Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 6. seine Charakteristik ist mehr Farbenskizze als vollendetes Bild. Franzos' Stil ist prägnanter als der Kleists; und ich möchte den sehen, der die Huzuker Gestalten, der den Taras Barabola, die Anusia und zahllose andere wieder vergessen könnte." Mit dieser schaffenden Tätigkeit verband Franzos noch jene eines fein- und spürsinnigen Literarhistorikers. Er hat Georg Büchners sämtliche Werke und handschriftlichen Nachlaß ediert, ein „Deutsches Dichterbuch aus Oesterreich", ..Die Suggestion und die Dichtung", „Die Geschichte des Erstlingswerks", ..Aus dem 19. Jahrhundert, Briefe und Aufzeichnungen", . Ernst Schulze und Cäcilie" herausgegeben. Als Herausgeber der Wiener ..Neuen Illustrierten Zeitung" sowie als Gründer und Leiter der „Deurschen Dichtung" hat er jungen aufstrebenden Schriftstellern die Wege geebnet und diese Zeitschrift zum Mittelpunkt einer kleinen, feingebildeten Gemeinde gemacht, überhaupt eine Tätigkeit entfaltet, die in vieler Beziehung an jene L. A. Frankls als Herausgeber der „Sonntagsblütter" (mutatis mutandis) erinnert. Dabei ist der Dichter und Mensch sich bis an sein Ende treu geblieben. In welch' bitteren Wermut sich auch die erträumten Lorbeeren des jungen deutschen Schriftstellers verwandelt hatten, gleich seinem Gönner und väterlichen Freunde Berthold Auerbach, gebrochenen Herzens starb er als der treue, teilnahmsvolle Jude, schlickt und einfach, wie er in die Arena getreten. Sein Andenken bleibe gesegnet! Aus der Woche. Die klerikal-antisemitische Partei ist von einem herben Schlage getroffen worden. Man kennt den tiefen Einfluß, den der Katholische Schulverein seit langem schon auf die Gestaltung unserer politischen Verhältnisse zu nehmen in der Lage ist, nachdem zu den Mitgliedern dieses Kampfvereines zahlreiche hochmögende Mitglieder der höchsten Aristokratie gehören. Die Zwecke des Vereines gehen nicht dahin, für die religiöse Erziehung der katholischen Jugend innerhalb des Rahmens der Neuschule zu wirken, sondern die Schule überhaupt unter die Herrschaft der Kirche zu bringen. Die Errichtung des Ghetto in der Schule, das ist die Errichtung einer Scheidewand zwischen den christlichen und jüdischen Schulen, bildet gleichfalls ein heißersehntes Ziel des Kainpfvereines, das er mit Umgehung der bestehenden Gesetze, dank der hohen Patronanz, die ihm von allen Seiten gewährt wird, in Wien wenigstens zum Teile bereits erreicht hat. Die präpotente Stellung des Katholischen Schulvereines hat aber eine besondere Steigerung seit etwa zwei Jahren erfahren, als der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand dessen Protektorat übernahm. Die klerikal-antisemitische Partei hat sich niemals durch besondere Reserve ausgezeichnet. Die Wortführer des Katholischen Schulvereines haben keinen Augenblick dem Umstande Rechnung getragen, daß der Thronfolger eines Reiches, dessen Bewohner verschiedenen Konfessionen angehören, unmöglich seine Aufgabe darin erblicken könne, sich ganz und gar einer konfessionell vorurteilsvollen Partei zu verschreiben. Mit einer ebenso taktlosen als unehrerbietigen Beflissenheit wurde in der'' klerikal-antisemitischen Presse unausgesetzt daran gearbeitet, die Meinung zu verbreiten, daß der Thronfolger sich völlig mit den agitatorischen Bestrebungen des Katholischen Schulvereines identifiziere und daß sein politisches Glaubensbekenntnis im strikten Gegensätze zu jenem stehe, welches unser Kaiser einst mit den Worten proklamierte: „Meinem Herzen stehen alle meine Untertanen ohne Unterschied des Glaubens gleich nahe.' Dieses Kapital konnte die klerikal-antisemitische Partei nicht etwa aus den Kundgebungen des Erzherzogs, sondern lediglich aus der Tatsache schlagen, daß er das Protektorat des Vereines übernommen hat. Dieser ebenso illoyalen als frevlerischen Fruktifizierung ist nun ein Riegel vorgeschoben worden: es ist Klarheit darüber geschaffen wurde, daß