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Die Wahrheit · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 7. Engel ausgefochten, um dessentwillen er „Israel", d. h. Gotteskämpfer genannt wurde. Anders beim jüdischen Volke in Egypten. Hier mußte dem Volke jenes höhere Wesen erst wieder zu Bewußtsein gebracht werden. Was bei den Stammvätern von innen heraus gekommen war, unbewußt, nur in Folge der eigenen Erkenntnis, das mußte von Moses dem Volke erst in schwerer Mühe und Arbeit — geistiger Arbeit natürlich — beigebrachl, gelehrt werden. Darum liegt auch kein Widerspruch darin, wenn die heilige Schrift sagt, daß das Wesen eines einigeinzigen Gottes ihnen nicht zu Bewußtsein gekommen war vros *6. Unbewußt hatten sie es e r kannt und a n e r kannt. Daß Babel ein einzig-seiendes Wesen, einen einig-einzigen Gott, wie ihn das Judentum lehrt und verehrt, je gekannt habe, ja daß es ihn nur von Ferne geahnt hätte — — wir wissen, was wir davon zu halten haben. Und merkwürdiger Weise, gesteht ja Delitzsch selbst zu, das der oberste Gott Babels, M a r d u k, in all den verschiedenen Untergottheiten sich wiederfindet. Ist das auch beim jüdischen Volke der Fall? Wir werden das gleich sehen, wenn wir das zweite Kulturmoment befragen. Ebenso hervorragend wie jener babylonische Turmbau, bildet es in seiner Bedeutung die Basis der ganzen jüdischen Weltanschauung gegenüber der übrigen Welt. Die Bibel erzählt uns von einem Traume Jakobs. Er sieht eine Aeiter von der Erde bis zum Himmel reichend und die Engel Gottes steigen aus und nieder. Diese Boten Gottes find nicht jeder in seiner eigenen Gestalt ein Gott, sondern sie führen nur die göttlichen Befehle aus, sie sind nur Diener eines Höchsten. Da liegt der eine Unterschied zwischen der babylonischen und der jüdischen Weltanschauung. Der zrveite, viel krassere Unterschied aber liegt in einem andern Worte, das sich in jener Erzählung vorfindet. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich bei dieser Gelegenheit die längst erkannte Unwahrheit eines berühmten Gemäldes hervorheben muß, eines Bildes, das alle Leser wohl in der einen oder anderen Form schon gesehen haben. Dieser Tranni Jakobs rvird ja in der Regel so dargestellt: Der schlafende Jakob, den Kops aus Steinen gebettet, neben ihm eine in die Wolken ragende Leiter mit den aus- und niedersteigenden Engeln, und oben aus der Spitze: Gott, Jakob segnend, oder ihm die Verheißung verkündend. Entspricht das nun in der Tat der Erzählung in der Bibel? Wir haben da wieder einen Beweis, wie leicht Worte mißdeutet werden, wie in die Bibel hineingedeutet wird, was gar nicht darin steht. Als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gibt, da erzählt die heilige Schrift (45,1) Josef konnte nicht länger sich zurückhalten wegen aller der neben oder um ihn Stehenden, lechaul hanizowim olow. Und nun steht bei der Himmelsleiter: (24, 13) „wehinä 'n nizow olow", Gott stand neben ihm", jedenfalls sagt die Schrift nicht, daß Gott oben auf der Leiter stand, sie läßt auch im Unklaren, ob sich olow aus die Leiter bezieht oder a u s d i e P e r s o n I a c o b, d e n n i m h e b r ü i sch e n i st d^id -Leiter männlich. Wenn es also bei Joses heißt, die Leute standen neben ihm, so kann es auch bei Jakob nicht anders heißen. Und es klingt auch viel natürlicher, daß Gott neben dem schlafenden Jacob gestanden, als in himmelweiter Ferne. Mag sich jeder die Engel des Traumes deuten wie er will, Gott stand neben dem Patriarchen Jakob. Und ein wie treffender Ausdruck hier von der Bibel gebraucht wird, geht daraus hervor, daß wenn von einer Schildwache gesprochen wird, von Jemandem, dessen ganzer Sinn auf etwas gerichtet ist, daß dann nicht das Wort omad stehen, sondern nizow oder mazow- Schildwache gebraucht wird, wie auch mazowo- Belagerungsarmee bedeutet. Und hier haben wir die jüdische Weltanschauung im Gegensätze zu jener Babels. Bei Babel der Materialiismus l in der höchsten Potenz, denn Materialismus