Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Beite 6. Die Wahrheit Nr. 6. Tage nicht vollständig gelungen. Was trägt aber Schuld an diesem Scheitern des Assimilationsprozesses? Die Zeremonialgesetze allein! Denn diese sind es, welche den konservativen Juden aller Zeiten verhinderten, in der Umgebung aufzugehen. Ein Widerspruch zwischen jüdischer Lehre und jüdischem Leben besteht nicht seit „heute", sondern schon seit „Jahrtausenden". Das Judentum in seiner individuellen Erscheinung war nie modern und wird es auch nie sein. Schon der alte Martial spottet über die jüdischen Gesetze und hat seither viele Anhänger gefunden, nicht die wenigsten in unseren Tagen. Herr Dr. Tänzer ist aber doch im Rechte, wenn er von einem 'Widerspruche zwischen jüdischer Lehre und jüdischem Leben von heute spricht; denn wir haben in der neueren Zeit eine neue Erscheinungsform des Judentums, das Reform- Judentum. Der typische Repräsentant desselben ist der glattrasierte Prediger mit der Künstlermähne. Dieser Widerspruch ist vorhanden, das läßt sich nicht leugnen. Der Sabbath ist ein Werktag geworden, die Speisegesetze werden nicht mehr beobachtet, am Passah wird gemischte Kost, gesäuertes und ungesäuertes Brot genossen, und eine Laubhütte wird der Hohenemser Rabbiner in dem fast judenreinen Tirol gewiß nicht gesehen haben. Auch die Institution der Zirkumzision, welche der gewiß nicht als Finsterling hinzustellende Leopold Zunz als Lebensnerv des Judentums bezeichnete, wird von den Resormjuden vielfach umgangen. Und diese Juden, welche der Intervention des Rabbiners nur zweimal bedürfen, bei der Trauung im Tempel und bei der Einsegnung auf dem Friedhofe, will der Hohenemser Rabbiner mit einer Reform, einer zeitgemäßen Reform des Zeremonialgesetzes beglücken! Da gibt es nur ein Mittel, um den Widerspruch zwischen jüdischer Lehre und jüdischem Leben von heute aufzuheben — das Zeremonialgesetz einfach rabbinisch zu annullieren. Wozu also eine internationale Synode mit reformatorischen Gedanken? Reformen sind nur dann am Platze, wenn sich ein lebhaftes Bedürfnis nach solchen einstellt. Reformen auf religiösem Gebiete setzen immer ein gewisses religiöses Interesse voraus. Ist aber ein solches bei den modernen Juden vorhanden? Diese haben sich selbst gründlich reformiert, indem sie alles Jüdische von sich abgeworfen haben. Der Rabbiner Dr. Marcuse speist ganz gemütlich in einer Versammlung Schinkensemmeln (Sudermann, Sokrates, der Sturmgeselle) und erteilt seinem Sohne, der sich bitter darüber beklagt, daß ihn seine christlichen Kollegen von sich weisen, den Rat, das zu sein, was seine Kollegen nicht sind — ein Mensch; er sagt ihm nicht: wenn deine Kollegen national sind, so sei auch du national, ein nationaler Jude! Sei keine Klette! Eine internationale Synode wäre, wenn sie zustande käme, ein Unglück und eine Blamage zugleich für das Judentum, denn es käme da zu einem offenen Bruche zwischen konservativem und modernem Judentume. Und das soll und muß verhindert werden. Es wird aber wohl nicht zu einer solchen Synode kommen. Die traurige Lage, der Juden.in Rußland und Rumänien, das wirtschaftliche Elend der galizischen Juden bieten ein reiches Arbeitsfeld für Jahrzehnte, auf dem sich nicht genug geistig hochstehende Juden aller Länder mit größerem und nachhaltigerem Erfolge betätigen können, als auf einer Synode, die Widersprüche zwischen jüdischer Lehre und jüdischem Leben von „heute" beseitigen soll. Neue Widersprüche könnten ja wieder schon „morgen" auftauchen. I. Robinsohn. Turmbau und Himmelsleiter. Von Herm. Berliner. (Schluß.) Die Scheide zwischen der vormosaischen und der mosaischen Epoche bildet eben jener Ausspruch der Bibel, woeroh re. Gott erschien dem Abraham, Jizchok und Jakob als El-schaddai und den Namen *n hat er ihnen nicht bekannt gegeben. Das ist ein absoluter Widerspruch, scheint wenigstens im absoluten Widerspruch mit allem Vorhergegangenen zu stehen. Man kann davon absehen, wenn die h. Schr. im 1. B. M. in e r zä h l e n d e r Weise den Namen '.