derErz- Herzog-Thronfolger durch die Uebernahme des Protektorates über den Katholischen Schultz e r e i n keineswegs die Absicht hatte, sich prononziert für die Parteiziele einzu setzen.. Zu viel Eifer schadet. Das haben die Herren vom Katholischen Schulverein jetzt am eigenen Leibe erfahren. Ihre Begehrlichkeit ist in stetem Wachsen begriffen, ihre Anmaßung kennt keine Grenzen. Die klerikal-antisemitischen Heißsporne begnügten sich nicht damit, durch ihre Kundgebungen und Deutungen künstlich einen Gegensatz zwischen unserem edlen Monarchen und dem Thronfolger zu schaffen, der voll Verehrung zu dem erhabenen Träger der Krone emporblickt; sie erdreisteten sich, wie jetzt von a u t h e n r i s ch e r Seite derOeffentlichkeit mitgeteilt wird, an den Thronfolger mit dem Verlangen heranzutreten, er selbst möge durch eine eklatante Aeußerung in demonstrativer Weise feine Zustimmung zu den tiefeinschneidenden, agitatorischen Tendenzen des Vereines bekannt geben. Da die Vereinsleitung endlich einmal selbst offen dem Thronfolger gegenüber Farbe bekannte und ihr Vorstand mit diesem direkten Wunsche au ihn herantrat, hielt es der Erzherzog für geraten, mit aller Offenheit seinen Standpunkt klar zu legen. Er ließ die Herren nicht in Zweifel darüber, daß er nicht derjenige sei, als den sie ihn gerne in den Augen der Welt erscheinen ließen. Der Thronfolger ist, getreu den Traditionen des Herrscherhauses, ein guter Katholik, treu ergeben den Lehren seiner Religion; aber er fühlt sich, gerade als ehrlicher Bekenner seiner Religion, ebensowenig wie der Kaiser, zur religiösen Unduldsamkeit, zur konfessionellen Voreingenommenheit geneigt. Der Erzherzog soll auch dezidiert erklärt haben, daß er, wenn er einst zur Regierung gelangen sollte, keineswegs die Absicht habe, diese vom exklusiv konfessionellen Gesichtspunkte zu führen. Er sei Katholik, aber durchaus k e in U l tr a m o n t an e r. V Diese Kundgebung des Thronfolgers soll mit zermalmender Wucht die führenden Häupter des Katholischen Schulvereines getroffen haben und das Schweigen, mit welchem sie dieselbe — vorläufig wenigstens — in ihrer Presse übergehen, ist nur ein Beweis mehr dafür. Wer die klerikal-antisemitische Partei und ihre Presse kennt, wird aber auch nicht überrascht sein, wenn von dieser Seite, sobald die erste niederschmetternde Wirkung vorüber ist, der Versuch unternommen würde, durch Verdrehungen und Entstellungen den Eindruck der hochbedeutsamen Tatsache abzuschwächen. Die klerikal-antisemitische Presse hat bisher mit Mißachtung aller Pflichten der Loyalität ihren Lesern stets jene Enunziationen unseres Monarchen unterschlagen, die aus einem wahrhaft religiösen Gemüte kommend, eine Verdammung aller die Religion des Christentums schändenden antisemitischen Tendenzen enthielten. Das Schweigen des Erzherzog-Thronfolgers haben sie bisher mit nichtswürdiger Dreistigkeit fruktifiziert; seine Worte werden sie verschweigen oder entstellen; aber auch ein nachträgliches Dementi dürfte weder uns noch Andere in der Beurteilung der wahren Sachlage wankend machen. Nomen est Omen. Trotz aller national-antisemitischen Anwürfe können wir mit der größten Seelenruhe über den jüdischen Namen des Erzbischofs von Olmütz hinweggehen und aus dreifachen Gründen mag uns die jüdische Abstammung des angefeindeten Mannes kalt lassen. Der Philosoph Schopenhauer vertritt die statistisch erwiesene Erfahrung, daß sich der Charakter eines Mannes gewöhnlich nach dem der Mutter richtet, nach dem Talmud kommen hiefür die Brüder der Mutter in Betracht und religionsgesetzlich ist der Sohn einer Mischehe der Mutter Sohn. Für den Herrn Erzbischof kommen aber bereits zwei christliche, respektive arische oder tschechische Mütter in Betracht, und die verschiedenen Parteien, die gegenwärtig den österreichischen Staat zerrütten, mögen sich darüber einigen. In zweiter Reihe hat ein vernünftiger Jude noch niemals behauptet, daß der Name Kohn eine mindere Würdigkeit unbedingt