, die er gegen Parteigenossen erhob, nicht zu beweisen vermochte, oder nicht beweisen wollte. In Wirklichkeit aber soll Gregorigs Sturz seinen Grund darin haben, daß Dr. Lueger den alten, unzufriedenen Frondeur, der versteckt und im geheimen auch gegen ihn wühlte, mit einem Schlage niederstrecken wollte. Diese Version hat viel für sich. Jedenfalls mehr, als die Annahme, daß die Christlich-Sozialen, deren Programm auf Lüge und Verläumdung basiert, plötzlich so feinfühlig geworden wären, einen Gregorig unwürdig fänden, Mitglied des Bürgerklubs zu sein! Das wäre denn doch zu komisch! Wenn jetzt daran erinnert wird, daß Herr Gregorig, als er von antisemitischen „Gaukler" sprach, den srevlerischen Mut gehabt, damit eine Anspielung auf seinen Herrn und Meister Lueger zu machen, so ist es vielleicht nicht uninteressant, folgendes festzustellen: Es war im österreichischen Parlamente, wo Schönerer dem Lueger zurief: „Sie sind der Gaukler von Wien!" Ein Zuruf, den dieser damit quittierte: „Und Sie sind der Hanswurst der Antisemiten!" Und die zwei sind die Vertreter des Antisemitismus in Oesterreich Judentum «ud Gutmickluugslehre.*) Löbliche Redaktion der „Wahrheit" in Wien! In den beiden jüngsten Nummern Ihres geschätzten Blattes mar mein vor kurzem in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" über „Selbsthilfe als Naturgesetz" gehaltener Vortrag Gegenstand der Erörterung. Und da es mir in all meinen Bestrebungen ausschließlich nur um die mir hochheilige Sache der Hebung unserer unter dem Einflüsse der allgemeinen Reaktion tiefgesunkenen innerjüdischen Zustände, nicht aber um meine bescheidene Prrson zu tun ist, so ist es ganz selbstverständlich, daß ich jede auch abfällige, wenn nur ehrliche und sachliche Kritik als wünschenswert und geboten erachte. Aber eine Grundbedingung ist selbstverständlich keinerlei Kritik erläßlich. Kennen, oder wie im vorliegenden Falle, gehört haben muß der Referent jedenfalls dasjenige, worüber er referiert. Die Wahrheitsliebe Ihrer Referenten vorausgesetzt, können dieselben angesichts ihrer Referate unmöglich meinen Vortrag mitangehört haben. Höchstens mögen sie der ganz eigenartigen Diskussion beigewohnt haben. Gestatten Sie nun, daß ich dies Ihnen und den Lesern Ihres geschätzten Blattes beweise. Ihr Prinzip ist ja auch meines, Wahrheit und Klarheit zum Heile des uns allen teuern Judentumes. Ihr Referent in 9ir. 5 beginnt mit der Behauptung, die Zuhörer hätten „naturwissenschaftliche Darstellungen mit eventuellen Ausblicken auf das religionswissenschaftliche Gebiet" erwartet, dagegen aber „ein begeistertes Plaidoyer für die Revision des jüdischen Zeremonialgesetzes" zu hören bekommen. Das ist entschieden unrichtig. Vielmehr wird jeder Zuhörer es bezeugen und das Stenogramm es vollinhaltlich bestätigen, daß der ganze, nahezu zweistündige freie Vortrag ein durchaus naturwissenschaftlicher warund ganz nach den Erwartungen des Publikums, wie Sie sagen, „naturwissenschaftliche Darstellungen mit Ausblicken auf das religionswissenschaftliche Gebiet" bot. Ich zeigte, wie es das Thema ja versprach, daß Selbsthilfe ein Naturgesetz fei, und zivar an Hand der Deszendenz- und Selektionslehre. Und nur im S ch l u ß s a tz e, da ich auf den Kampf ums Dasein zu sprechen kam, den das Iudentum heute zu führen *) Um dem Prinzipe „audiatur et altera pars“ gerecht zu werden, geben wir das nachfolgende, an uns gerichtete Schreiben vollinhaltlich wieder, doch inüffen wir gleichzeitig betonen, daß die Ausfübruugen unseres Referenten in vorletzter Nummer dieses Blattes von anderen Ohrenzengen vollkommen bestätigt wurden. hat, erwähnte ich kurz, daß auch hier nur Selbsthilfe der einzige Weg zum Heile sei, und zwar durch Anpassung an die