mit Egoismus ver-! reint, ist gewiß die höchste Art von Selbstverherrlichung. Dort! indes der reinste Idealismus im Vereine mit der Anschauung j von der Gottähnlichkeit der Menschheit.! Gewiß! Im Turmbau selbst konnte keine Sünde liegen,! aber der Zweck, den Babel verfolgte, war ein solcher, der zum! Untergang führen mußte. Jener Egoismus erzeugte ein ganzes j Zeitalter von Egoisten, deren keiner die Sprache des Andern! verstanden. Jeder lebte n u r für sich, und nicht einmal das frivole Wort „Jeder für sich und Gott für uns Alle", hatte in Babel Geltung. Wie ein rother Faden geht diese Ansicht durch! die ganze alte Geschichte. Wenn Babel sich selbst als das höchste Ideal aus der Welt gehalten hat, so war dies der gleiche Stand- I Punkt, den 2000 Jahre später Lykurg, der große Gesetzgeber I Spartas, deklarierte, indem er dem Staate das ganze männliche Volk zu eigen gab und die Familie nur so nebenbei duldete, j damit der Staat nicht aussterbe. Und wieweit davon steht denn j das berüchtigte l’etät c;est moi Ludwigs XIV.?! namentlich I wenn wir diesen Ausspruch mit jenem des großen Preußenkönigs vergleichen, der sich selbst den „e r ft e ii Diener des Staates" nannte?! Betrachten wir anderseits den „j ü d i s ch e n Id e alismus", wie er uns in der Erzählung von der Himmelsleiter entgegentritt. Wie die Gottesidee nicht in himmelweiten Fernen, sondern wie sie die erste Ausgabe bei jeder Tätigkeit bildet, wie es überhaupt Nichts ohne sie gibt. Nicht heißt der Grundsatz des Judentums: Wir wollen ii n s einen Namen machen, sondern wir wollen Gottes Namen verherrlichen, indem wir in jedem Menschen ein gottähnliches Wesen sehen und ihn als solchen auch anerkennen. Und wenn wir in der traurigen Gegenwart auch dazu kommen sollten, unsern Idealismus zu verlieren, indem wir an Menschheit und Menschlichkeit verzweifeln, so müssen wir zurückschauen aus jenes Babel, das aus einem Nichts ein Etwas machen wollte; das sich göttliche Kräfte zugeschrieben; das eineu Turm bauen wollte, der in den Himmel wohl ragen, mit dem Himmel wohl eine Verbindung Herstellen sollte, bei dessen Bau sie aber vergaßen, daß der Zweck der Menschheit nicht der ist, das Irdische in den Himmel zu verpflanzen, sondern die Pflanzungen des Himmels aus die Erde zu bringen, um mit ihnen der Erde Festigkeit zu geben. Ich habe eben ein Wort des großen und redegewaltigen jüdischen Sehers, des Propheten Jesaias, paraphrasiert, wenn ich so sagen darf, uud dieses Wort könnte man in der Gegenwart so manchen zeitgenössigen Anschauungen und Bestrebungen dem Judentume entgegenhalten. Das jüdische Volk will wieder seinen alten Besitz einnehmen, aus dem es sich die Achtung einer ganzen Welt erobert hat — — so lange es eben dem Prinzipe treu war, wie es sich im Bilde von der Jakobsleiter in so treffender Weise uns darstellt. Nun soll aber diese nationale Bewegung auf rein nationaler Basis vorwärtsschreiten, während die religiöse Seite zur Privatsache herabgewürdigt wird. Damit will man also das Prinzip und die Weltanschauung Babels zur Hauptsache machen. Das jüdische Volk kann aber und wird niemals das wieder werden, was es gewesen, wenn es dieser babylonischen Verirrung sein Ohr leiht. Wir haben gerade genug Feinde u m uns, sorgen wir, daß nicht auch die inneren Feinde die Oberhand gewinnen. Möge einer auch s ü r sich die Religion als Privatsache ansehen — wenn die Führer einer jüdischen Volksbewegung erklären, das j ü d i s ch e Volk könne ohne die jüdische Religion existieren —; wenn die Führer die R a s s e n m i s ch u n g für eine Nebensache erklären und ihr Werk damit zur Farce, zur Karrikatur herabwürdigeu-dann haben sie eben die Lehren einer tausendjährigen Weltgeschichte vergessen. Und die Weltgeschichte hat noch niemals gelogen; noch niemals hat die Weltgeschichte betrogen; sie ist der unbestechlichste Richter. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." ■Ml Üi mmm

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