Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Die Wahrheit Lette ö. ausschließt. Als eiust am Ausgange des Versöhnungstages das Volk den Hohenpriester stehen ließ, um den gefeierten Gesetzeslehrern Schemajah und Abtalion, die von heidnischer Abstammung waren, das Ehrengeleite zu geben, da äußerte sich der Hohepriester verletzt: ..Sehet, ich heiße Kohn, stamme von Aharon, und tiefes Volk ehrt die Abkömmlinge von Heiden!" Doch Schemaja und Abtalion dursten entgegnen: Es ist wertvoller, von den Heiden zu stammen und wie Aharon zu handeln, als Kohn zu heißen und in seinem Tun Aharon zu verläugnen. Wir Juden stehen aber nicht aus dem arischen Rassenstandpunkte, sondern geistig und moralisch unbedingt hoch über demselben. In dritter Reihe ist merkwürdiger Weise noch immer nichts von der besonderen Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit des Erzbischofs Kohn bekannt geworden, derentwillen er unbedingt mit der grauenhaften Strafe einer entwürdigenden Absetzung von solch hohem Amte gezüchtigt zu werden verdiente. Man weiß nur, daß er viele hohe und mächtige Feinde hat, die gegen ihn hetzen, ihm Fallen legen, den maßgebenden Faktoren dessen Absetzung suggerieren und in die Welt Fühler ausstrecken, indem sie ein über das auderemal seine bereits erfolgte moralische Hinrichtung melden. Als Dr. Kohn Erzbischof wurde und die alldeutschen Protestanten die Frage erhoben: was sagen die Katholiken hierzu? brachte ich in der ..Neuzeit" die Legende vom jüdischen Papste, der der Sohn eines Mainzer Rabbiners gewesen sein soll, in Erinnerung. Der Papst hatte seinen ahnungslosen Rabbiuervater nach Rom berufen und um gewaltig hohen Preis eine Schachpartie mit ihm gespielt. Gewänne der Rabbiner die Schachpartie, dann sollten die Mainzer Juden Gnade finden, gewänne der Papst, dann sollten sie ausgetrieben werden. Schon war dem bekümmerten Rabbiner ein Stein vom Herzen gefallen. Seine Partie stand prächtig, nur ein einziger Zug hätte den Papst noch retten können, aber dieser Zug war das Geheimnis seiner Familie; doch während der Rabbiner im kummerbewegren Herzen solches erwägt, hat der Papst auch schon den Zug gemacht und die Partie für sich entschieden. Da springt der Rabbinerentsetzt von seinem Sitze auf und ruft: Du bist mein Sohn Elchanan, der mir als achtjähriger Knabe entführt wurde. Wer diesen Zug machen konnte, der ist von meiner Familie! Ich bins, erwiderte der Papst. Was sagst du, Vater, aber dazu? Der Mainzer Rabbiner jedoch sprach mit entsprechender Variation das schöne Wort Schillers: Das Leben ist der Güter höchstes nicht, auch nicht Papst, oder Erzbischof, oder Beamter, oder Professor, oder im Adelscasino sein, der Uebel größtes ist: die Wahrheit nach Vorteil und Interesse messen. Der Papst- Elchanan hielt sich an des frommen Vaters Wort, erlitt den Märtyrertod und sein Andenken erhielt von seinem dichterischen Vater die rührenden Verse im Piut des Morgengebetes vom zweiten Tage Rosck-haschanah mit dem Akrostikon Elchanan beni jipol ckewlo lechaie Olom (Mein Sohn Elchanan hat ' Teil am ewigen Leben.) j Sehr lehrreich ist nun allerdings die immerhin Aufmerksamkeit erregende Geschichte des Erzbischof Dr. Kohn. Nomen est omen! Es ist, als ob dieser Kohn doch wieder einmal die sieben leuchtenden Flammen am goldenen Leuchter im Tempel der heiligen Wahrheit entzündet hätte. Wir können heute nicht mehr entscheiden, ob der Ahne Kohn sein angeborenes Judentum aus mehr oder minder edlem Motive durch den Abfall so tief beleidigt hat, aber seinem Enkel, so schien es vor Jahren, hat jene Tat immerhin gut angeschlagen. Wer will nun ermessen, wer vermöchte es auch nur zu ahnen, welches Herzleid, welche Stürme, welche ohnmächtige Wut die Brust des Mannes durchwühlen, seinen Frieden stören, sein Leben verbittern, fein schönes Glück zerfetzen. Und kein Mensch erhebt auch nur ein teilnahmvolles Wort für den wie ein Wild gehetzten Mann. Alle beteiligen sich an dem Halali, das von der hetzenden Meute ihm geblasen