Wissenschaft von heute und die Existenzbedingungen von heute. Eine Anpassung an das Leben von heute, die praktisch längst geschehen ist, aber durch offizielles Verläugnen derselben zu den verhängnisvollsten Zuständen von Heuchelei und Scheinwesen geführt hat. Daß ich dies am Schlüsse des Vortrages nur flüchtig andeutete, geschah vornehmlich deshalb, weil mir, wie ich im Laufe des Vortrages mehrfach betonte, jede Erörterung religiöser Fragen in einem politischen Vereine unstatthaft erschien. Und eben an diesen Schlußsatz knüpfte sich die ganze Diskussion. Und weiters erzählt Ihr Referent in Nr. 5, daß ich in meinem „Plaidoyer' Thesen aufgestellt hätte. Auch das ist durchaus unrichtig, vielmehr sind diese Thesen, wie überhaupt ein großer Teil des Referates, aus meiner vor kurzem bei Calvary & Co. in Berlin erschienenen Schrift „Judentum und Entwicklungslehre ' abgeschrieben. Dort allerdings habe ich diese Anschauung offen ausgesprochen und stehe vor jeder sachlichen Kritik stets für diese ein. Aber ..begeisterte Plaidoyers" über dieses Thema, so tiefernst und hochaktuell es ist, in Wien, unter dem die ganze Kaiserstadt unheimlich dicht bedeckenden Schatten des Rathauses, zu halten, hätte selbst der Naivste als ein ganz und gar zweckloses Beginnen erkennen müssen. Auch Herrn I. Robinsohn, der in Nr. 6 Ihres gesch. Blattes meinen Vortrag bespricht, muß ich auf die Veröffentlichung des Stenogrammes verweisen. Er wird da finden, daß ich mehrfach und ausführlich — u. a. auch an der Hand eines hochinteressanten Briefes des sel. Prof. Lazaras — auf die kühnen und nach dem derzeitigen Stande der Erkenntnis unberechtigten philosophischen Reflexionen Haeckels und Ladenburgs zu sprechen kam, die wir Juden entschieden ablehnen müssen. Und diese nur haben den Begriff „Gott' ausgeschaltet, haben aber mit Wissenschaft im strengen Sinne und mit der Entwicklungslehre nichts gemein. Moses oder Darwin, das Judentum unbedingt Gegner der Entwicklungslehre, hieße auf das Recht der Zukunft verzichten. Doch ist dies weder möglich noch auch notwendig, wie ich sowohl in meinem Vortrage wie auch in meiner vorgenannten Schrift dargelegt habe. In dieser dürfte Herr Robinsohn zugleich finden, daß ich, aus Gründen der Entwicklung, überzeugter Gegner der Assimilation und aller auf Aeußerlichkeiten hinzielender Reform bin und daß ich auch seine weiteren Einwände gegen das Synodal-Projekt vorhergesehen und nach Möglichkeit widerlegt habe. Tatsächlich steht die moderne Wissenschaft und das moderne Leben dem Judentume in seiner heute noch immer offiziellen Gestaltung gefahrdrohend gegenüber. Dern ation a ljüdische Begriff bietet hier ebenfalls einen Ausweg, muß aber selbstredend Leben und Wissenschaft ebenfalls Rechnung tragen. Ob Naüonal- oder Religionsjudentum, in keinem Falle könnten erkannte Jrrtümer Prinzipien bleiben. Für die Veröffentlichung dieser Zeilen dankend hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Tänzer. Hohenems, den 7. Februar 1904. Nachschrift: Sukkoth stehen in unseren Alpenländern mehrere, und mir selbst hat unsere Kultusvorstehung bald nach meinem Amtsantritte auf mein Ersuchen eine solche im Hofe des Rabbinatshauses erbauen lassen, in der sich an den betreffenden Festtagen die Gemeindemitglieder zu Kiddusch u. s. w. zu versammeln pflegen. __ Obiger. Die ptilTum auf dem Felde Israels. Es muß gegenwärtig sehr arg mit der missionistischen Arbeit bestellt sein, wenn sie offene Tatsachen wegleugnen und zu Mißgriffen ihre Zuflucht nehmen muß. Wir sind es wohl schon von altersher gewohnt, daß unsere „lieben Freunde" im christlichen Lager allerhand Köder gebrauchen, um die verirrten Schafe Die Redaktion.

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