-r fast auf jeder Seite benutzt. Aber wenn unsere Stammväter — und auch nicht nur sie — den Namen '.i als Erklärung zu bW?« gebrauchen, so sind das Tatsachen, die Beachtung verdienen, da darin sich eine ganz neue Weltauffassung offenbart. Ich möchte zunächst über die drei Hauptbezeichnungen Gottes in der Bibel sprechen. Erstens das etwas dunkle den man in feinem Verhältnisse zu dem heidnischen Worte am besten wie Gott zu Götzen vergleicht. Dann der Name ^rr, Mehrzahl d',-6k Gott als Allmächtiger, Richter u. dgl. Dann der vierbuchstabige Namen 'n, Gott als das ewig seiende Wesen. Die Bezeichnung '-w ist, wie gesagt, eine recht dunkle, ich möchte sie als Gott in der Natur bezeichnen. Im Gegensätze zu jener Ansicht, das von schodad zerstören, ableitet, meine ich, daß es von sodoh herstammt. Der Unterschied ist nur der: scliodad heißt niedermachen, im bösen Sinne niedertreten; sodad heißt niedermachen, imguten Sinne eggen, wie .nnlv Feld. Deshalb heißt '-w nach meiner Ansicht: Gott in der Natur, also nicht die zerstörende, sondern die hervorbringende göttliche Kraft 8ollin und Sin wurden in der Bibel ohne Punktierung gleich geschrieben und sind nicht zwei verschiedene Buchstaben, können wohl verschiedenes bedeuten, aber nur im m od ifi z i r t e n Sinne. Nun einige Beispiele für die Bedeutung des r, in spricht zum König von Sodom (15, 22) Ich erhebe meine Hand zu 'n dem höchsten Gotte. (15. 22). Ich bin '7, der Dich aus Egypten geführt hat. Abraham spricht zu Elieser (24, 3) und beschwört ihn bei n dem Gotte des Himmels, daß du keine Frau aus den Töchtern Kanaans nehmen sollst für meinen Sohn. Laban sagt (24, 30) zu Elieser: Komme Gesegneter des warum bleibst du draußen stehen, und in dem ganzen Gespräche mit Laban benutzt der treue Diener stets den Ausdruck '.n. Jizchok fleht zu n (25,21) wegen seiner Frau. Jizchok baut einen Altar (36,24) und ruft im Namen 'n, das heißt, er verkündet den Namen n. Und nun vor allem: Jakob gelobt, daß 'n ihm Gott fein soll; und vor der Begegnung mit Esau fleht Jakob: Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Jizchok, <n der zu mir sprach, kehre zurück re. Man sieht also, daß wir bezüglich der der Sendung Moses vorhergehenden göttlichen Ansprache wegen des mm du vor einer nichi geringen Schwierigkeit uns befinden. Und wir müssen zunächst versuchen, hier ein Licht hineinzubringen. Und das wird so gar schwierig nicht sein, wenn wir uns nur ein wenig in jene Zeitepoche hineinzudenken vermögen. Als Moses daran gieng, das jüdische Volk zu befreien, sah er sich einer Volksmasse gegenüber, die in jahrhundertelangem Druck degeneriert war. Das Gottesbewußtsein war längst geschwunden. Wie konnte es auch anders sein? Sehen wir doch, als die Befreiung aus der Sklaverei schon eine vollendete Tatsache war, wie das Volk sich zurücksehnte. Es wußte die Freiheit gar nicht zu würdigen! Das Bewußtsein, daß es ein höheres Wesen gab, das die Geschicke der Menschheit lenkt, das den Menschen nicht sinken läßt, wenn er selbst sich nicht sinken läßt; ein Wesen, das auch dem Menschen hilft, wenn er sich selbst zu helfen versteht — dieses Bewußtsein war den Juden völlig abhanden gekommen. Die Patriarchen kannten und erkannten in Gott den Leiter der Welten, sie erkannten in ihm jenes höhere Wesen, das von jeher war und in alle Ewigkeit sein wird; jenes Wesen, das von seiner Kraft auf die Menschen überträgt. Aber um dieses zu erkennen, brauchten sie nicht mit Menschen zu kämpfen. Sie kämpften in erster Linie gegen eine heidnische Anschauung, vor allem gegen jene, die im Menschen nur ein Stück Fleisch sieht, ohne jeden höheren Zweck; gegen jene Anschauung, der nur das eigene Ich als Höchstes galt! Darum auch mußte Abraham in andere Verhältnisse, zu seinem eigenen Besten mußte er fort aus dem Lande seiner Geburt, dorthin wo eine höhere Eingebung es ihm sagte. Das waren in der Hauptsache Geisleskämpfe, wie Jakob sie im Traume mit dem