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Die Wahrheit · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 6. Indrmmrnßcn in Marokkn. Mitteilung der Israelitischen Allianz, Wien. Am 17. Dezember v. I. entstanden in Stad, etwa 50 km von Casablanka (Marokko) Unruhen, welche die ganze dortige jüdische Bevölkerung (1500 ungefähr) ins Unglück brachten und dem Elend Preisgaben. Während die Juden in der Synagoge das Morgengebet hielten, stürzten zahlreiche berirrene Kabylen aus der Umgebung in das jüdische Stadtviertel (Mellak), wo sie das Hab und Gut der Juden raubten und verheerten, Frauen und Kinder als Geißeln Mitnahmen. Im Lause der Krawalle starben zwei Juden, die von den Pferden zertreten wurden. Außerdem geschahen ungeheuere Szenen der Gewalttätigkeit und der Schändung, so wurde z. B. ein zwölfjähriges Mädchen, ein armseliger Krüppel, derart vergewaltigt, daß es kaum noch einem menschlichen Wesen ähnlich sah. Wöchnerinnen sowie ihre Säuglinge wurden grausam entkleidet und auf die Straße geworfen. Die Zahl der an diesem Tage verwüsteten Häuser oder Geschüstslokale betrügt erwa 300, und beinahe 1500 Juden standen da ohne die geringsten Lebensmittel. Vorhin war ihre Lage keine besonders glänzende. Sie lebten meistens spärlich als kleine Handwerker oder Hausierer; ihre Not ist aber jetzt unbeschreiblich. In ihrer Bestürzung flüchteten sich unsere Glaubensgenossen nach allen Richtungen, und wo sie nur hinkonnten. So kam es, daß Kinder von ihren Eltern getrennt wurden, eines blieb 24 Tage fern von seiner Familie; manche Frau wußte nicht, was aus ihrem Manne geworden; mancher Ehegatte suchte vergebens nach den Semigen. Tagtäglich werden noch zahlreiche von ihnen gegen ein beträchtliches Lösegeld sreigelassen und den ihrigen zurückgegeben. Milten in diesem Wirrwar benahmen sich die Araber zu Ouled Riso den Flüchtlingen gegenüber höchst mildtättg. Sie nahmen manche in ihre Häuser auf und gaben ihnen das Nötige zum provisorischen Lebensunterhalt- Einer von ihnen namens Mohamed ben Tam ritt sogar an der Spitze mehrerer Araber, um die verirrten Mitglieder der jüdischen Familien nachzuholen; andere Araber dagegen verhielten sich grausam, und unter dem Vorwände, den Juden ihr bißchen Geld und Ware aufzubewahren, stahlen sie alles, was sie nur konnten. Der größte Teil der Flüchtlinge aber — etwa 300 an der Zahl — begab sich nach Casablanca. In ihrer Not kamen diese Unglücklichen zum dortigen Direktor der Allianzschule, um seine Hilfe zu erflehen. Man kann sich von ihrem Zustand eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß sie, um die 50 km, die sie von Casablanka trennten, zurückzulegen, 10 Tage brauchten. Auch war der Anblick dieser verarmten und verhungerten, um ein Stück Brot, Kleidung und Unterkunft flehentlich bittenden Unglückseligen, nach dem Bericht des Direktors, ein herzzerreißender. Er ließ sofort Sammlungen in der Gemeinde Casablanca veranstalten, um den ersten und dringendsten Bedürfnissen vorzubeugen; die eingesammelten Gelder waren aber bald verzehrt. Dank der Wohltätigkeit der Juden in Casablanca und der Vermittlung der europäischen Konsuln (besonders des englischen) werden allerdings die armen Juden aus Stab für einige Zeit das tägliche Brot sowie die unbedingt nötigen Kleider erhalten. Damit ist aber noch lange nicht ihrer Lage abgeholfen. Sie müssen zunächst und bis die Ordnung in Stab wiederhergestellt ist, in Casablanca verweilen und es soll für ihren dortigen Unterhalt gesorgt werden. Ferner aber und vor allem muß an ihre baldmöglichste Repatriierung gedacht werden, die bettächtliche Summen in Anspruch nehmen dürfte, da von der früheren Wirtschaft nichts mehr besteht und also die Kosten der Wiederherstellung eines Heimes auf eine sehr bedeutende Summe zu veranschlagen sind. Die Allianz hat sofort alle Kinder der Flüchtlinge aus Stab in ihre Schule in Casablanca ausgenommen, wo sie das Mittagessen und Kleider erhalten. Sie hat auch schon vorläufig Frcs. 2000 für Hilfsmittel nach Casablanca geschickt. Aber bedeutende Gelder sind nöttg, denn die Katastrophe ist schrecklich. Andere Krawalle sollen in Marrakesch, wo 14.000 Juden wohnen, ausgebrochen sein. Da muß man auch vermutlich mit großen Geldern helfen. Das Bureau der israelittschen Allianz in W i e n, I., Weihburggaffe 10, nimmt hochherzige Spenden für die unglücklichen Glaubensgenofien dankend entgegen- Verschiedene Nachrichten. