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Die Wahrheit · 1904-02-12 · Heft 7 (12.2.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, H/i Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302 Inserate 20 Hellper Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträqe sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heiifchrift für jüöisch, Antere^en. Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig . . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . K. 10.— Für Ausland: Ganzjährig ... 3 Mark. 6 Rubel oder 16 Fcs. Ur. Wien, 12. Februar 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Judentum und Entwicklungslehre. — Die Mission ans dem Felde Israels. — Kant über Mendelsohns „Jerusalem." — Moriz Hartmann. — Karl Emil Franzos. — Die Orgel beim jüdischen Gottesdienste. — Offener Bries. — Gemeinde und Vereinsbote. Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Zur Sulzerfeier. — Verschiedene Nachrichten. Die geehrten Kerren Abonnenten werden höflichst ersucht, das Abonnement umgehend zu erneuern, damit die regelmäßige Zusendung des Dlattes keine Unterbrechung erleide. Ans der Woche. Der Krieg zwischen Rußland und Japan ist ein geschichtliches Ereigllis, welches unabsehbare Wirkungen auch auf die Geschicke der Völker und Staaten üben kann, die an dein Streite in keiner Weise beteiligt sind und schon vermöge der geographischen Lage zur vollsten Neutralität veranlaßt sind. Der Menschenfreund, der in dem Kriege unter allen Umständen eine tiefbetrübende Katastrophe erblicken muß, wird nichtsdestoweniger mit einer gewissen Genugtuung die Tatsache begrüßen, daß die allgemeinen Sympathien der Welt sich Japan zuneigen, daß allenthalben der Wunsch gehegt wird, der Ausgang der bevorstehenden Schlachten möge nicht ein für Rußland günstiger sein. Wem der Begriff europäische Zivilisation kein leeres Wort ist, der nimmt, so seltsam das klingen mag, Partei für Japan, für das asiatische Volk, welches dem europäischen Rußland gegenüber noch als der berufene Träger des Fortschrittes und der Gesittung erscheint. Man wird uns Juden den Vorwurf der Ueberhebung und Selbstüberschätzung nicht machen dürfen, wenn wir uns heute noch an das alte Wort erinnern: das Verhalten der Völker und Staaten gegenüb e r d e n Juden i st d e r M a ß st a b s ü r d i e H ö h e ihrer Kultur. Die grauenhaften Leiden und Verfolgungen, welche unsere Glaubensgenossen in Rußland, dank den dort herrschenden Regierungsmaximen, erleiden müssen, haben, darüber gibt es keinen Zweifel, überall zu der Erkenntnis beigetragen, daß das Reich des Czaren durch seine politischen Machthaber außerhalb der Gesetze der Menschlichkeit sei. Die allseitigen Sympathien für Japan haben nicht zuletzt in dieser Erkenntnis ihre Wurzel. * * * Die englische Bibelgesellschaft feiert ihren hundertjährigen Bestand. Sie hat während dieser Zeit es dahin gebracht, daß die Bibel in Millionen von Exemplaren verbreitet wurde, daß sie in 400 Sprachen — zu allen Völkern der Welt spricht. Wir brauchen nicht erst zu bemerken, daß die englische Bibelgesellschaft bei diesen Bemühungen sicherlich nicht von der selbstlosen Liebe zum Volke Israel, von dem Wunsche, dem alten Testamente Geltung zu verschaffen, geleitet war. Gewiß nicht; ihr Zweck und Ziel bestand und besteht ja zum großen Teile darin, auch die Juden zum Christentume zu bekehren. Nichtsdestoweniger dürfen wir das Jubiläum der englischen Bibelgesellschaft in gewissem Sinne, auch vom jüdischen Standpunkte aus, als einen Triumph des Judentums feiern, dessen Geist über alle Gestaltungen und Wandlungen hinweg siegreich dahinschreitet. Was immer auch die Bibelgesellschaft bezwecken mag, sie kann es — trotz mancher Interpolierungen - nicht hindern, daß die Millionen von Bibelexemplaren, die sie verbreitet, den Geist des alten Testamentes, den Geist unserer Lehre, das Wort unserer Religion, allen Völkern verkündigt; sie kann es nicht hindern, daß die Leser des Neuen Testamentes den Ausspruch finden, wonach der Stifter des Christentums ausdrücklich erklärte, er sei nicht gekommen, um das Gesetz Mosis aufzuheben, und daß eher Himmel und Erde vergehen werden, bevor ein Wort desselben aushören wird. * * * Wieder dürfen wir darauf Hinweisen, daß zu dieser Auffassung nicht etwa jüdische Ueberhebung und Selbstüberschätzung führen. Man wird die radikalen antisemitischen Rassentheoretiker, an deren Spitze Dü bring steht — zu dessen begeistertsten Jüngern zählen Schönerer und die Seinen — gewiß erhaben über den Verdacht der Voreingenommenheit für die Juden halten. Und doch sind sie, dank einem von Logik und Konsequenz beherrschten Denken, zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Christen, die an das Neue Testament glauben, dem Geiste des Alten Testamentes huldigen müssen. Dühring und seine Anhänger bekennen auch unerschrocken, daß ein wahrer Antisemit sich ebenso ferne vom Neuen Testament als von dem Alten Testament halten muß, das die unerschütterliche Grundlage des e r ster en ist. * * * Wieder hat sich ein Bischof — jener von Regensburg — veranlaßt gefühlt, gegen das Radfahren der Geistlichen einen energischen Protest zu erheben. Unwillkürlich wird man da aus die kuriose Idee gebracht, zu fragen: Was widerspricht dem Christentume mehr: der Haß gegen Menschen oder das Radfahren? Gegen die Verfolgung der Juden haben nämlich bisher noch lange nicht so viele Bischöfe protestiert, wie gegen das Radfahren.

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