wird. Auch die Demokraten helfen die aristokratische Schleppe tragen. Soll es denn wirklich auch hier ausschließlich den Juden, die vor jeder Grausamkeit im Herzen erschauern, zu fragen beschieden sein, warum richtet, warum tobtet ihr nicht, warum martert ihr? Josef Mendelssohn konnte es dem Namen seines Vaters Moses doch nicht antun, sich selbst taufen zu lassen, aber seinem Kinde Bartholdi wollte er die Wege bahnen. Ein großer Künstler wäre Bartholdi auch als Jude geworden, zu 33 Jahren hatte ihn bereits der Tod ereilt. Warum hat man anfänglich den Namen Kohn so willig zur erzbischöflichen Würde erhoben? Damals mochte man sich davon Erfolge für die Propaganda zur Bekehrung der Juden versprochen haben. Warum ist der Name Kohn heute zum Anstoße geworden? Weil der Name Kohn der Rassentheorie widerstrebt, deren sich zur Zeit diese Propaganda zu bedienen bemüssigt sieht. Schneider ist ja ein Christlich-Sozialer, ein Schützling jenes Rampolla, den er so gerne als Papst gesehen Hätte, der den Dreyfushandel gefördert, Lueger empor gebracht hat, und auch er spricht von Juden oder getauften Juden, die nicht Consuln werden dürfen. Die Sttuatwn ist allseitig erhellt. Die Jndensrage besteht einfach darin: Wie läßt es sich darstellen, daß man berechtigt wäre, die Juden abzndrängen, zu mißbrauchen, in unterwürfiger Unsicherheit, in unbesoldeter Dienstbarkeit zu erhalten? Denn die Menschen erheben sich gerne übereinander, und es gilt den Völkern ganz gleich, ob die Rasse oder die Religion als hinreichender Grund ausgegeben wird. Schutzlos und tatsächlich von Gott verlassen, geradezu in einem Mauseloch gefangen wären erst die Inden nach erfolgten Masfentanfen. Schonungslos fiele man dann über die Doppeltverhöhnten her. Tüchtigkeit, freier klarer Blick, edles Selbstbewnßtsein und Treue führen uns stetig und sicher zur Erhebung. Dr. M. L. Stern. Judentum und Entwicklungslehre. Am 21. Jänner d. I. hielt Herr Dr. A. Tänzer ans Hohenems einen Vortrag ..Selbsthilfe — ein Naturgesetz", welcher die Entwicklungslehre mit dem Judentume in Einklang zu bringen suchte. Der Versuch an sich ist gewiß recht interessant, aber ein ganz vergebliches Beginnen, wenn man bedenkt, daß im Mittelpunkte der jüdischen Weltanschauung „Gott und Vorsehung" stehen, Begriffe, welche die moderne naturwissenschaftliche Forschung gänzlich ausgeschaltet hat. Der überzeugte Deszendenztheoretiker wird ebenso grundsätzlich ein Gegner jeder positiven Religion sein, wie der aufrichtige, nnmaskierte Anhänger einer positiven Religion sich als Gegner des Darwinismus deklarieren wird. Also entweder „Moses oder Darwin", aber nie und nimmer „Moses und Darwin '. Der Hohenemser Rabbiner fordert mit Rücksicht auf den Widerspruch zwischen jüdischer Lehre und jüdischem Leben „von heute" — im Interesse der jüdischen Religion — die Einberufung einer ..internationalen" Synode aller jüdischen Gelehrten und Rabbiner behufs Durchführung einer zeitgemäßen Revision des jüdischen Zeremonialgesetzes. Ein Projekt, das auf den ersten Blick gewiß L-ensation erregen kann. Vor allem müssen wir uns aber gegen den Ausdruck ..internationale Synode" wenden. Nach unserer unmaßgebenden Meinung bilden die Juden eine Nation, weshalb die Bezeichnung „internationale Synode" durchaus nicht am Platze ist. Wahrscheinlich gehört Herr Dr. Tänzer zu den Protestrabbinern, welche dem Judentume die Nationalität absprechen und es nur als Konfession hinstellen. Merkwürdigerwelse sind aber nur die sogenannten Reform-Rabbiner Verkünder dieser seltsamen Heilslehre. Das Volk, dem man seit jeher den Vorwurf gemacht hat, sich ein auserwähltes zu nennen, soll plötzlich aufhören, überhaupt ein Volk zu sein! Wenn aber das Judentum kein Volk ist, d. h. wenn es keine ethnische Individualität darstellt, dann hat es auch nicht das Recht, mit individuellen Eigenschaften vor der Außenwelt zu erscheinen; es muß seine Eigenarten ablegen und sich der Umgebung assimilieren. Nun diese Assimilierung ist bis zum heutigen