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien vom 31. Jänner 1904, unter dem Vorsitze des Vize-Präsidenten Dr. Alfred Stern, teilweise unter dem Vorsitze des Vize-Präs identen Dr. Gustav Kohn.) Vor Uebergang zur Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende der traurigen und der freudigen Ereignisse in unserer Gemeinde während des abgelaufenen Monats. Er giebt Ausdruck den Gefühlen der Trauer über das Hinscheiden zweier Mitglieder des Bethausvorstandes, indem er das überaus verdienstliche Wirken des seligen Bethausvorstehers Arthur Flaschner und des seligen Bethaus- und Chewra-Kadischa-Vorstehers Jakob Moor in einem warm empfundenen Nachrufe würdigt. Der Kultusvorstand wird diesen Heimgegangenen stets ein treues Angedenken bewahren. Weiters gedenkt der Vorsitzende in ehrenden Worten des verstorbenen Oberlehrers Philipp Brunner, der als hervorragender Pädagoge weit über die Gemarkung unserer Vaterstadt einen Namen sich erwarb und in unserer Gemeinde durch mehrere Jahre das Amt eines Prüfungskommissärs für das Religionsfach an Volks- und Bürgerschulen mit gewissenhafter Obsorge bekleidete. Auch diesen Mann wird der Vorstand stets in dankbarer Erinnerung behalten. Der Vorsitzende richtet herzliche Worte der Begrüßung an den in der Sitzung anwesenden Kultusvorsteher, Herrn Göttlich Taussig, der vor kurzem ein seltenes Doppeljubiläum, die Feier seines 70. Geburtsfestes und das 50jahrige Jubiläum seinerberuflichen Tätigkeit, beging. Das Präsidinm hat an den Jubilar eine Glückwunschadreffe gerichtet und ist der Ueberzeugung, hiemit im Sinne der Versammlung gehandelt zu haben. (Lebhafter Beifall und Zustimmung.) Das 70. Geburtsfest hat gleichfalls vor wenigen Tagen der überaus verdienstvolle Religionsprosessor und Schulinspektor Dr. Leopold Langfelder gefeiert, der durch seine langjährige mustergiltige Wirksamkeit in Lehrer- und Vorstandskreisen die vollste Anerkennung gesunden hat. Das Präsidinm hat den Genannten aus diesem Anlasse in einem Glückwunschschreiben begrüßt Mid ihm eine Ehrengabe überreicht. (Zustimmung.) Im Einlause gelangen zur Verlesung: Eine Zuschrift des gewesenen Präsidenten kaiserl. Rat Heinrich Klinger, in welcher er für die anläßlich seines Rücktrittes von der Präsidentenstelle seitens des Kultnsvorstandes an ihn gerichtete Adresse feinen Dank ansspricht. In einer weiteren Zuschrift übermittelt Herr kaiserl. Rat Heinrich Klinger einen Betrag von Nominale K 1000 zur Begründung einer Widmung unter dem Namen „Beitrag zu einem Fonde der Beamten der israelitischen Kultnsgemeinde Wien, gewidmet von Heinrich Klinger". Die jeweiligen fünfjährigen Erträgnisse des Widmungskapitales sind von einem unter dem Vorsitze des Präsidenten der Kultusgemeinde eingesetzten Konnte der Verwendung zu Gunsten eines Gemeindebeamten, beziehungsweise der Angehörigen eines solchen zuzuführen. Die Versammlung beschließt, diese Widmung unter dem Ausdrucke des wärmsten Dankes an den Spender in die Verwaltung der Kultnsgemeinde zu übernehmen. Der Vorsitzende bringt einen Bericht über die finanziellen und statistischen Ergebnisse im Verwaltungsjahre 1903 zur Kenntnis der Versammlung. In Betreff des durch den Rücktritt des Präsidenten Herrn kaiserl. Rat Klinger freigewordenen Vorstandsmandates beschließt die Versammlung in Zustimmung zu dem Anträge des Vertreter- Kollegiums, dieses Vorstandsmandat gleichzeitig mit den nächstfolgenden allgemeinen Neuwahlen zur Besetzung zu bringen. Der Antrag des Vertreter-Kollegiums, betreffend die Fortsetzung der auf einem Teile des Währinger israelitischen Friedhofes unter Oberleitung des Herrn Architekten Fleischer bereits durchgeführten Restaurierungsarbeiten in einer zweiten Abteilung dieses Friedhofes, wird nach eingehender Beratung angenommen. Mehrseitigen Anregungen Folge gebend, hat das Vertreter- Kollegium die Begründung eines Maskirbuches für die Versorgungs-Anstalt beschlossen, in welches die Namen jener verstorbenen Personen, die sich um die Anstalt in hervorragender Weise verdient gemacht haben, Aufnahme finden, bei der an den bestimmten Festtagen stattfindenden rituellen Gedächtnisfeier für die Hingeschiedenen im Betsaale der Versorgungs- Anstalt zur Verlesung gebracht und hiedurch dauernd in der dankbaren Erinnerung der Gemeinde erhalten werdeu sollen. In Zustimmung zu diesem prinzipiellen Beschlüsse genehmigt die Versammlung, daß in das Maskirbuch für die Versorgungs- Anstalt die Namen folgender Personen eingezeichnet werden: Sigmund und Nynette Edle von Wertheimstein, Hofrat Dr. Angelo Ritter von Kuh, Ludwig Bürger, Charlotte Lerner, Emilie Singer, Präsident Gustav Simon, Baronin Clara Hirsch de Gereuth, Oberingenieur Arthur Edler von Mises, Julius

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